In der vorliegenden Arbeit möchte ich die Entwicklung des Kindheitsbildes anhand von Märchenillustrationen nachvollziehen. Exemplarisch betrachte ich dazu Illustrationen des bekannten Märchens Rotkäppchen. Dabei beschränke ich mich bewusst auf die Darstellung des ersten Aufeinandertreffens zwischen Rotkäppchen und dem Wolf und analysiere die bildnerische Umsetzung der tatsächlich bedrohlichen Situation.
Eine ganzheitliche psychologische Auslegung des illustrierten Märchens in den unterschiedlichen Fassungen strebe ich nicht an. Als Referenztext für die Entwicklung der Kinderliteratur (im Folgenden kurz: KL) ziehe ich die Ausführungen von Hans-Heino Ewers: Formen- und Funktionswandel der westdeutschen Kinderliteratur seit Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er Jahre heran.
Im Rahmen der Seminarmitarbeit habe ich wichtige Ausführungen dazu bereits thesenartig in einer Gruppenarbeit vorgestellt. Für den Zusammenhang dieser Arbeit ist bedeutsam, wie die bildliche Umsetzung des Märchens Rotkäppchen und des darin innewohnenden Kindheitsbildes gelingt. Konkreter gefragt: Welche Kindheitsbilder treten über die Illustrationen des bedrohten Rotkäppchens im Zeitverlauf zutage? Wird die tatsächliche Bedrohung im Verlauf der Zeit von dem Rotkäppchen erkannt und das Kindheitsbild dadurch aufgewertet?
Insofern besteht in der vorliegenden Arbeit der ikonographische Anspruch, das Kindheitsbild aus den historischen Zeitverläufen zu ermitteln. Meine These zu dem jetzigen Zeitpunkt lautet, dass die Art und Weise der Märchenillustrationen anhand der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung nachvollzogen werden kann und ein zunehmend selbstbewussteres Bild vom Kind im Rahmen der kinderliterarischen Reformbewegung in den 1970er Jahren gezeichnet wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung und Herangehensweise
2. Inhaltliche Voraussetzungen
2.1 Strömungen westdeutscher Kinderliteratur (KL) im historischen Verlauf
2.2 Märchen als Bestandteil der Kinderliteratur (KL)
2.3 Illustrationen von Märchen
3. Kindheitsbild des Rotkäppchens im historischen Verlauf
3.1 Rotkäppchen aus den Jahren 1872/73 (Rudolf Geißler) und Alexander Zick (1886)
3.2 Rotkäppchen aus dem Jahr 1978 (Janosch)
3.3 Rotkäppchen aus dem Jahr 2001 (Susanne Janssen)
4. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Entwicklung des Kindheitsbildes im Grimmschen Märchen "Rotkäppchen" anhand ausgewählter Illustrationen aus den Jahren 1872/73, 1886, 1978 und 2001 nachzuvollziehen. Dabei wird analysiert, inwieweit sich die bildnerische Darstellung der Begegnung zwischen Rotkäppchen und dem Wolf im zeitlichen Verlauf verändert und welche Rückschlüsse dies auf das jeweilige Kindheitskonzept sowie die kindliche Emanzipation zulässt.
- Historische Entwicklung des Kindheitsbildes in der westdeutschen Kinderliteratur.
- Funktion und bildnerische Interpretation von Märchenillustrationen.
- Vergleichende Analyse der Rotkäppchen-Begegnungsszene über drei Jahrhunderte.
- Einfluss der kinderliterarischen Reformbewegung auf die visuelle Gestaltung.
- Bedeutung der Autorenfunktion bei Märchenillustratoren für die Interpretation des Kindheitsbildes.
Auszug aus dem Buch
3.1 Rotkäppchen aus den Jahren 1872/73 (Rudolf Geißler) und 1886 (Alexander Zick)
Geißler hat die Begegnungsszene innerhalb der Grimmischen Ikonographie erstmals in den Jahren 1872/73 in seinem Bilderbogen dargestellt. Bei der Illustration handelt es sich um eine äußerst detailgetreue Radierung im Schwarz-Weiß Druck. Sie zeigt eine flüchtige und beinahe vertraut anmutende Begegnung zwischen Rotkäppchen und dem Wolf. Beide Handlungsfiguren begegnen sich dabei auf Augenhöhe. Der Wolf in Rückenansicht scheint sein Maul zum Sprechen geöffnet zu haben. Er bewegt sich auf den Wald und damit auf das Geheimnisvolle und Mystische zu. Dies ist allerdings neben der tatsächlichen Größe des Wolfs die einzige Andeutung einer Bedrohung. Das Rotkäppchen in Frontalansicht ist dem Wolf freundlich zugewandt und hält seinen Korb in harmonisch geschlossener Armhaltung. Es geht auf eine im Licht liegende Brücke zu, was für seine Naivität und Unbescholtenheit gewertet werden kann.
