Fußball ist ein wenig beachtetes Thema in der Germanistik, das sich jedoch, ähnlich wie andere Modernisierungsphänomene des zwanzigsten Jahrhunderts, in allen Bereichen der Literatur wiederfindet. Neben dem Film und der Popmusik hat sich der Sport zu einer typischen Massenerscheinung entwickelt. Dies gilt bis heute: Jede Saison ziehen bis zu 10 Millionen Zuschauer in die Fußballstadien, über acht Millionen Fernsehzuschauer hat die Bundesliga jeden Samstag in der Spielzeit. Während der Weltmeisterschaften werden sogar ansonsten uninteressierte Menschen zu Fußballfans.
Mit dieser Arbeit wird versucht, zwei scheinbar unvereinbare Dinge zusammenzubringen: Fußball und Literatur. Die Idee dazu kam mir durch die Lektüre des Romans "Ballfieber (Fever Pitch)"1 des englischen Autors Nick Hornby, der im Frühjahr 1996 in kürzester Zeit zu einem Kultbuch unter Fußball- und Literaturbegeisterten wurde. Hier war die Verbindung von Fußball und Literatur bestens geglückt. "The best football book ever was written"2 begeisterte auch die Kritiker des Feuilletons, und die tageszeitung (taz) schwärmte: "»Fever Pitch« gehört mindestens zu den besten Büchern der neunziger Jahre."
Wie kommt es, daß in der deutschen Literatur ein derartiges Massenphänomen wie Fußball nur als Marginalie vorkommt? Um diese Frage zu beantworten, war es auch nötig, die Ursprünge des Fußballs in Deutschland anhand von literarischen Texten zu betrachten. Das machte eine umfangreiche Recherche nötig. Außer in satirischen oder ironischen Texten, in Kolportagegeschichten, in der Kategorie "Heiteres" und im Jugendbuch waren mir Fußballtexte bis dahin kaum bekannt. Bei der weiteren Suche stellte sich heraus, daß aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg keine Texte zu finden waren. Dies hing offensichtlich mit der mangelnden gesellschaftlichen Präsenz des Fußballs im Kaiserreich zusammen. Im zweiten und dritten Kapitel soll deshalb gezeigt werden, wie mit der zunehmenden Popularisierung des Sports in Deutschland auch der Fußball ein literarisches Thema wurde. Mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt sich das vierte Kapitel. Hier sollen die Zusammenhänge von Fußball und Gesellschaft des "Dritten Reichs" behandelt werden...
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1 Nick Hornby: Ballfieber – Die Geschichte eines Fans, Hamburg 1996
2 René Martens: Ich träume von George - und Charlie N., in: die tageszeitung (taz) vom 20.4.96, S.24
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Fragestellung
2. Eine kurze Geschichte des Fußballs in Deutschland
2.1. "Das englische Spiel" - Vom Volksfußball zum Schulsport
2.2. Die Weimarer Republik und der Breitensport
3. Die zwanziger Jahre - Fußball als Modernisierungsphänomen
3.1. "Der Fußballwahn ist eine Krank-" - Joachim Ringelnatz
3.2. Der Ball auf der Bühne - Fußballspieler und Indianer
3.3. Ein Tag im Stadion - Die Fußballplatzangst des Karl Valentin
4. "Feldherren der Fußballschlachten" - Fußball im "Dritten Reich"
4.1. Sport als Propagandainstrument
4.2. Mitläufer und Täter - Fußballspieler im "Dritten Reich"
4.3. Kaffehauskultur und Fußball - Literatur in den dreißiger Jahren
4.3.1. Die Wiener Schule - jüdische Literatur und der Sport
4.3.2. "Er spielte stets, er kämpfte nie" - Mathias Sindelar und der öster- reichische Fußball der dreißiger Jahre
4.3.3. Der Tod eines Fußballspielers - Friedrich Torberg
5. "Das Wunder von Bern" 1954 - Fußball, Mythen und Politik
5.1. Der deutsche Fußball nach dem Zweiten Weltkrieg
5.2. Wir sind wieder wer!
5.3. "Vor dem Spiel ist nach dem Spiel" - Die Herberger-Legende
5.4. Das Unverständnis der Dichter- Literatur der fünfziger Jahre
5.5. "Toni, du bist ein Fußballgott!" - Der Sonntag, an dem Friedrich C. Delius Weltmeister wurde
