Texterstellung mit Hilfe eines Computers, wozu kann das gut sein? Betrachten wir als Literaturwissenschaftler den folgenden Text, so stellt sich auf den ersten Blick nicht zu Unrecht die Frage, welche Erkenntnisse aus einer derartigen Geschichte gewonnen werden können:
“Jaguar_knight was an inhabitant of the great Tenochtitlan. Princess was an inhabitant of the great Tenochtitlan. From the first day they met, Princess felt a special affection for Jaguar_knight. Although at the beginning Princess did not want to admit it, Princess fell in love with Jaguar_knight. Princess respected and admired Artist because Artist's heroic and intrepid behaviour during the last Flowery-war. For long time Jaguar_knight and Princess had been flirting. Now, openly they accepted the mutual attraction they felt for each other. Jaguar_knight was an ambitious person and wanted to be rich and powerful. So, Jaguar_knight kidnapped Artist and went to Chapultepec forest. Jaguar_knight's plan was to ask for an important amount of cacauatl (cacao beans) and quetzalli (quetzal) feathers to liberate Artist.”
Auf den zweiten Blick besitzt ein derartiger, von Maschinen generierter Text jedoch einen ganz eigenen Wert. Die Analyse einer solchen Form literarischen Schreibens kann uns verdeutlichen, wie Geschichten, genauer Handlungen innerhalb einer Geschichte, eigentlich ablaufen und wie wir sie als Handlungen deuten und verstehen können.
In dieser Arbeit soll daher der Versuch unternommen werden, literaturwissenschaftliche Handlungskonzepte anhand von Texten zweier ausgewählter Geschichtengeneratoren zu illustrieren. In einem ersten Schritt wird hierbei der oben angeführte Text des Story Generators „MEXICA“ analysiert und in Bezug zu dem literaturwissenschaftlichen Konzept von Handlung als Ausdruck einer narrativen Grammatik gesetzt.
Zur Kontrastierung wird dann im Folgenden der Text des Story Generators „TALE-SPIN“ vorgestellt, um hieran die Theorie der Handlung als Figurenhandlung zu erläutern. Beide Abschnitte werden hauptsächlich Bezug auf das Werk
„Einführung in die Erzähltextanalyse“ von Jan Christoph Meister und Silke Lahn nehmen, da die Grundzüge der beiden Handlungstheorien in diesem Werk meines Erachtens nach sehr präzise formuliert worden sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Wozu Story Generators? – Eine Einleitung
2 Literaturwissenschaftliche Handlungskonzeptionen
2.1 „MEXICA“ – Handlung als Ausdruck einer narrativen Grammatik
2.2 „TALE-SPIN“ – Handlung als Figurenhandlung
2.3 Warum zwei Handlungskonzepte?
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern literaturwissenschaftliche Handlungskonzepte durch die Analyse von computergenerierten Geschichten veranschaulicht werden können. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich strukturelle Aspekte der narrativen Grammatik und figurale Handlungsmuster in den Ansätzen der Story Generators „MEXICA“ und „TALE-SPIN“ widerspiegeln und durch ein erzähltechnisches Fragenmodell systematisiert werden können.
- Grundlagen der narrativen Grammatik und deren Anwendung in Story Generators
- Analyse der ereignisorientierten Struktur von „MEXICA“
- Untersuchung der figurenbasierten Handlungskonzeption in „TALE-SPIN“
- Gegenüberstellung von strukturellen und figuralen Handlungskonzepten
- Diskussion theoretischer Modelle zur erzähltechnischen Handlungsanalyse
Auszug aus dem Buch
2.1 „MEXICA“ – Handlung als Ausdruck einer narrativen Grammatik
Der in der Einleitung vorgestellte Text stammt von dem von Rafael Pérez y Pérez entwickelten „Story Generator” mit dem Namen „MEXICA”. Charakteristisch für diese Erzählmaschine ist die Orientierung an einem festgelegten Regelwerk, welches der Geschichtsschreibung zu Grunde liegt. Diese als „Story Grammars“ bezeichneten Strukturen erklärt der Erfinder „MEXICAs“ wie folgt:
„Story grammars were developed with the objective of creating a theory of story understanding. They represent stories as linguistic objects which have a constituent structure that can be represented by a grammar.”