Das Schürzenkleid entspricht der historischen Textgrundlage, in der ein bürgerliches Kind beschrieben wird. Noch deutlicher tritt die Milieuzugehörigkeit in der Illustration von Alexander Zick (1886) zutage: Das Rotkäppchen trägt hier ebenfalls ein schlichtes, knielanges Kleid mit Halstuch und roter Kappe, es ist allerdings barfuss unterwegs, wodurch die Armut der Familie zum Ausdruck kommt. Ebenso steht das Barfuss-Sein für die kindliche Unbefangenheit des Rotkäppchens, was durch den malerischen Charakter der Zeichnung unterstrichen wird. Rotkäppchen und der Wolf stehen sich hier in einer Waldlichtung gegenüber. Beide Handlungsfiguren sind im seitlichen Profil abgebildet. Die Bedrohung durch den Wolf deutet Zick nicht durch seine Größe, sondern durch seinen Speichelfluss an. Allerdings ist der Blick des Wolfs auf den Korb des Rotkäppchens gerichtet, womit die Bedrohung gemildert wird. Das Rotkäppchen blickt leicht gebeugt auf den verspielt wirkenden Wolf. Beide Illustrationen geben eine harmonische Gesamtkomposition wieder: Der Blick des Betrachters wird auf das Zusammentreffen der Blicke der Handlungsfiguren gelenkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Problemstellung und Herangehensweise: Das Kapitel führt in das Thema ein, skizziert die methodische Vorgehensweise und formuliert die zentrale These, dass Märchenillustrationen die politisch-gesellschaftliche Entwicklung und das sich wandelnde Kindheitsbild widerspiegeln.
2. Inhaltliche Voraussetzungen: Es werden die theoretischen Grundlagen zur westdeutschen Kinderliteratur, die Bedeutung von Märchen als Schwellenliteratur und die Rolle der Illustration als eigenständiges, interpretierendes Medium dargelegt.
3. Kindheitsbild des Rotkäppchens im historischen Verlauf: In diesem Hauptteil erfolgt die ikonographische Analyse der vier ausgewählten Rotkäppchen-Illustrationen, die den Wandel von einer naiven, unbescholtenen Darstellung hin zu einem kritisch-aufgeklärten Kindheitsbild aufzeigt.
4. Resümee: Das Schlusskapitel bestätigt die Ausgangsthese, fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und reflektiert die Rolle des Illustrators als Akteur, der Kindern durch zeitgemäße Interpretationen eine Identifikation mit dem Märchenstoff ermöglicht.
Schlüsselwörter
Kindheitsbild, Märchenillustration, Rotkäppchen, Kinderliteratur, Reformbewegung, Ikonographie, Bildanalyse, Emanzipation, Brüder Grimm, visuelle Kultur, Rezeption, Interpretationspotenzial, Autorfunktion, historische Entwicklung, pädagogische Bedeutung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die visuelle Interpretation des Kindheitsbildes im Märchen "Rotkäppchen" anhand von Illustrationen aus unterschiedlichen zeitlichen Epochen.
Welche thematischen Schwerpunkte werden gesetzt?
Zentrale Felder sind die historische Entwicklung der Kinderliteratur, die Funktion von Märchenbildern und der Wandel der kindlichen Rolle innerhalb dieser Darstellungen.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Autorin?
Die Autorin geht der Frage nach, welche Kindheitsbilder sich in den Illustrationen des bedrohten Rotkäppchens über die Zeit hinweg manifestieren und ob eine zunehmende Aufgeklärtheit des Kindes in den Bildern erkennbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Es wird eine ikonographische Analyse angewandt, die sich auf Kategorien wie Kunststil, Blickführung, Szenenwahl und die Autorenfunktion des Illustrators stützt, um Rückschlüsse auf das Kindheitsbild zu ziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse von Illustrationen aus den Jahren 1872/73, 1886, 1978 und 2001 im direkten Kontext der gesellschaftlichen Strömungen ihrer Entstehungszeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören das Kindheitsbild, die Märchenillustration, die Kinderliteraturreform der 1970er Jahre sowie die visuelle Emanzipation des Kindes.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen "alter" und "neuer" Kinderliteratur eine wichtige Rolle?
Diese Unterscheidung ist entscheidend, um den Bruch in der Darstellung vom naiven Kind in der "alten" Literatur zum selbstbewussten, emanzipierten Kind in der "neuen" Literatur nachzuvollziehen.
Welche spezifische Rolle spielt der Illustrator bei der Analyse von Susanne Janssen?
Janssens Illustration wird als tiefenpsychologische Ausdeutung verstanden, die durch perspektivische Verzerrungen und psychologische Konstruktionen den Betrachter aktiv einbezieht und das Kind als mündiges Wesen wahrnimmt.
Inwiefern beeinflusst die "Autorenfunktion" die Interpretation der Märchenbilder?
Die Autorenfunktion verdeutlicht, dass Illustratoren nicht nur den Text abbilden, sondern die historische Textgrundlage aktiv interpretieren, um eigene zeitgenössische Konzepte von Kindheit und Bedrohung zu vermitteln.
- Arbeit zitieren
- Master of Education Katharina Preuth (Autor:in), 2012, Ästhetische Inszenierungen des Grimmschen Märchens "Rotkäppchen". Entwicklung des Kindheitsbildes anhand von Märchenillustrationen im historischen Zeitverlauf, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/370971