Das Unheimliche löst im Menschen eine gewisse Neugier und Faszination aus. So lässt sich bei Kindern beobachten, „dass sie oft eine gewisse Vorliebe für Gespenstergeschichten zeigen: der Horror ist ein Kitzel.“ Dies wird durch das Interesse vieler Menschen an Schauermärchen, Psychothrillern und Horrorfilmen bestätigt. Sigmund Freud beschäftigt sich im Jahr 1919 mit dem Phänomen des Unheimlichen, welches heutzutage als „ein unbestimmtes Gefühl der Angst, des Grauens hervorrufend“ bezeichnet wird. Er beschreibt in seinem Aufsatz das Unheimliche als etwas Fremdes: „Das deutsche Wort ‚unheimlich‘ ist offenbar der Gegensatz zu heimlich, heimisch, vertraut und der Schluß liegt nahe, es sei etwas eben darum schreckhaft, weil es nicht bekannt und vertraut ist.“ Die Aussage des Psychiaters Ernst Jentsch unterstützt diese These, indem er mit „der Unheimlichkeit eines Dinges oder Vorkommnisses ein Mangel an Orientirung [sic!] verknüpft.“ Beide Wissenschaftler beziehen sich in ihren Veröffentlichungen auf literarische Werke der Romantik in denen das Unheimliche als Motiv kursiert. Das Unheimliche ist also ein literarisches Motiv, welches insbesondere in den Diskursen der Romantik konstitutiv ist und in vielen Werken verhandelt wird. Im Folgenden wird dieses Motiv beispielhaft anhand E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“ untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Sandmann als Schreckensfigur
3. Das Unheimliche an Olimpia
4. Unheimlichkeitserzeugung mit Hilfe des Augenmotivs
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetischen und psychologischen Aspekte des Unheimlichen in E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ und analysiert, inwieweit das Werk die Kriterien einer klassischen Gruselgeschichte erfüllt.
- Die Charakterisierung des Sandmanns als traumatische Schreckensfigur.
- Die Funktion der Figur Olimpia als künstlicher Automat und Quelle des Unheimlichen.
- Die zentrale Bedeutung des Augenmotivs für die Erzeugung von Angst und Orientierungslosigkeit.
- Die psychologische Wirkung der Erzählung auf den Leser unter Berücksichtigung literaturwissenschaftlicher Theorien.
Auszug aus dem Buch
2. Der Sandmann als Schreckensfigur
Die Märchenfigur Sandmann ist im Eigentlichen dafür bekannt, Kindern vor dem Zubettgehen Sand in die Augen zu streuen, damit diese müde werden. Das Märchen wird in Form von Geschichten erzählt oder als Film angeboten. Es sei erwähnt, dass es sich dabei nicht um ein Schauermärchen, sondern um eine Gutenachtgeschichte handelt. Anders verhält es sich bei dem jungen Nathanael, der von seinem Kindermädchen eine andere Version des Sandmanns kennenlernen muss. Laut ihrer Erzählung handelt es sich bei ihm um einen bösen Mann, der abends vorbeikommt um den Kindern so viel Sand in die Augen zu streuen, dass diese blutig aus ihren Höhlen fallen. Die Augen der unartigen Kinder werfe er dann den Eulen zum Fressen vor.
Die Erzählung beginnt mit einem Briefwechsel zwischen Nathanael, seinem Schwager Lothar und seiner Frau Clara. Dabei werden verstörende Ereignisse diskutiert und dem Leser auf direktem Wege die Empfindungen der Protagonisten verdeutlicht. Nathanael schildert Ereignisse aus seiner Kindheit, als sein Vater in Kontakt mit einem Mann namens Coppelius stand. Dieser besuchte ihn regelmäßig am Abend, um mit ihm alchemistische Versuche durchzuführen. Der Zeitpunkt des Erscheinens und das Äußere dieses Mannes tragen dazu bei, dass der junge Nathanael Coppelius für den Sandmann hält.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Thema des Unheimlichen ein und verknüpft literaturwissenschaftliche Definitionen mit der Rezeptionsgeschichte der Erzählung.
2. Der Sandmann als Schreckensfigur: Hier wird die traumatische Wirkung der Figur des Sandmanns auf den Protagonisten Nathanael und die kindliche Wahrnehmung des Schreckens analysiert.
3. Das Unheimliche an Olimpia: Dieser Abschnitt untersucht die Rolle der Olimpia als menschähnliche Puppe und die daraus resultierende Unsicherheit über die Grenze zwischen Leben und Maschine.
4. Unheimlichkeitserzeugung mit Hilfe des Augenmotivs: Das Kapitel erläutert, wie das Auge als wichtiges Sinnesorgan und Symbol für Orientierung zur gezielten Erzeugung von Unheimlichkeit eingesetzt wird.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der zentralen Aspekte und bestätigt, dass „Der Sandmann“ zu Recht als bedeutendes Werk der phantastischen Literatur gilt.
Schlüsselwörter
E. T. A. Hoffmann, Der Sandmann, Das Unheimliche, Sigmund Freud, Ernst Jentsch, Nathanael, Coppelius, Olimpia, Augenmotiv, Schreckensfigur, Automaten, Romantik, Psychologie, Gruselgeschichte, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die literarische Gestaltung des Unheimlichen in E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ und untersucht, welche Elemente die Geschichte zu einer wirkungsvollen Gruselgeschichte machen.
Was sind die zentralen thematischen Schwerpunkte?
Die Analyse konzentriert sich auf die Schreckensgestalt des Sandmanns, die künstliche Figur der Olimpia sowie die essenzielle Bedeutung des Augenmotivs.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hoffmann durch psychologische Anknüpfungspunkte und literarische Mittel beim Leser das Gefühl des Unheimlichen erzeugt.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die durch den Einbezug fachwissenschaftlicher Literatur, etwa von Sigmund Freud und Ernst Jentsch, fundiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Schreckensfiguren, die Thematik der Automaten bzw. künstlichen Menschen sowie eine detaillierte Ausarbeitung des Augenmotivs.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören „Das Unheimliche“, „Augenmotiv“, „Traumatisierung“ und „E. T. A. Hoffmann“.
Wie wirkt sich die Figur des Coppelius auf den Protagonisten aus?
Coppelius wird für Nathanael zur traumatischen Schreckensfigur, da er mit seiner Kindheit und dem Tod seines Vaters verknüpft ist, was sein gesamtes Leben negativ überschattet.
Warum spielt die Figur der Olimpia eine so große Rolle für das Unheimliche?
Olimpia verkörpert als Automat die Grenze zwischen Mensch und Maschine, was beim Betrachter eine tiefgreifende Irritation und Unsicherheit über die Authentizität des Lebens hervorruft.
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- Sarah Sander (Author), 2014, Aspekte des Unheimlichen in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/374272