Für viele ist Goethes Erstlingswerk "Die Leiden des Jungen Werther" ein Buch über nicht erwiderte Liebe und Selbstmord aus Liebeskummer. In diesem Buch soll der Frage nachgegangen werden, ob dies wirklich so ist oder der Selbstmord von Werther nicht eine Rebellion gegen das aufgeklärte Bürgertum darstellt.
Inhaltsverzeichnis
A. Die „letzten Worte“ von Goethes Werther
B. Werther und der Selbstmord
I. Der Selbstmord in den wissenschaftlichen Debatten des 18. Jahrhunderts
1.) Selbstmord in der Theologie
2.) Selbstmord in der Philosophie
3.) Selbstmord in den Wissenschaften
4.) Zwischenfazit
II. Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“
1.) Wie kommt es zu Werthers Selbstmord?
2.) Zwischenfazit
C. Endfazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These, dass der Selbstmord der Figur Werther nicht als rein emotionales Resultat von Liebeskummer zu verstehen ist, sondern als logische Konsequenz aus den bürgerlichen Prinzipien des 18. Jahrhunderts resultiert.
- Kulturwissenschaftliche Analyse der Selbstmorddebatten im 18. Jahrhundert
- Theologische, philosophische und wissenschaftliche Sichtweisen auf den Suizid
- Untersuchung der "Gesandtschaftsepisode" und ihrer Bedeutung für Werthers Isolierung
- Analyse der bürgerlichen Moralvorstellungen und deren Einfluss auf das Individuum
- Darstellung des Selbstmords als Scheitern an gesellschaftlichen Erwartungen
Auszug aus dem Buch
B. Werther und der Selbstmord
Für Seneca ist die Antwort auf die Frage, ob man Selbstmord begehen sollte oder nicht einfach, da er der Ansicht ist, dass man, solange man ein gutes Leben noch führen kann, am Leben bleiben sollte; doch sobald dies nicht mehr der Fall ist kannst man „dorthin zurückkehren, woher [man] gekommen [ist].“ Für Seneca ist der Selbstmord ein frier autonomer Akt eines Individuums, der zwangsläufig in die Freiheit führt. Es ist demnach auch keine Handlung, die aus dem Affekt heraus geschieht, sondern eine Handlung, die wohl überlegt ist: Daher wird ein Weiser leben, solange er muß, nicht solange er kann.
Der Mensch hat, laut Montesquieu, ein Recht auf Selbstmord. Dies rechtfertigt er in seinen „Persischen Briefen“: Ich gebrauche nur ein Recht, das mir verliehen wurde und insofern kann ich nach meinem Belieben die ganze Natur stören, ohne daß man behaupten könnte, ich würde mich der Vorsehung widersetzten.
Der Mensch ist demnach autonom in seinen Entscheidungen, da nur er die Entscheidungsgewalt über sich und sein Leben hat, wobei durch eben diese Entscheidung die natürliche Ordo nicht gestört wird. Vielmehr argumentiert Montesquieu ökonomisch, da er behauptet, dass „die Gesellschaft [...] auf gegenseitigem Vorteil“ beruht und dass ihm das Leben als eine Vergünstigung gewährt worden ist, welches man wieder zurückgeben kann, wenn es keine mehr darstellt; denn wenn die Ursache wegfällt, muß folgerichtig auch die Wirkung wegfallen.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Die „letzten Worte“ von Goethes Werther: Einführung in die Thematik und die zentrale Fragestellung, ob Werthers Suizid eine notwendige Folge seiner Lebensführung ist.
B. Werther und der Selbstmord: Umfassende Analyse der zeitgenössischen Debatten über den Freitod aus theologischer, philosophischer und naturwissenschaftlicher Sicht sowie die spezifische Betrachtung von Goethes Werk anhand verschiedener Episoden.
C. Endfazit: Zusammenfassende Schlussfolgerung, dass Werthers Tod die Konsequenz eines Individuums ist, das an den rigiden Anforderungen der bürgerlichen Ordnung scheitert.
Schlüsselwörter
Goethe, Die Leiden des jungen Werthers, Selbstmord, Suizid, 18. Jahrhundert, Bürgerliche Prinzipien, Theologie, Philosophie, Pathologisierung, Selbstdisziplinierung, Naturwissenschaften, Aufklärung, Lebensführung, Identität, Gesellschaftsnormen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Selbstmord von Goethes Werther aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive im Kontext des 18. Jahrhunderts.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themenfelder umfassen die zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskurse über den Selbstmord (Theologie, Philosophie, Medizin) sowie die literarische Analyse von Werthers individuellem Scheitern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass der Suizid nicht als bloße emotionale Reaktion (Liebeskummer), sondern als logische Konsequenz der bürgerlichen Lebens- und Moralvorstellungen zu interpretieren ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine kulturwissenschaftliche Analyse angewandt, die primäre literarische Quellen mit zeitgenössischen philosophischen und wissenschaftlichen Texten des 18. Jahrhunderts in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung der wissenschaftlichen Debatten des 18. Jahrhunderts und eine detaillierte Untersuchung dreier Schlüsselepisoden aus Goethes Briefroman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Selbstmord, Werther, Bürgerliche Moral, Aufklärung, Pathologisierung und soziale Normen.
Wie unterscheidet sich die Sichtweise der Theologen von der der Philosophen auf den Suizid?
Während Theologen den Selbstmörder als Sünder brandmarkten, der die göttliche Ordnung verletzt, sahen Philosophen wie Montesquieu den Suizid eher als einen Akt der persönlichen Autonomie.
Welche Rolle spielt die "Gesandtschaftsepisode" für Werthers Entscheidung?
Diese Episode verdeutlicht Werthers Konflikt mit den restriktiven bürgerlichen Arbeits- und Standesverhältnissen, was seine soziale Isolation und Entfremdung weiter verschärft.
- Arbeit zitieren
- Alexander Hinz (Autor:in), 2012, Eine Krankheit zum Tode? Der Selbstmord von Goethes Werther aus kulturwissenschaftlicher Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/366650