Hartmann von Aue schafft mit der Königin Laudine in seinem Roman Iwein einen facettenreichen Charakter, der sich im Spannungsfeld zwischen liebender Ehefrau und herrschender Fee bewegt. Im Verlauf der Handlung wird deutlich, dass Laudine eine vielschichtige Figur darstellt, die einerseits „selbstsicher, berechnend und kalt gegenüber Iwein [auftritt], als er ihren Vorstellungen eines Partners nicht entspricht“ , andererseits jedoch auch Charakterzüge einer liebenden Ehefrau offenbart. Diese beiden Rollen werden im Folgenden näher analysiert. Während der Betrachtung einzelner Szenen des Artusromans fällt der Fokus auf die jeweilig vorherrschenden Persönlichkeitsmerkmale Laudines. Als Anschauungsobjekt dient lediglich der Roman Hartmanns von Aue, nicht aber die französische Vorlage Chrétiens de Troyes.
Zu Beginn werden die Begriffe „liebende Ehefrau“ und „herrschende Fee“ in Bezug auf die Literatur des Mittelalters operationalisiert, damit eine Zuordnung der Charaktermerkmale gelingt. Das dritte Kapitel dient der Betrachtung der Burg Laudines und ihrer Quelle. Im Anschluss daran fällt der Fokus auf Laudines Trauer in Folge Askalons Tod und den daraus abzuleitenden Annahmen bezüglich der Rolle, die Laudine in diesem Abschnitt des Romans einnimmt. Darauf folgend wird Laudines Eheabsicht hinterfragt, woran sich im sechsten Kapitel die Analyse der Beweggründe für die Ringrückforderung anschließen. Final erfolgt eine Interpretation der Wiedergewinnungs- und der Kniefallszene am Schluss des Iweins.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Merkmale einer vrouwe und einer Fee
3. Laudines Burg und die Quelle
4. Laudines Trauer
5. Ringübergabe – Laudines Eheabsicht
6. Die Ringrückforderung
7. Die Wiedergewinnung und der Kniefall Laudines
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ambivalente Charakterdarstellung der Königin Laudine im Roman Iwein von Hartmann von Aue. Ziel ist es, die Figur in ihrem Spannungsfeld zwischen der Rolle als liebende Ehefrau und der einer herrschenden Fee tiefgehend zu analysieren und die Motive ihres Handelns in zentralen Schlüsselszenen zu hinterfragen.
- Charakterisierung der höfischen Ehefrau (vrouwe) versus Feenwesen.
- Analyse von Laudines Herrschaftsraum (Burg und Quelle).
- Untersuchung der psychologischen Dynamik von Trauer und Eheabsicht.
- Die Funktion der Ringrückforderung als Ausdruck politischer Macht.
- Interpretation von Versöhnung und Kniefall am Ende des Romans.
Auszug aus dem Buch
4. Laudines Trauer
Nach dem Tod Askalons trägt Laudine die Trauer um den Verlust ihres Mannes öffentlich nach außen. Sie zeigt sich verletzlich und betrübt, erwähnt, dass ihr Leben ohne ihn keinen Sinn mehr hat und sie lieber sterben möchte, als ohne ihn leben zu müssen:
von jâmer sî vürder brach
ir hâr und diu cleider.
ezn dorfte nie wîbe leider
ze dirre werlte geschehen:
wand sî muose tôten sehen
einen den liebsten man
den wîp ze liebe ie gewan. (v.1310-1316)
und gewerte mich einer bete,
daz er mich lieze varn mit dir.
waz sol ich, swenne ich dîn enbir?
waz sol mir guot unde lîp?
waz sol ich unsӕlic wîp?
ouwê daz ich ie wart geborn!
ouwê wie hân ich dich verlorn?
ouwê, trûtgeselle. (v. 1464-1471)
Diese Klagen Laudines lassen die Liebe zu ihrem getöteten Mann sehr deutlich erkennen. Es gibt keinen Zweifel an der Echtheit ihrer Trauer und ihrer aufrichtigen Gefühle. An dieser Stelle treten Laudines Persönlichkeitsmerkmale einer liebenden Ehefrau besonders hervor. Es sind keine Anzeichen einer Fee zu erkennen, die ihrer Emotionen und Reaktionen in dieser Situation Herr gewesen wäre. In der Rolle der Fee und Herrscherin hätte sie wohl kaum die Fassung verloren und sich die Haare gerauft oder sich die Kleider vom Leib gerissen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung operationalisiert die zentralen Begriffe und skizziert die methodische Vorgehensweise bei der Untersuchung Laudines als vielschichtige Romanfigur.
