Diese Arbeit beschäftigt sich mit Paul Celans Holocaustlyrik, der Medialität der Todesfuge und der Medialität in der Todesfuge.
In der jüngeren Forschung zur Todesfuge dominieren vor allem zwei Themenkomplexe, die rege diskutiert werden: zum Einen der Stellenwert der Musik im Gedicht sowie im Anschluss daran die Frage nach der Musikalität des Textes selbst und zum Anderen die Schwierigkeit, die Todesfuge im Spannungsfeld von Weltabbildung und Hermetik zu verorten. Das neben der Musik im Gedicht ebenfalls thematisierte Medium des Briefes dagegen scheint von den meisten Interpreten als von nur randständiger Relevanz wahrgenommen worden zu sein.
Die Zahl der wissenschaftlichen Aufsätze zur Todesfuge ist schier unüberschaubar geworden. Ich werde mich daher für meine Arbeit auf die aktuellsten Studien beziehungsweise die maßgeblichen, in der jüngeren Forschung wiederholt zitierten älteren Aufsätze und Monographien als Hilfsmittel beschränken. Als meine Hauptquellen seien kurz die hervorragende Celan-Biographie Felstiners, Alvin Rosenfelds tiefgründige Studie zur Holocaust-Literatur „Ein Mund voll Schweigen“ sowie die neuesten Arbeiten von Thomas Schneider, Dieter Lamping und Gernot Wimmer zum Thema genannt.
Inhaltsverzeichnis
1. Brieflichkeit und Begehren in der Todesfuge
1.1. Die Supplementarität des Briefes
1.2. Die Stellvertreterrolle der Juden
2. Die Transitorität der Todesfuge
2.1. Räumliche, zeitliche und literarische Bindungslosigkeit der Inhalte
2.2. Das Medium im inhaltlichen Fokus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Paul Celans Gedicht "Todesfuge" unter medienreflexiven Gesichtspunkten, um nachzuweisen, dass Strukturen der Brieflichkeit und die mediale Beschaffenheit des Textes eine hermeneutische Schlüsselfunktion für das Verständnis des Werkes einnehmen.
- Die Funktion und Supplementarität des Briefeschreibens in der "Todesfuge"
- Das Verhältnis von Subjekt und Objekt sowie die Rolle des Begehrens
- Die mediale Vermittlungsform des Gedichts im Vergleich zu Fotografie und Film
- Räumliche und zeitliche Diskontinuität als Kennzeichen der Shoah-Darstellung
- Die wechselseitige Durchdringung von Kunst, Gewalt und Antisemitismus
Auszug aus dem Buch
1. Brieflichkeit und Begehren in der Todesfuge
Als der polnischstämmige Kulturanthropologe Bronislaw Malinowski in den 1920er-Jahren die Trobriand-Inseln in der Südsee bereist, um unter der einheimischen Bevölkerung Feldforschungen zu betreiben, die ihn zum Begründer der modernen Ethnographie machen würden, gerät er in ein menschliches Dilemma. Seine neuartige Verfahrensweise der teilnehmenden Beobachtung verlangte Malinowski unter dem Vorbehalt, die wissenschaftliche Objektivität in seinen Untersuchungen zu wahren, ein Überschreiten des eigenen Kulturhorizonts ab, um sich versuchsweise in ein kulturell fremdes Welt- und Selbstbild einzufühlen. Wie brüchig dieses Miteinander von Nähe und Distanz im methodischen Kern war, zeigte sich bald an Malinowski selbst. Das frei gelebte Geschlechtsleben der Trobriander und der Austausch mit indigenen jungen Frauen setzten in Malinowski ein Begehren frei, das sich nur schlecht mit seiner wissenschaftlichen Anspruchshaltung und seinen europäischen Werteüberzeugungen vertrug. Der Ausweg, den Malinowski aus dem Problem fand, seine Forschungen fortzusetzen ohne seinen sexuellen Wünschen nachzugeben, bestand im Schreiben. Aufschlussreiche Tagebucheinträge, in erster Linie aber Briefe, die an die Geliebte daheim gerichtet waren, lenkten das Verlangen des Ethnographen in seine Feder um.
