Einleitung oder Gesagtes und Gemeintes
Nicht immer geht aus der wörtlichen Bedeutung einer sprachlichen Äußerung hervor, was der Sprecher tatsächlich meint. Stattdessen ist im Gesagten oft nicht enthalten, was gemeint ist. Es wird also mehr ausgedrückt als in der wörtlichen Bedeutung enthalten ist. Wie aber ist es möglich, etwas anderes zu sagen als man meint, und woher nimmt der Sprecher die Sicherheit zu wissen, vom Hörer richtig interpretiert zu werden (vgl. Keller 1995)?
Der Sprachphilosoph Herbert Paul Grice hat mit seiner Theorie der konversationellen Implikaturen versucht, allgemeine Prinzipien des Gebrauchs von Sprache zu formulieren, anhand derer erklärt werden kann, wie der Hörer einer Äußerung das vom Sprecher Gemeinte rekonstruieren und erkennen kann. Grice (nach Thimm 1995) unterscheidet das Gesagte – den logischen Inhalt – und das Implikatierte. Unter Kommunikation versteht Grice kooperatives, rationales Handeln – Interaktion –, bei der es darum geht, Verständigung zu erlangen (vgl. Grice 1975; Linke, Nussbaumer & Portmann 1996; Schneider 2001; Wunderlich 1972). Da die Verständigung zwischen den Gesprächspartnern eine Grundvoraussetzung von Kommunikation ist, kann Kommunikation ohne ein wenigstens minimales gemeinsames Interesse also nicht zustande kommen (vgl. Linke, Nussbaumer & Portmann 1996).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung oder Gesagtes und Gemeintes
2. Das Kooperationsprinzip und die Konversationsmaximen
3. Die konversationelle Implikatur
3.1 Die Begriffe Implikatur und implikatieren
3.2 Die konversationelle Implikatur einer Äußerung
4. Implikaturentests
4.1 Rekonstruierbarkeit
4.2 Kontextabhängigkeit
4.3 Streichbarkeit
5. Typen konversationeller Implikaturen
6. Schluss oder Kritik an der Griceschen Theorie
6.1 Kritik an den Konversationsmaximen
6.2 Kritik an der gesamten Implikaturentheorie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Theorie der konversationellen Implikaturen von Herbert Paul Grice, um zu klären, wie Hörer die von Sprechern intendierte Bedeutung über die wörtliche Aussage hinaus rekonstruieren können. Dabei liegt der Fokus auf der Funktionsweise der Kommunikation als kooperatives und rationales Handeln.
- Das Kooperationsprinzip und die Konversationsmaximen als Basis sprachlicher Kommunikation.
- Die Differenzierung zwischen dem Gesagten und dem implikatierten Gehalt.
- Methodische Ansätze zur Identifikation von Implikaturen (Rekonstruierbarkeit, Kontextabhängigkeit, Streichbarkeit).
- Kritische Reflexion der Griceschen Theorie sowie alternative kommunikationstheoretische Ansätze.
