Quintus Tullius Cicero schreibt zu Beginn seines "Commentariolum petitionis", das Ratschläge für die Bewerbung zum Konsultat für seinen Bruder Marcus beinhaltet, in Bezug auf das, was er sich während seiner Kandidatur immer vor Augen halten solle: „Ich bin ein politischer Aufsteiger, ich bewerbe mich um das Amt des Consuls, es handelt sich um Rom.“ Die Tatsache dass Marcus Tullius Cicero nicht aus einer der einflussreichen Familien des Senatsadels stammte, sondern aus einer, die zwar wohlhabend war, aber noch keinen Konsul stellte, er also ein homo novus war, wird hier mit Absicht, als erstes genannt. Quintus stellt dies also als einen Punkt da, der steter Beachtung bedarf, was die Besonderheit, aber auch die Schwierigkeiten der Novität verdeutlicht, da die Nobilität, der Senatsadel nur unter Ausnahmen einen homo novus in ihren Reihen zuließ, was damit begründet wurde, dass Cicero als ein solcher, nicht die angeborene Würde für das Konsulat, die dignitas besaß, die einem Mitglied des Senatsadels von Geburt an zu eigen war. Cicero musste also auf andere Art zu der nötigen dignitas gelangen; er musste einen Ausgleich schaffen, um im allgemeinen Ansehen zumindest auf gleicher Ebene mit seinen Mitbewerbern um das Konsulat zu stehen.
Worin das Problem für homines novi mit der fehlenden dignitas bestand und auf welche Weise sie im Nachhinein erworben wurde, soll in dieser Arbeit erläutert werden. Um dies zu beleuchten, muss als erstes geklärt werden, wer als homo novus galt und wie er im Gegensatz zum Senatsadel stand. Daran anschließend soll die Bedeutung der dignitas in der späten Republik im Rahmen des politischen Lebens erläutert werden und anschließend in den Rahmen der aus ihrem Mangel resultierenden Problematik für homines novi bei der Konsularwahl gesetzt werden. In Anschluss daran soll dann der Ausgleich der fehlenden dignitas, beziehungsweise die Ausklammerung der Selbigen aus dem Wahlkampf thematisiert werden und anhand der Beispiele der homines novi Marcus Tullius Cicero und des Gaius Marius in Bezug auf den rednerischen, sowie militärischen Ruhm konkretisiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition und Herkunft eines homo novus
3. Der Gegensatz zur Nobilität
4. Die Bedeutung der dignitas
5. Die Problematik der Ämterlaufbahn für homines novi
6. Der Ausgleich der dignitas
7. Konkrete Wege des Ausgleichs
7.1. Der Ausgleich durch militärische Erfolge
7.2. Der Ausgleich durch das Redetalent
8. Ergebnis
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die Herausforderungen, mit denen ein homo novus in der späten römischen Republik konfrontiert war, und analysiert die Strategien, mit denen diese Aufsteiger den Mangel an ererbter dignitas ausglichen, um in die höchsten Staatsämter zu gelangen.
- Definition und gesellschaftliche Herkunft des homo novus.
- Strukturelle Gegensätze zur etablierten Nobilität.
- Die politische und soziale Bedeutung der dignitas im römischen Staat.
- Militärische Erfolge und rednerische Begabung als Instrumente des politischen Aufstiegs.
- Fallbeispiele: Marcus Tullius Cicero und Gaius Marius.
Auszug aus dem Buch
7.1. Der Ausgleich durch militärische Erfolge
Betrachtet man die Zeiten in denen homines novi in das Konsulat gewählt wurden, wird deutlich, dass diese fast immer in Zeiten der Krise in ihr Amt kamen, also in denen Experten zur Lösung der Krise benötigt wurden, die die Nobilität nicht aufbringen konnte. Es liegt auf der Hand, dass es sich bei diesen Experten zur Krisenbewältigung in erster Linie um Militärs handelte.52 Ein herausragendes Beispiel für einen homo novus, der durch militärische Erfolge würdig genug für das Konsulat schien, ist Gaius Marius. Sallust beschreibt seine Eigenschaften folgendermaßen:
„Für die Übernahme dieses Amtes stand ihm – abgesehen von einer langen Ahnenreihe – alles im Überfluss zu Gebote: Fleiß, Rechtschaffenheit, große Kenntnisse auf militärischem Gebiet, ein Charakter, der im Krieg herausragend, im Frieden maßvoll war, der über Leidenschaften und Reichtum triumphierte und nur eine einzige Gier kannte: die Gier nach Ruhm.“53
Er besaß also alle Eigenschaften, die ein Aufsteiger mitbringen musste. Marius, der wie Cicero aus einem wohlhabenden provinziellen Rittergeschlecht stammte, war im Gegensatz zu diesem, der herausragendste Vertreter der Popularpartei seiner Zeit. Er stellte sich somit direkt in Opposition zu den Optimaten, welche der Nobilität nahestanden. Dieser scharfe Gegensatz gegen die Senatsaristokratie prägte Marius gesamtes politisches Wirken.54 Er konnte also nicht, wie Cicero es tat, auf Unterstützung durch die Nobilität setzen, sondern musste mit deren unmittelbarer Gegnerschaft rechnen. So machte ihn nicht nur die von Geburt an fehlende dignitas für die Nobilität als Konsul unmöglich, auch seine politischen Standpunkte standen seiner Karriere im Wege. Der einzige Weg, vom Senatsadel doch als Konsul gewünscht zu sein, also die nötige dignitas aufzubringen, lag, zumindest zu Beginn seiner öffentlichen Laufbahn, in seiner militärischen Karriere und der damit verbundenen Unentbehrlichkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des homo novus ein und verdeutlicht die zentrale Bedeutung der dignitas für den Aufstieg zum Konsulat anhand von Cicero.
