Was bedeutet es, wenn Autoren im beschleunigten Raum des Eisenbahnwaggons arbeiten und welche Unterschiede ergeben sich daraus für die Arbeit in der heimischen Schreibstube?
Können Vorteile oder Nachteile dadurch herauskristallisiert werden?
Welche Voraussetzungen müssen überhaupt gegeben sein, damit im Zug gearbeitet werden kann?
Diese und weitere Fragen sollen geklärt werden, indem zuallererst eine Zusammenführung zwischen dem technischen Bereich der Eisenbahn und der Literatur geschaffen wird. Hier soll untersucht werden, wie die Eisenbahn die Mediennutzung (und -produktion) beeinflusst hat. Ebenso sollen kurz die Auswirkungen des neu im späten neunzehnten Jahrhundert aufgekommenen Transportmittels auf die Gesellschaft aufgezeigt werden.
Des Weiteren soll die vorliegende Arbeit eine genaue Analyse der Medien bieten, die im Rahmen einer Zugreise verwendet werden (können). Dabei stützen sich die Betrachtungen vor allem auf das Konzept der beiden Medienwissenschaftler Matthias Thiele und Martin Stingelin.
Ein weiterer Teil der Seminararbeit beschäftigt sich mit Menschen, die in Zügen und während Eisenbahnreisen arbeiten und schreiben (bzw. geschrieben haben). Um diese Betrachtung vornehmen zu können, wird zuerst auf das Konzept der Schreibszene bzw. der Schreib-Szene zurückgegriffen, das ursprünglich von Rüdiger Campe erdacht und von Martin Stingelin weiterentwickelt wurde. Unter Zuhilfenahme dieses Konzepts werden unter anderem Blogposts der deutschen Studentin Leonie Müller, aber auch Ausschnitte aus dem Roman Netzkarte von Sten Nadonly und Textstellen anderer Autoren herangezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Schnittpunkte zwischen Eisenbahn und Literatur
3. Auswirkungen der Eisenbahn auf die Menschheit
4. Der Zug als (Arbeits-) Raum
5. Mediennutzung im Zug
Transportabel, Portabel oder Mobil?
6. Schreibszenen im Zug
Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen der Eisenbahn und dem literarischen Schaffen. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie der technisierte und beschleunigte Raum des Zuges den Schreibprozess, die Mediennutzung sowie das gesellschaftliche Erleben von Raum und Zeit beeinflusst und welche Bedingungen für die Arbeit in diesem transitorischen Raum erfüllt sein müssen.
- Technologische Einflüsse der Eisenbahn auf Wahrnehmung und Schreibmöglichkeiten
- Die Eisenbahn als literarischer Schauplatz und Inspirationsquelle
- Kategorisierung und Analyse technischer Medien im Kontext von Mobilität
- Theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der "Schreibszene"
- Empirische Einblicke in Arbeitsweisen von Autoren und Reisenden
Auszug aus dem Buch
6. Schreibszenen im Zug
„Im Anschluß an die – bei diesem nur implizit getroffene – Unterscheidung von Campe verstehen wir im folgenden unter ,Schreibszene‘ die historisch und individuell von Autorin und Autor zu Autorin und Autor veränderliche Konstellation des Schreibens, die sich innerhalb des von der Sprache (Semantik des Schreibens), der Instrumentalität (Technologie des Schreibens) und der Geste(Körperlichkeit des Schreibens) gemeinsam gebildeten Rahmens abspielt, ohne daß sich diese Faktoren selbst als Gegen- oder Widerstand problematisch würden; wo sich dieses Ensemble in seiner Heterogenität und Nicht-Stabilität an sich selbst aufzuhalten beginnt, thematisiert, problematisiert und reflektiert, sprechen wir von ,Schreib Szene‘.“
Mit diesen Worten beschreibt und erweitert Stingelin das Konzept „Schreibszene – Schreib-Szene“, das ursprünglich von Rüdiger Campe erdacht wurde. Campe definiert zudem noch den Begriff der Schreib-Szene. Diese mit Trennstrich versehene Variante bedeutet, dass es bei einem oder mehreren der dem oben stehenden Zitat zu entnehmenden Faktoren eine Unstimmigkeit gibt und so zu einer Störung des Schreibens kommt. Durch diese Störung wird die Aufmerksamkeit des Autors auf den Schreibprozess gelenkt und reflektiert. Dieses Konzept macht es möglich, Textstellen, in denen Autoren über ihren eigenen Schreibprozess, bzw. über das Schreiben der Figuren selbst schreiben, zu analysieren.
