In der Seminararbeit lenkt der Autor sein Augenmerk auf die Unterweltvorstellungen von Wikingern und Nordgermanen sowie Römern in Europa sowie Azteken in Mesoamerika und stellt sie mit Bezug auf die Edda, Aeneis und die Aztekencodices vergleichend gegenüber. Dabei widerlegt der Autor den gängigen Mythos von der einen Unterwelt, der nicht oder nur bedingt gilt.
Schon immer haben sich die Menschen die Frage gestellt, war mit ihnen nach dem Tod passiert und wohin sie dann kommen. Die Suche nach der Antwort auf diese Frage beschäftigt nicht nur uns in der heutigen Zeit, im Hier und Jetzt, sondern seit der Steinzeit auch Menschen unterschiedlichster Völker, die mehrere Jahrhunderte vor uns lebten und starben. Sie versuchten, sich ein Bild davon zu machen, an welchen Totenorte sie dann ihr Schattendasein führen würden.
Anders als heute, in einer Welt, in der der Tod durch die Errungenschaften der Medizin in weite Ferne gerückt wird und in der Menschen unter normalen Bedingungen ein hohes Alter erreichen können, war der Tod in frühester Zeit der ständige Begleiter der Menschen. Da er jederzeit eintreten konnte, wollten die Menschen die Ungewissheit über das Jenseits wenigstens dadurch einschränken, indem sie sich in ihrer jeweiligen Religion ein Leben danach erschufen.
So hatten die Wikinger und Nordgermanen 3, die Azteken 4 Unterwelten. Und auch bei den Römern gab es eigentlich mehr Unterwelten, die jedoch in einer einzigen vereint waren.
Folgende Fragen beantwortet der Autor in seiner Arbeit:
Welchen eigentlichen Sinn und Zweck hatten die schriftlichen Quellen, aus denen sich die einzelnen Darstellungen der Unterwelt entnehmen lassen?
In welchem historischen Zusammenhang entstanden sie und wer hat sie verfasst?
Wie muss man sich den Aufbau der einzelnen Jenseitsorte vorstellen und wie viele gab es davon in den genannten Kulturen?
Lässt sich möglicherweise ein Zusammenhang zwischen der Lebensweise der Völker im Diesseits zur Unterwelt nach dem Tod feststellen?
Und wie kommt es, dass man trotz zeitlich und geografisch trennender Elemente, wie z. B. Atlantik sowie Nord- und Ostsee, dennoch derart viele Gemeinsamkeiten zwischen den jeweiligen Unterwelten erkennen kann?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die Edda
I.1. Begriffsklärung
I.2. Die Edda-Übersetzung in deutscher Sprache
I.3. „Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda“ (= Lieder-Edda = Sämunds Edda = Ältere Edda)
I.3.a) Der geschichtliche Rahmen der Lieder-Edda
I.3.b) Das Quellmanuskript „Codex Regius“
I.3.c) Die Weissagung der Seherin (Völuspá)
I.4. „Die Edda des Snorri Sturluson“ (= Snorra-Edda = Prosa-Edda = Jüngere Edda)
I.5. Die Anzahl der eddischen Unterwelten
I.6. Die Unterwelt Hel vor Ragnarök
I.6.a) Die Lage und die Unterteilung von Hel
I.6.b) Das Totengericht
I.6.c) Der Grenzfluss
I.6.d) Die Bewohner Hels
I.6.e) Das Schiff Naglfar
I.7. Die „Unterwelt“ Walhall in der Götterwelt Asgard vor Ragnarök
I.8. Die Unterwelt Rán am Meeresboden vor Ragnarök
I.9. Der Weltuntergang Ragnarök
I.10. Die Zeit nach Ragnarök
II Die Aeneis
II.1. Das Heldenpos und der Gründungsmythos des Römischen Reiches
II.2. Die Motive der Katabasis: Vision des Aeneas sowie Weissagungen des Anchises und der Sibylle
II.3. Der Orcus
II.3.a) Die Vorhalle
II.3.b) Der Unterweltfluss Styx
II.3.c) Der Höllenhund Cerberus
II.3.d) Der namenlose Bezirk der fälschlicherweise zum Tode Verurteilten und der vorzeitig verstorbenen Kinder