Die spezifische kommunikative Leistungsfähigkeit des Briefes, für die der Fall Malinowskis lediglich ein besonders berühmtes Beispiel abgibt, blieb ihm auch bis in die Moderne hinein erhalten. Ungeachtet der technischen Neuerrungenschaften, die das 19. und 20. Jahrhundert im Bereich der Telekommunikation erbrachten, zeichnet den, zumal handschriftlichen, Brief vor allen anderen Arten der Fernübermittlung von Nachrichten die Bindungskraft des Senders an das Medium aus. Die Kontaktaufnahme im Brief funktioniert symbolisch und metonymisch zugleich. In ihm fällt die Repräsentationskraft der Zeichen mit der quasi-körperlichen Anwesenheit des Senders zusammen, die sich in der Handschrift oder in anderweitigen in der Materialität des Mediums hinterlassenen Spuren des Absenders bezeugt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Brieflichkeit und Begehren in der Todesfuge: Dieses Kapitel analysiert die Rolle des Briefeschreibens als Stellvertreterfunktion und kompensatorisches Mittel für unterdrücktes Begehren, wobei der Fokus auf dem Zusammenhang zwischen Sexualität, Gewalt und der Medialität des Schreibens im Gedicht liegt.
1.1. Die Supplementarität des Briefes: Hier wird die Bedeutung des Briefes als "Supplement" im Sinne Derridas untersucht, um das Begehren des Aufsehers und dessen Bezugnahme auf die Geliebte im Kontrast zum Lageralltag zu deuten.
1.2. Die Stellvertreterrolle der Juden: Dieser Abschnitt beleuchtet die antisemitische Rollenverteilung und wie der Deutsche die Juden als Projektionsfläche für verdrängte Wesenselemente nutzt, wodurch eine mimetische Angleichung zwischen Täter und Opfer entsteht.
2. Die Transitorität der Todesfuge: Der zweite Teil untersucht, wie das Gedicht seine eigene Medialität reflektiert und inwieweit es im Vergleich zu anderen Medien eine angemessenere Form für die Verhandlung der Shoah darstellt.
2.1. Räumliche, zeitliche und literarische Bindungslosigkeit der Inhalte: Hier wird analysiert, wie Celan durch die Zerstörung traditioneller Topoi und eine diskontinuierliche Raum-Zeit-Struktur die Unmöglichkeit teleologischer Entwicklungen im Lager darstellt.
2.2. Das Medium im inhaltlichen Fokus: Das Kapitel schließt mit der These, dass die Todesfuge durch ihre formale Gestaltung und die beständige Verzögerung von Bedeutungszuschreibungen die Unmittelbarkeit der Shoah-Erfahrung selbst zum Inhalt macht.
Schlüsselwörter
Paul Celan, Todesfuge, Holocaust-Literatur, Brieflichkeit, Medialität, Supplementarität, Begehren, Antisemitismus, Lagerdasein, Raum-Zeit-Struktur, Sprachreflexion, Shoah, Intertextualität, Psychoanalyse, Derrida.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht Paul Celans Gedicht "Todesfuge" unter medienreflexiven Gesichtspunkten, insbesondere im Hinblick auf die Strukturen der Brieflichkeit und die mediale Darstellungsweise des Holocausts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören das Begehren als Motor für Gewalt, die mediale Funktion des Briefes, die mimetische Beziehung zwischen Täter und Opfer sowie die Frage nach der zeitlichen und räumlichen Struktur des Gedichts.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass die "Todesfuge" nicht nur den Holocaust thematisiert, sondern durch ihre formale Gestaltung und mediale Reflexivität selbst zu einer Wirklichkeitskorrektur beiträgt, die über eine bloße Abbildung von Zuständen hinausgeht.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analyse, psychoanalytische Ansätze (insbesondere zum Begehren) und dekonstruktivistische Konzepte (wie das "Supplement" nach Derrida), um die komplexe Struktur des Gedichts freizulegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Abschnitte: Erstens eine Untersuchung zur Brieflichkeit, zum Begehren und zur Rollenverteilung zwischen Täter und Juden; zweitens eine medienreflexive Analyse zur Transitorität, Zeitlichkeit und dem Stellenwert der Sprache im Gedicht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Besonders prägend sind Begriffe wie "Medialität", "Supplementarität", "Transitorität", "Holocaust-Literatur" und "Brieflichkeit" in Bezug auf Paul Celans Lyrik.
Inwiefern beeinflusst die "Brieflichkeit" die Interpretation des Aufsehers?
Die Arbeit argumentiert, dass das Schreiben von Briefen eine Stellvertreterfunktion für den Aufseher einnimmt, die es ihm ermöglicht, Distanz zur Geliebten zu wahren und sein unterdrücktes, sadistisches Begehren auf die jüdischen Häftlinge zu projizieren.
Wie deutet der Autor die Schlussverse des Gedichts?
Die Schlussverse werden als eine Parallelisierung deutscher und jüdischer Kultur interpretiert, die in der Realität durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt sind, im Gedicht jedoch durch die performative Kraft der Sprache zusammengeführt werden.
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- Korbinian Lindel (Author), 2017, Holocaustlyrik von Paul Celan. Medialität (in) der Todesfuge, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/367825