In Folge soll genau eine solche Analyse vorgenommen werden. Im Mittelpunkt dieser Betrachtungen steht der, schon im Kapitel Auswirkungen auf die Menschheit (siehe Seite 10) angeschnittene Buch Netzkarte des Schweizer Autors Sten Nadolny. In diesem Roman schreibt der Protagonist Ole Reuter, während einer mehrwöchigen Reise mit dem Zug durch Deutschland, konsequent Reisenotizen mit und lässt die LeserInnen an seinen Gedankengängen teilhaben. Anzumerken gilt also, dass die in Folge behandelten Textstellen keine direkten Aussagen des Autors über seinen eigenen Schreibprozess sind, sondern er sich in seine Romanfigur hineinversetzt und festhält, wie er sich in den speziellen Szenen fühlt bzw. was er macht. Außerdem werden Blogausschnitte verschiedener Bloger auf Schreibszenen hin untersucht. Es soll geklärt werden, was es für diese Autoren persönlich bedeutet, im Zug zu schreiben und zu arbeiten. Mögliche Störfaktoren sollen aus den Zitaten eruiert bzw. abgeleitet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein und erläutert die Zielsetzung, die Einflüsse von Eisenbahnreisen auf den Schreibprozess sowie das Konzept der Mediennutzung zu untersuchen.
2. Schnittpunkte zwischen Eisenbahn und Literatur: Hier wird die historische Entwicklung des Lesens im Zug analysiert und die Rolle der Eisenbahn als aktiver oder passiver Schauplatz in der Literatur, etwa im Western- oder Kriminalgenre, beleuchtet.
3. Auswirkungen der Eisenbahn auf die Menschheit: Das Kapitel widmet sich dem fundamentalen Wandel des Raum- und Zeitverständnisses durch die Einführung der Bahn und thematisiert die psychischen Folgen von Zugunglücken für das Schreiben.
4. Der Zug als (Arbeits-) Raum: Diese Sektion untersucht die materiellen Voraussetzungen für das Arbeiten im Zug, wobei besonders die Bedeutung von Licht, stabilen Schreibunterlagen und erschütterungsfreiem Lauf der Züge hervorgehoben wird.
5. Mediennutzung im Zug: Hier erfolgt eine theoretische Einordnung technischer Hilfsmittel in die Kategorien transportabel, portabel und mobil unter Bezugnahme auf medienwissenschaftliche Konzepte.
6. Schreibszenen im Zug: Das abschließende Kapitel analysiert konkrete Schreibprozesse in der Eisenbahn anhand des Konzepts der Schreib-Szene, wobei Störungen und die Körperlichkeit des Schreibens im Fokus stehen.
Schlüsselwörter
Eisenbahn, Literatur, Schreibszene, Mediennutzung, Mobilität, Raumverständnis, Zeitverständnis, Schreibprozess, Digitalisierung, Transportmittel, Technikgeschichte, Reiselektüre, Arbeitsraum, Infrastruktur, Reisekultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die vielfältigen Beziehungen zwischen Eisenbahnreisen und dem literarischen Schreiben sowie der Mediennutzung in mobilen Räumen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf den Auswirkungen der Eisenbahn auf Wahrnehmung, Raum- und Zeitkonzepte, der Eisenbahn als literarisches Motiv und den technischen Voraussetzungen für die Arbeit im Zug.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Eisenbahn als transitorischer Ort das Schreiben beeinflusst und welche Rolle technologische Entwicklungen dabei spielen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und medientheoretische Analyse vorgenommen, ergänzt durch die Anwendung des Konzepts der „Schreib-Szene“ nach Rüdiger Campe und Martin Stingelin.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in historische Analysen der Raum-Zeit-Veränderung, die technische Untersuchung von Schreibbedingungen und eine qualitative Analyse von Schreibszenen in Romanen und Blogs.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Schreibszene, Mobilität, Eisenbahn, Raumwahrnehmung und Mediennutzung.
Warum spielt das Konzept der „Schreib-Szene“ eine so zentrale Rolle?
Das Konzept ermöglicht es, Störmomente während des Schreibens im Zug systematisch zu erfassen und zu reflektieren, was Einblicke in den Schreibprozess der behandelten Autoren gewährt.
Wie bewerten Autoren die Eisenbahn als Arbeitsort?
Die Einschätzung ist ambivalent: Während die Eisenbahn das Reisen und Schreiben unter neuen Bedingungen ermöglicht, werden auch Störfaktoren wie unbequeme Sitzpositionen oder Lärm als herausfordernd beschrieben.
- Arbeit zitieren
- Julian Moosbrugger (Autor:in), 2016, Arbeiten in Bewegung. Die Eisenbahn als passiver und aktiver literarischer Raum, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/370203