II.3.e) Der namenlose Bezirk der Selbstmörderinnen und Selbstmörder
II.3.f) Die Trauergefilde
II.3.g) Der namenlose Bezirk der Kriegshelden des Thebanischen und des Trojanischen Krieges
II.3.h) Der Tartarus
II.3.i) Das Elysium
II.4. Die neue alte Welt
III. Die Aztekencodices
III.1. Die Geschichte der Azteken
III.2. Die Quellen
III.2.a) Die Codices
III.2.b) Die Erforschung der Quellen
III.3. Die Unterwelten
III.3.a) Die Anzahl der Unterwelten
III.3.b) Der Totenort Mictlan
III.3.c) Der Totenort Tlalocan
III.3.d) Der Totenort In ichan tonatiuh ilhujcac
III.3.e) Die Sonderstellung der Großkaufleute
III.3.f) Die Opferarten
III.3.g) Der Totenort Xochatlapan mit dem Ammenbaum Chichiuacuavitl am Ort Chichihuacuauhoc
A. Gemeinsamkeiten der Unterwelten von Edda, Aeneis und Aztekencodices
A.1. Höllenhund
A.2. Totenorte
A.3. Unterweltgötter
A.4. Unterweltflüsse
A.5. Unterweltflüsse als Grenzflüsse
A.6. Orte für Kriegstote
A.7. Totenrichter
A.8. Die Neun als magische Zahl
A.9. Lage der Unterwelten
A.10. Bestattungszwang
A.11. Führer aus einer alten Welt in eine neue
B. Gemeinsamkeiten zweier Unterwelten
B.1. Lage der Unterwelten
B.2. Todesart entscheidet über den Jenseitsort
B.3. Totenort für Kinder
B.4. Auslöschung
B.5. Anzahl der Unterweltflüsse
B.6. Sterblichkeit der Götter
B. 7. Gemeinsamer Ursprung
C. Unterschiede zwischen den Unterwelten
C.1. Anzahl der Unterwelten
C.2. Anzahl der obersten Götter
C.3. Seelenwanderung
C.4. Verweildauer in der Unterwelt
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit untersucht und vergleicht die Unterweltvorstellungen der Wikinger/Nordgermanen (Edda), der Römer (Aeneis) und der Azteken (Aztekencodices), um verbreitete Mythen über eine einzelne, einheitliche Unterwelt kritisch zu hinterfragen und die komplexen Jenseitsstrukturen sowie deren kulturelle Einbettung detailliert gegenüberzustellen.
- Mythologische Unterweltkonzepte der nordgermanischen, römischen und aztekischen Kulturen.
- Strukturelle Gemeinsamkeiten und signifikante Unterschiede der Jenseitswelten.
- Die Rolle von Todesursachen, sozialen Merkmalen und Verhaltensweisen für den Bestimmungsort nach dem Tod.
- Einfluss christlicher Tradierung auf die mythologische Überlieferung.
- Bedeutung von Totenbegleitern, Totenrichtern und Flussgrenzen.
Auszug aus dem Buch
I.6.a) Die Lage und die Unterteilung von Hel
Hel bezeichnet in der (nord)germanisch-wikingischen Mythologie das Totenreich und ist somit der Aufenthaltsort der gleichnamigen Unterweltsgöttin Hel, die gleichzeitig eine Personifizierung des Totenreichs darstellt. Nach Hel kommen all diejenigen, die an Land17 an Altersschwäche oder Krankheit gestorben sind. Für sie ist Hel nichts weiter als ein Aufenthaltsort, an dem sie jedoch nicht bestraft werden.
Die Unterwelt Hel liegt tief im Erdreich unter den Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil18 verborgen, was auch die Herkunft de Wortes zeigt. Hel gehört nämlich gemeinsam mit gotisch19 „halja“ (Hölle), altenglisch20 „hell“ und althochdeutsch21 „hella“ zum Verbum althochdeutsch „helan“ (verbergen). Unter dem Schattenreich, das den Toten als Aufenthaltsort dient, befinden sich neun weitere noch tiefer in die Erde ragende Welten. Die unterste wird als Niflhel (altnordisch22 „dunkle Hel“) oder auch Niflheim (altnordisch „dunkle Welt“) bezeichnet. Beide Wörter sind verwandt mit dem altenglisch „nifol“ (dunkel) und lateinisch „nebula“. Dieser Teil der Unterwelt ist der Strafort, in den Eidbrecher und Mörder kommen.