2. Definition und Herkunft eines homo novus: Dieses Kapitel klärt, dass ein homo novus kein mittelloser Aufsteiger war, sondern meist einem wohlhabenden Rittergeschlecht entstammte.
3. Der Gegensatz zur Nobilität: Es wird die Entstehung der Nobilität als exklusive Machtelite beleuchtet, die den Zugang zu den höchsten Ämtern faktisch kontrollierte.
4. Die Bedeutung der dignitas: Der Begriff dignitas wird als zentraler politischer und prestigeträchtiger Maßstab definiert, der eng mit der persönlichen Würde und dem öffentlichen Wirken verknüpft war.
5. Die Problematik der Ämterlaufbahn für homines novi: Hier wird der Widerstand der Nobilität gegen Neulinge beschrieben, die ihren sozialen Status und ihre Privilegien gefährdet sahen.
6. Der Ausgleich der dignitas: Dieses Kapitel zeigt auf, wie durch individuelle Leistung, moralische Integrität und politische Anpassung der Mangel an ererbter Würde kompensiert werden konnte.
7. Konkrete Wege des Ausgleichs: Das Kapitel differenziert zwischen militärischem Ruhm und rhetorischem Talent als zwei Hauptstrategien des sozialen Aufstiegs.
8. Ergebnis: Das Fazit stellt fest, dass virtus (Tugend/Leistung) für den homo novus zur dignitas wurde und Aufsteiger so oft den eigentlichen Idealtypus eines Politikers verkörperten.
Schlüsselwörter
Homo novus, Nobilität, Dignitas, Konsulat, Ämterlaufbahn, Römische Republik, Marcus Tullius Cicero, Gaius Marius, Virtus, Klientelpolitik, Senatsadel, Politische Karriere, Römisches Recht, Mos maiorum, Aufstieg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie es politikfernen Familien in der späten römischen Republik gelang, durch individuelle Leistungen und Strategien in den exklusiven Kreis der konsularischen Elite aufzusteigen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Definition des homo novus, die exklusive Stellung der Nobilität, das Konzept der dignitas sowie die Methoden des politischen Aufstiegs durch Militär und Rhetorik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Barrieren für politische Aufsteiger aufzuzeigen und zu analysieren, wie die fehlende aristokratische Herkunft durch spezifische Leistungen kompensiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die primär auf zeitgenössischen Quellen (wie den Schriften von Cicero und Sallust) und einschlägiger Sekundärliteratur zur römischen Sozialgeschichte basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der soziopolitischen Hürde der dignitas und den praktischen Wegen des Ausgleichs, konkret durch militärische Erfolge und die rhetorische Prozessführung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie homo novus, dignitas, Nobilität und Virtus charakterisiert, da diese das Spannungsfeld zwischen Tradition und politischem Aufstieg definieren.
Warum war militärische Erfahrung für einen homo novus ein entscheidender Faktor?
In Krisenzeiten konnten Aufsteiger wie Gaius Marius ihre Unentbehrlichkeit als militärische Experten unter Beweis stellen, um gegen den Widerstand der Nobilität in das höchste Staatsamt gewählt zu werden.
Inwiefern spielte das Redetalent eine Rolle für den Erfolg eines homo novus?
Durch rhetorische Brillanz, insbesondere als Anwalt, konnte sich ein homo novus wie Cicero als unverzichtbar erweisen, einflussreiche Klienten binden und sich so die notwendige Anerkennung bei den Wählern sichern.
Was unterscheidet den homo novus vom klassischen römischen Adel?
Während die Nobilität ihre Würde aus der Tradition und den Taten ihrer Ahnen ableitete, musste der homo novus seinen Status durch eigene Leistungen und individuelles virtus unter Beweis stellen.
- Arbeit zitieren
- Christian-Wilhelm Wehebrink (Autor:in), 2013, Ämterlaufbahn im antiken Rom. Die Problematik und der Ausgleich der den "homines novi" fehlenden "dignitas", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/366106