Dieser Aufsatz geht der Frage nach, inwieweit es während des Zweiten Weltkrieges, insbesondere nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, eine deutsche Strategie in Bezug auf Turkestan, welches territorial nie direkt unter deutscher Herrschaft gestanden hatte, gab. Inwieweit fungierte zudem der Islam aus deutscher Sicht als Abwehr gegen den Bolschewismus bzw. konnte dieser zu diesem Ziel instrumentalisiert werden? Weiterhin wird die Frage gestellt, ob Deutschland, trotz Großmachtsambitionen, überhaupt in der Lage war, Weltpolitik dieses Maßstabs an der Schnittstelle von Imperien zu betreiben.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Turkestan
Unternehmen Barbarossa
Ostlegionen
Die SS und die Muslime
Nationalvertretungen
Ausbildung von Muslimen in Deutschland
„Arbeitsgemeinschaft Turkestan e.V.“ und Mullahschule Dresden
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Region Turkestan in den strategischen Überlegungen des nationalsozialistischen Deutschlands während des Zweiten Weltkrieges. Dabei wird analysiert, inwieweit Pläne zur Gründung eines turkestanischen Nationalstaates, die Instrumentalisierung des Islams sowie die Gründung von Institutionen wie der „Arbeitsgemeinschaft Turkestan“ und der Dresdner Mullahschule gezielte politische Strategien darstellten oder lediglich improvisierte Versuche waren, den Kriegsverlauf im Osten zu beeinflussen.
- Geopolitische Bedeutung Turkestans zwischen den Machtblöcken.
- Die Rolle der Ostlegionen und die Motivation der muslimischen Soldaten.
- Wettstreit und Kooperation deutscher Dienststellen bei der Islam-Politik.
- Die Gründung und Funktion der Mullahschule in Dresden.
- Das Verhältnis zu Akteuren wie dem Großmufti von Jerusalem und Veli Kajum-Khan.
Auszug aus dem Buch
Die SS und die Muslime
Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion war eine große Anzahl von Menschen islamischen Glaubens in den Herrschaftsbereich des Dritten Reiches geraten. Diese Entwicklung verursachte nicht unwesentlich – voneinander unabhängig getroffene - Überlegungen in verschiedenen deutschen Einrichtungen, eine Institution zur Lehre des Islams zu errichten. Dabei sollte auf Erfahrungen aus dem ersten Weltkrieg mit Muslimen zurückgegriffen werden. Der Umstand, dass sich die Muslime von dem Gros der Deutschen v.a. in Religion, Kultur, Sprache, Nationalität unterschieden, ließ einen besonderen Umgang mit ihnen in den Augen der Nationalsozialisten notwendig erscheinen. So kam es, dass sich im Verlaufe des Jahres 1943 – möglicherweise entscheidend mit beeinflusst vom Kriegsgeschehen im Osten - gleich drei Stellen mit ihnen befassten: das Reichssicherheitshauptamt, das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete sowie das SS-Hauptamt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung umreißt die strategische Rolle Turkestans für das NS-Deutschland und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Ernsthaftigkeit deutscher Unabhängigkeitsvisionen für die Region.
Turkestan: Dieses Kapitel beschreibt die geographische Aufteilung Turkestans sowie dessen strategische Relevanz zwischen den Interessen des sowjetischen, britischen und japanischen Einflussbereichs.
Unternehmen Barbarossa: Das Kapitel analysiert den Einsatz turkestanischer Soldaten im Rahmen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion und die ideologischen Rahmenbedingungen des Vernichtungskrieges.
Ostlegionen: Hier werden die militärischen Verbände der Nichtrussen in der Wehrmacht untersucht sowie deren Motivation und das paradoxe Verhältnis zur NS-Rassenideologie beleuchtet.
Die SS und die Muslime: Der Abschnitt widmet sich den konkurrierenden Interessen deutscher Dienststellen bei der Instrumentalisierung des Islams sowie dem Einfluss des Großmuftis von Jerusalem.
Nationalvertretungen: Dieses Kapitel behandelt die politischen Organisationen wie das NTEK, die als Repräsentanten für die turkestanischen Völker innerhalb der NS-Bürokratie agierten.
Ausbildung von Muslimen in Deutschland: Es wird die späte Einrichtung von Mullahlehrgängen beschrieben, die den Wissensstand der Feldgeistlichen stärken und die Kampfkraft der Verbände erhöhen sollten.
„Arbeitsgemeinschaft Turkestan e.V.“ und Mullahschule Dresden: Dieses Kapitel beleuchtet die Entstehung, das Personal und die Arbeit der Dresdner Institution als wissenschaftlich-militärische Einrichtung.
Fazit: Das Fazit resümiert, dass trotz des punktuellen Interesses an Turkestan keine konsistente deutsche Strategie existierte und die nationalsozialistischen Bemühungen letztlich an Ressourcenmangel und politischer Zerstrittenheit scheiterten.
Schlüsselwörter
Turkestan, Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus, Ostlegionen, Islam, Mullahschule Dresden, Arbeitsgemeinschaft Turkestan, Sowjetunion, Geopolitik, Veli Kajum-Khan, Großmufti von Jerusalem, Rassenideologie, Kollaboration, Widerstand, Wehrmacht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die deutsche Zentralasienpolitik während des Zweiten Weltkrieges und das Bemühen, die Region Turkestan für eigene militärische und politische Zwecke zu nutzen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Instrumentalisierung des Islams, der Aufbau nationaler Vertretungen für turkestanische Völker und die militärische Rekrutierung von Minderheiten in den Ostlegionen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob die NS-Visionen zur Gründung eines turkestanischen Nationalstaates auf einer realen strategischen Planung basierten oder nur als propagandistische bzw. improvisierte Mittel eingesetzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine historische Analyse unter Auswertung zeitgenössischer Dokumente, Archivakten und wissenschaftlicher Sekundärliteratur zur Politik gegenüber sowjetischen Orientvölkern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die geographische Lage, die verschiedenen Phasen der NS-Politik gegenüber Muslimen, die Rolle der SS und des Auswärtigen Amtes sowie die detaillierte Gründung der Mullahschule in Dresden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Turkestan, Ostlegionen, NS-Rassenideologie, Instrumentalisierung des Islams, Arbeitsgemeinschaft Turkestan und die Rolle Veli Kajum-Khans.
Welche Rolle spielte der Großmufti von Jerusalem in den untersuchten Projekten?
Er fungierte als geladener Gast bei der Eröffnung der Mullahschule und versuchte, seinen Einfluss auf die Ausbildung muslimischer Geistlicher in Deutschland auszudehnen, stieß dabei jedoch oft auf das Veto deutscher Stellen.
Was war das Schicksal der Dresdner Mullahschule?
Die Schule wurde Ende 1944 eröffnet, in einer Villa in Dresden-Blasewitz betrieben und nach der schweren Bombardierung Dresdens im Februar 1945 durch die Flucht ihrer Angehörigen faktisch aufgelöst.
Wie bewertet der Autor die Effektivität der deutschen Turkestan-Politik?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Politik aufgrund von Ressourcenmangel, Kompetenzstreitigkeiten zwischen SS und anderen Ministerien sowie einem fehlenden Gesamtkonzept weitgehend fragmentarisch und ineffektiv blieb.
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- Dr. Cornelia Lein (Author), 2017, Turkestanische Visionen und die Mullahschule Dresden, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/372032