Die Totengöttin Hel ist die Herrscherin über diese neun Welten. Die wichtigsten23 davon sind Hel, Nastrand (altnordisch „Totenstrand“) und der Fluss Hvergelmir (altnordisch „der brausende Kessel“24), an dem der Drache Nidhögg (altnordisch „der hasserfüllt Schlagende“) lebt. Hel ist – wie bereits erwähnt – das Schattenreich, in dem alle Toten – außer Meineidige und Mörder – verbleiben. Letztere wandern durch die darunter befindlichen Welten Nastrand und Hvergelmir, bis sie schließlich in Niflheim ankommen. In diesen Welten werden die Toten bestraft und erleiden Qualen - wie im Tartarus (Strafort im Orcus) der Aeneis oder in Mictlan der Azteken.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Die Edda: Dieses Kapitel analysiert die nordische Totenwelt, insbesondere Hel, Walhall und Rán, und untersucht deren Struktur sowie die Rolle von Schicksal und Ragnarök.
II Die Aeneis: Hier wird der römische Orcus mit seinen verschiedenen Bezirken, wie dem Tartarus und dem Elysium, beschrieben und in den Kontext der augusteischen Moralvorstellungen gesetzt.
III. Die Aztekencodices: Dieses Kapitel beleuchtet die vier Jenseitsorte der Azteken, deren Abhängigkeit von der Todesart sowie die Bedeutung der Quellenarbeit durch Seler und Sahagún.
Schlüsselwörter
Unterwelt, Edda, Aeneis, Aztekencodices, Ragnarök, Orcus, Mictlan, Tod, Jenseits, Totenrichter, Seelenwanderung, Mythologie, Bestattungsriten, Götter, Kosmologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der vergleichenden Mythologie von Totenreichen in drei verschiedenen Kulturen: den Wikingern/Nordgermanen, den Römern und den Azteken.
Welche zentralen Themenbereiche werden untersucht?
Im Fokus stehen die Struktur der jeweiligen Unterwelten, die zugrunde liegenden schriftlichen oder bildlichen Quellen und die Bedingungen, unter denen Verstorbene bestimmte Orte im Jenseits erreichen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es, den Mythos der "einen Unterwelt" zu widerlegen und aufzuzeigen, wie vielfältig und komplex die Jenseitsvorstellungen in den untersuchten Kulturen tatsächlich strukturiert sind.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor wendet eine komparative Methode an, bei der die mythologischen Konzepte der drei Kulturen anhand ihrer Quellen systematisch gegenübergestellt und auf Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede geprüft werden.
Was sind die Schwerpunkte im Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich nach den drei Kulturen und behandelt detailliert die einzelnen Unterwelten (Hel, Orcus, Mictlan etc.), die Rolle von Göttern, Totenrichtern und die spezifischen Kriterien für den Übergang ins Jenseits.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben den zentralen Begriffen Unterwelt, Edda, Aeneis und Azteken sind die Kriterien für den Jenseitsort (wie Todesart) und der Totenkult zentrale Kennzeichen der Arbeit.
Warum spielen Hunde in vielen Unterwelten eine solch wichtige Rolle?
Hunde fungieren oft als Totenbegleiter oder Wächter des Übergangs, wobei der Hund bei den Azteken etwa eine essenzielle Rolle als "Fährmann" über den Unterweltfluss spielt.
Welchen Einfluss hat die christliche Literatur auf die Quellen der Edda?
Der Autor zeigt auf, dass spätere christliche Einflüsse, etwa durch Snorri Sturluson, Konzepte wie Hölle oder Straforte in die vormals heidnischen Vorstellungen der Edda integriert haben könnten.
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- Nicolas Ströhla (Author), 2016, Unterwelten in Europa und Mesoamerika. Edda, Aeneis und Aztekencodices, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/359186