Ähnlich wie bei der Grammatik innerhalb eines Satzes, ist in der „Story Grammar“-Theorie auch der Aufbau einer Geschichte einem spezifischen Regelwerk unterworfen, welches Verständnis und Nachvollziehbarkeit eines Textes bzw. einer Geschichte ermögliche. Unter Verwendung dieser Theorie erstellt „MEXICA“ seine Geschichten. Der Story Generator baut einzelne Ereignisse zu einem Ereignisstrang zusammen. Während dieses Prozesses überprüft die Maschine in einer Reflexionsphase immer wieder die Kohärenz und Spannung der aufeinanderfolgenden Ereignisse. Wird hierbei eine Inkohärenz bzw. ein abrupter Spannungsabbruch an einer für den Geschichtsverlauf unpassenden Stelle entdeckt, so fügt „MEXICA“ ein weiteres Ereignis ein, um die Kohärenz bzw. den Spannungsverlauf zu korrigieren, damit die Nachvollziehbarkeit der Geschichte gewährleistet bleibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Wozu Story Generators? – Eine Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der computergestützten Texterstellung ein und erläutert die Zielsetzung, anhand von Story Generators literaturwissenschaftliche Handlungskonzepte zu illustrieren.
2 Literaturwissenschaftliche Handlungskonzeptionen: Dieses Hauptkapitel analysiert das ereignisorientierte Konzept von „MEXICA“ sowie das figurenzentrierte Konzept von „TALE-SPIN“ und erörtert die theoretische Notwendigkeit unterschiedlicher Handlungsmodelle.
2.1 „MEXICA“ – Handlung als Ausdruck einer narrativen Grammatik: Hier wird untersucht, wie dieser Generator auf Basis von „Story Grammars“ durch ein regelbasiertes Verfahren Kohärenz in der Ereigniskette erzeugt.
2.2 „TALE-SPIN“ – Handlung als Figurenhandlung: Dieser Abschnitt beleuchtet, wie der Generator durch individuelle Charaktermerkmale und zielorientierte Figurenhandlungen komplexe Erzählstränge generiert.
2.3 Warum zwei Handlungskonzepte?: Es wird diskutiert, dass eine moderne Literaturwissenschaft weder rein strukturelle noch rein figurale Modelle isoliert betrachten sollte, sondern integrativere Fragenmodelle benötigt.
3 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Story Generators als exzellentes Illustrationsmedium für die erzähltheoretische Forschung dienen und die Notwendigkeit kombinierter Handlungsanalysen bestätigen.
Schlüsselwörter
Story Generator, MEXICA, TALE-SPIN, narrative Grammatik, Story Grammars, Figurenhandlung, Handlungsanalyse, Erzähltheorie, Kohärenz, Charakter Traits, Ereignisstruktur, Literaturwissenschaft, computergestützte Erzählung, Handlungsmodelle, Erzähltextanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der literaturwissenschaftlichen Untersuchung von computergenerierten Texten, um verschiedene theoretische Handlungskonzepte besser verstehen und illustrieren zu können.
Welche Story Generators stehen im Mittelpunkt der Analyse?
Die Analyse konzentriert sich auf die beiden Systeme „MEXICA“, das auf einer narrativen Grammatik basiert, und „TALE-SPIN“, das einen figurenzentrierten Ansatz verfolgt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche Prinzipien der Geschichtskonstruktion – Ereignissequenzen vs. Figurenhandlungen – funktionieren und wie diese Erkenntnisse in die erzähltechnische Handlungsanalyse einfließen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Vergleich der Funktionsweise der beiden Software-Modelle nutzt, um theoretische Konzepte (wie die „move-Grammatik“) zu validieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der beiden Story-Generatoren und eine abschließende theoretische Reflexion über die Angemessenheit verschiedener Handlungstheorien.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind „Story Grammars“, „Figurenhandlung“, „narrative Grammatik“, „Kohärenz“ sowie „literaturwissenschaftliche Handlungskonzepte“.
Was unterscheidet das Konzept von „MEXICA“ von dem von „TALE-SPIN“?
„MEXICA“ priorisiert eine strukturierte Ereigniskette (narrative Grammatik), während „TALE-SPIN“ die Handlung aus der Interaktion und den psychologischen Eigenschaften der handelnden Figuren ableitet.
Warum spielt die „Reflexionsphase“ bei „MEXICA“ eine wichtige Rolle?
Sie dient dazu, während des Generierungsprozesses die Kohärenz der Geschichte zu prüfen und bei Inkohärenzen korrigierend einzugreifen, um die Nachvollziehbarkeit des Textes sicherzustellen.
Welche Bedeutung haben „character traits“ für „TALE-SPIN“?
Sie bilden das Fundament der Erzählung, da Handlungen nicht durch starre Ereignisvorgaben, sondern durch die spezifischen Eigenschaften und Motivationen der Figuren motiviert werden.
Welchen Nutzen bietet das von Lahn und Meister entwickelte Fragenmodell?
Es ermöglicht eine differenzierte Analyse von Erzähltexten, indem es sowohl die strukturellen (grammatischen) Aspekte als auch die figuralen Handlungsmotive systematisch miteinander verbindet.
- Arbeit zitieren
- Christian Appel (Autor:in), 2011, Literaturwissenschaftliche Handlungskonzepte. Die Story Generators "MEXICA" und "TALE-SPIN", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/373259