Auszug aus dem Buch
4.1 Rekonstruierbarkeit
Konversationelle Implikaturen werden mit Hilfe eines Schlussprozesses aus der wörtlichen Bedeutung und dem Kontext der Äußerung, dem Kooperationsprinzip und seinen Konversationsmaximen und anderem Hintergrundwissen ermittelt (vgl. Meibauer 1999; Grice 1975; Thimm 1995). Diese Eigenschaft wird Rekonstruierbarkeit genannt (Meibauer 1999). Grice (1975) selbst sagt: „Es mu[ss] möglich sein, durch Überlegung [dahinter zu kommen], da[ss] eine [konversatione lle] Implikatur vorliegt“ (S.254) und gibt ein allgemeines Muster für diesen Gedankengang an:
Er hat gesagt, da[ss] p; es gibt keinen Grund anzunehmen, da[ss] er die Maximen oder zumindest das Kooperationsprinzip nicht beachtet; er könnte sie nicht beachten, falls er nicht dächte, da[ss] q; er weiß (und weiß, da[ss] ich weiß, da[ss] er weiß), da[ss] ich feststellen kann, da[ss] die Annahme, da[ss] er glaubt, da[ss] q, nötig ist; er hat nichts getan, um mich von der Annahme, da[ss] q, abzuhalten; er will – oder hat zumindest nichts dagegen –,da[ss] ich denke, da[ss] q; und somit hat er [implikatiert], da[ss] q. (S.255)
Anhand dieses Schlussprozesses ist es dem Hörer möglich, die Implikatur einer Äußerung zu erarbeiten und nachzuvollziehen (vgl. auch Thimm 1995). Allerdings bleibt zu beachten, dass die Schritte dieses Gedankenganges vom Hörer nicht bewusst vollzogen werden und der Hörer wahrscheinlich nur sehr wenig Zeit braucht, um herauszufinden, ob es sich um eine Implikatur handelt und wie diese aussieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung oder Gesagtes und Gemeintes: Dieses Kapitel führt in die Diskrepanz zwischen wörtlicher Äußerung und tatsächlich Gemeintem ein und stellt das Grundanliegen der Theorie von H.P. Grice vor.
2. Das Kooperationsprinzip und die Konversationsmaximen: Hier werden das zentrale Kooperationsprinzip sowie die vier Maximen Quantität, Qualität, Relevanz und Modalität als Regeln rationalen Sprachgebrauchs definiert.
3. Die konversationelle Implikatur: Dieser Abschnitt klärt die terminologischen Grundlagen und grenzt konversationelle Implikaturen vom restlichen Verstehensprozess ab.
4. Implikaturentests: Hier werden die methodischen Kriterien zur Überprüfung einer konversationellen Implikatur, wie Rekonstruierbarkeit, Kontextabhängigkeit und Streichbarkeit, erläutert.
5. Typen konversationeller Implikaturen: Es erfolgt eine Unterscheidung zwischen partikularisierten und generalisierten konversationellen Implikaturen.
6. Schluss oder Kritik an der Griceschen Theorie: Das abschließende Kapitel beleuchtet verschiedene Kritikpunkte an den Maximen sowie an der systematischen Einbettung der Theorie in die Kommunikationswissenschaft.
Schlüsselwörter
Konversationelle Implikatur, Herbert Paul Grice, Kooperationsprinzip, Konversationsmaximen, Sprachphilosophie, Kommunikation, Rekonstruierbarkeit, Kontextabhängigkeit, Pragmatik, Sprachliches Handeln, Standardimplikatur, Implikaturentest, Gesagtes, Gemeintes.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Theorie der konversationellen Implikaturen nach H.P. Grice und untersucht, wie Kommunikation über die wörtliche Bedeutung hinaus funktioniert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert auf das Kooperationsprinzip, die Konversationsmaximen sowie die methodischen Möglichkeiten zur Identifikation und Analyse von Implikaturen im alltäglichen Sprachgebrauch.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Hörer durch rationale Schlussprozesse auf die beabsichtigte Bedeutung eines Sprechers schließen können, selbst wenn diese nicht explizit geäußert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse linguistischer Fachliteratur und die Anwendung der Griceschen Kriterien zur Identifikation von Implikaturen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Grundlagen (Prinzipien und Maximen), die Erläuterung von Testverfahren für Implikaturen sowie eine kritische Reflexion der Theorieansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Konversationelle Implikatur, Kooperationsprinzip, Konversationsmaximen und Pragmatik.
Wie unterscheiden sich partikularisierte von generalisierten Implikaturen?
Partikularisierte Implikaturen sind stark an den spezifischen Kontext gebunden, während generalisierte Implikaturen weitgehend unabhängig von der Situation durch bestimmte Sprachwendungen ausgelöst werden.
Warum kritisiert Vanderveken das Gricesche System?
Kritisiert wird insbesondere die Unbestimmtheit der Maximen sowie die einseitige Fokussierung auf assertive Äußerungen als Informationsaustausch.
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- Anna Badstübner (Author), 2002, Konversationelle Implikaturen bei Grice, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/36326