2. Merkmale einer vrouwe und einer Fee: Hier werden die literarischen Idealtypen der höfischen Dame und des Feenwesens definiert, um Laudines Eigenschaften kontrastierend einzuordnen.
3. Laudines Burg und die Quelle: Dieses Kapitel analysiert die mystischen Elemente von Laudines Umgebung und deren Verbindung zum Konzept der Anderswelt.
4. Laudines Trauer: Die Untersuchung der Klageszenen nach Askalons Tod belegt Laudines aufrichtige Emotionen als liebende Ehefrau.
5. Ringübergabe – Laudines Eheabsicht: Diese Analyse legt offen, dass Laudines Heirat mit Iwein vorrangig ein politisches Zweckbündnis zur Herrschaftssicherung darstellt.
6. Die Ringrückforderung: Der Fokus liegt hier auf Laudines agieren als herrschende Fee, die das Scheitern Iweins an seinen Pflichten rechtlich sanktioniert.
7. Die Wiedergewinnung und der Kniefall Laudines: Die Interpretation der Versöhnung zeigt, wie Laudine erneut zwischen ihrer Rolle als Königin und liebende Ehefrau vermittelt.
8. Fazit: Das abschließende Kapitel fasst die Ambivalenz Laudines zusammen, die sich auch am Ende des Romans nicht eindeutig auf eine der beiden Rollen festlegen lässt.
Schlüsselwörter
Laudine, Iwein, Hartmann von Aue, Mittelalter, Artusroman, Feenwesen, höfische Ehefrau, Ringmotiv, Herrschaftssicherung, Minne, Anderswelt, soziale Rollen, Literaturanalyse, Vrouwe, politische Verantwortung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Figur der Königin Laudine in Hartmann von Aues Iwein und analysiert ihr wechselhaftes Handeln zwischen den Rollen als liebende Ehefrau und machtvolle, feengleiche Herrscherin.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die höfische Typologie von Frauenfiguren, die politische Funktion von Ehe im Mittelalter, die Symbolik der Anderswelt sowie die psychologische Wandlungsfähigkeit von Literaturfiguren.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Laudine nicht als eindimensionale Figur zu verstehen, sondern aufzuzeigen, wie sie durch ihre wechselnden Identitäten und sozialen Verpflichtungen ein komplexes Spannungsfeld innerhalb des Romans erzeugt.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse einzelner Schlüsselszenen des Romans unter Einbeziehung zeitgenössischer Sekundärliteratur zu Feendarstellung und höfischem Sozialverhalten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch entlang der Handlung: von der Charakterisierung Laudines, über die Analyse ihrer Burg und Quelle, die Trauerphase, die Eheabsicht, die Ringrückforderung bis hin zur abschließenden Versöhnungsszene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Laudine, Iwein, Feenwesen, höfische Vrouwe, Herrschaftssicherung, politisches Zweckbündnis und literarische Ambivalenz.
Warum spielt die Ringrückforderung eine so wichtige Rolle für das Verständnis der Figur?
Die Ringrückforderung markiert den Moment, in dem Laudine ihre Rolle als politische Herrscherin über ihre persönlichen Gefühle stellt. Sie agiert hier konsequent nach rechtlichen Normen, was sie als mächtige, unabhängige Instanz erscheinen lässt.
Welche Bedeutung kommt dem Kniefall Laudines am Ende zu?
Der Kniefall stellt eine dramatische Geste dar, die Laudines Versöhnungsbereitschaft unterstreicht. Er symbolisiert den Moment, in dem die liebende Ehefrau die Oberhand über die strenge Herrscherin gewinnt, ohne jedoch das Spannungsfeld vollends aufzulösen.
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- Sarah Sander (Author), 2015, Laudine in Hartmann von Aues "Iwein", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/374277