5.6. Verschwörungen im "Hexenkessel von Göteborg" - WM 1958
6. Fußballgedicht und Wembleytor – Die sechziger Jahre
6.1. Die Modernisierung des Spiels
6.2. Das Tor von Wembley - WM1966 in England
6.3. Ablehnung und Annäherung - die Literatur der sechziger Jahre
6.3.1. Die Belagerung von Müngersdorf - Heinrich Böll
6.3.2. Uweh uweh uweh!- Die jungen Wortspieler
6.3.3. Die Angst des Dichters beim Elfmeter - Peter Handke
6.3.4. Die Weltmeisterschaftskrimis von Erich Loest - Fußball in der DDR
7. Utopie und lange Mähnen - Der Fußball in den Siebzigern
7.1. Die Befremdung der Linken - Faszination und Skepsis
7.2. "Sozialaufsteiger am Ball" - Fußball und zaghafter Kapitalismus
7.3. Der Mythos vom linken Fußballer
7.3.1. Bayern oder Gladbach, rechts oder links?
7.3.2. "Netzer kam aus der Tiefe des Raums"
7.4. Die Frankfurter Eintracht und die Neue Frankfurter Schule
8. Fußball als literarischer Auftrag - Eckhard Henscheid und Ror Wolf
8.1. "Fußball ist wichtiger als Camus" - Die Verbindung von Hochkultur und Fußball bei Eckhard Henscheid
8.2. Texte aus der Tiefe des Raums - Intellektuelle Offenbarungen
8.3. "Inmitten gewalt'gen Gestöhnes" - Das Ende der deutschen Fußballherrlichkeit
8.4. "Im Fußball findet sich eine ganze Menge Welt" - Das fußballerische Werk von Ror Wolf
8.4.1. "Punkt ist Punkt" - Ror Wolfs literarische Fußballtexte
8.4.2. "Ball, Ball, Ball, Ball, Ball, Ball ...- Die Hörspiel-Collagen
8.4.3. "Rotweißrot ins Himmelreich" - Die Stunde des Edi Finger
9. Die achtziger Jahre
9.1. Die Befreiungstheorie des Fußballs - Das Menotti-Manifest
9.2. Die Schande von Gijon - WM 1982
9.3. Die Suche nach einer Ästhetik des Fußballs - Die Literatur der achtziger Jahre
9.3.1. Die neue deutsche Innerlichkeit
9.4. Hymnen und Hohn - Eckhard Henscheid zum zweiten
9.4.1. "Hymne auf Bum Kun Cha" - Erhabenheit und Parodie
9.4.2. Standardsituationen - Die Isolation der Intellektuellen
9.5. "Herr Maradona in der Heldenrolle" - Ein modernes Epos
10. Von der Ästhetik des Fußballs
10.1. Die Besonderheiten des Fußballs
10.2. Die Liebe zum Fußball
10.3. Die unerfüllte Liebe der Intellektuellen
10.4. Die wahre Liebe findet im Stadion statt
10.5. It's a Man‘s World - Ein Exkurs
10.6. "Sie konnten zueinander nicht kommen..." - Die Intellektuellen und der Sport
11. Fußballboom und Bücherschwemme - Die neunziger Jahre
11.1. Deutschland gegen den Rest der Welt - WM 1990
11.2. Fußball und Privatfernsehen
11.3. "Vanitas! vanitatum vanitas!" - Der Untergang der DDR-Oberliga - Ein Exkurs
11.4. Fußballboom und Bücherschwemme - Literatur in den Neunzigern
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die bisher wenig beachtete Verbindung zwischen dem Massenphänomen Fußball und der deutschsprachigen Literatur. Ziel ist es, die Gründe für die lange Zeit randständige literarische Behandlung des Fußballs zu analysieren, historische Ursprünge zu beleuchten und das ambivalente Verhältnis von Intellektuellen zum Sport über verschiedene Jahrzehnte hinweg aufzuzeigen.
- Historische Entwicklung des Fußballs in Deutschland
- Die literarische Verarbeitung von Fußball im 20. Jahrhundert
- Das Verhältnis von Intellektuellen und Fußball
- Die Rolle von Mythen, Politik und Ästhetik im Fußball
Auszug aus dem Buch
3.1. "Der Fußballwahn ist eine Krank-" - Joachim Ringelnatz
Eines der frühesten Werke fußballerischer Lyrik ist das Gedicht "Fußball (nebst Abart und Ausartung)" von Joachim Ringelnatz aus dem Jahr 1919. Er beschreibt die Geschichte eines vom Fußball Besessenen, der "psychopathisch rundum und generell auf alles reagiert, was sich ihm auch nur in fußballähnlicher Form offeriert"17, so Karl Riha. Der Titel des Gedichts ist Programm: "Fußball (nebst Abart und Ausartung)".
"Der Fußballwahn ist eine Krank- Heit, aber selten, Gott sei Dank. Ich kenne wen, der litt akut An Fußballwahn und Fußballwut. Sowie er einen Gegenstand In Kugelform und ähnlich fand, So trat er zu und stieß mit Kraft Ihn in die bunte Nachbarschaft." Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel Ein Käse, Globus oder Igel, Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar, Ein Kegelball, ein Kissen war, Und wem der Gegenstand gehörte, Das war etwas, was ihn nicht störte."18
Ringelnatz' Gedicht erinnert den Leser an ähnlich klingende literarische Vorfahren, etwa die Gedichte Wilhelm Buschs19 oder die Reime im "Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann20, und ähnlich altpädagogisch wird im Text auch versucht, den kickenden Helden zu bremsen:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Fragestellung: Die Einleitung motiviert die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Fußball in der Literatur und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach dessen Marginalisierung.
2. Eine kurze Geschichte des Fußballs in Deutschland: Dieses Kapitel skizziert die Anfänge des Fußballs, von den Vorläufern bis zum Aufstieg zum Massenphänomen während der Weimarer Republik.
3. Die zwanziger Jahre - Fußball als Modernisierungsphänomen: Es wird analysiert, wie Fußball als kulturelles Phänomen Einzug in Texte von Autoren wie Ringelnatz und Valentin fand.
4. "Feldherren der Fußballschlachten" - Fußball im "Dritten Reich": Dieses Kapitel behandelt die Instrumentalisierung des Sports durch die Nationalsozialisten und die Flucht der Fußball-Literatur ins Exil.
5. "Das Wunder von Bern" 1954 - Fußball, Mythen und Politik: Hier liegt der Fokus auf der Bedeutung des WM-Sieges 1954 für die deutsche Identitätsbildung und der literarischen Mythenbildung.
6. Fußballgedicht und Wembleytor – Die sechziger Jahre: Es wird die Modernisierung des Spiels sowie das ambivalente Verhältnis von Literaten wie Böll oder Handke zum Fußball in den 60ern beschrieben.
7. Utopie und lange Mähnen - Der Fußball in den Siebzigern: Der Fokus liegt auf der Politisierung des Fußballs, dem "linken Fußball" und der ikonischen Figur Günter Netzer.
8. Fußball als literarischer Auftrag - Eckhard Henscheid und Ror Wolf: Dieses Kapitel würdigt das Werk zweier Autoren, für die der Fußball zu einem zentralen, ästhetischen Thema wurde.
9. Die achtziger Jahre: Es wird untersucht, wie sich die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Fußball durch gesellschaftliche Veränderungen und die Kommerzialisierung wandelte.
10. Von der Ästhetik des Fußballs: Hier werden philosophische und ästhetische Aspekte des Fußballs sowie die Liebe der Fans zum Spiel und die Distanz der Intellektuellen vertieft.
11. Fußballboom und Bücherschwemme - Die neunziger Jahre: Dieses Kapitel analysiert den Fußballboom der 90er Jahre, die mediale Kommerzialisierung und die literarische Produktion in dieser Ära.
Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass ein "großer Fußballroman" trotz der vielfältigen literarischen Spuren bislang aussteht.
Schlüsselwörter
Fußball, Literatur, Germanistik, Fußballwahn, Kulturgeschichte, Nationalsozialismus, Wunder von Bern, Intellektuelle, Ästhetik, Popkultur, Modernisierungsphänomen, Fußballroman, Massenphänomen, Ror Wolf, Eckhard Henscheid
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis zwischen dem Massenphänomen Fußball und der deutschen Literatur vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Analyse deckt historische Entwicklungen, die Rolle von Politik und Propaganda, die ästhetische Sicht von Intellektuellen und die Popkultur des Fußballs ab.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es zu verstehen, warum Fußball in der deutschen Literatur lange Zeit nur eine marginale Rolle spielte und wie Autoren dieses Thema historisch verarbeitet haben.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die verschiedene Epochen und Gattungen (Lyrik, Prosa, Drama) sowie Sachtexte und Medien wie Rundfunkreportagen interdisziplinär betrachtet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch von den zwanziger Jahren bis in die neunziger Jahre und analysiert spezifische literarische Werke sowie die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs in den jeweiligen Zeitabschnitten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Fußball, Literatur, Kulturgeschichte, Ästhetik, Intellektualität, Mythenbildung und deutsche Zeitgeschichte.
Welche Rolle spielt die österreichische Fußball-Literatur?
Die österreichische Literatur, insbesondere die Wiener Schule, wird als ein zentraler Gegenpol zum Deutschen Reich hervorgehoben, da sie sich frühzeitig und intensiv mit dem Fußball auseinandersetzte.
Warum ist das Werk von Friedrich C. Delius besonders relevant?
Delius' Erzählung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" wird als eines der authentischsten Stücke Fußball-Literatur gewürdigt, da es kindliche Wahrnehmung und gesellschaftliche Identität perfekt verbindet.
- Arbeit zitieren
- Michael Pöppl (Autor:in), 1999, Das Runde im Eckigen. Fußball in der deutschsprachigen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/37304