Ludwig Tieck (31.05.1773-28.04.1853) war nicht nur ein Schriftsteller der romantischen Bewegung, er arbeitete auch als Herausgeber und Sammler von Literatur und als Übersetzer. So führte er beispielsweise A.W. Schlegels Shakespeare-Übersetzungen (1825-33) fort. Zudem gehörte er dem Künstlerkreis der Jenaer Frühromantik an. Genau in dieser Zeit – um 1800 – entstand auch das Märchen Der blonde Eckbert. Während meiner Recherche zu dieser Arbeit sind mir zahlreiche Interpretationen des blonden Eckberts, sowie Ansätze zur Beantwortung der Gattungsfrage ins Auge gefallen. Mein Interesse gilt jedoch der Erzählstruktur des als Kunstmärchen ausgewiesenen Textes. Deshalb möchte ich hauptsächlich auf die erzähltheoretische Analyse eingehen, wobei ich mich ausschließlich an Matías Martínez und Michael Scheffel – Einführung in die Erzähltheorie – orientieren werde.
„Im Gegensatz zu anderen Überblicksdarstellungen der Erzähltheorie leitet [dieses Buch] zentrale Komponenten literarischen Erzählens aus dem Grundphänomen der Fiktionalität ab und umfasst sowohl das ›Wie‹ als auch das ›Was‹ von Erzählungen.“
Zunächst werde ich den Begriff des Erzählens erläutern um auf das faktuale und fiktionale Erzählen einzugehen und um aufzuzeigen, welche Art des Erzählens im blonden Eckbert angewendet wurde. Es folgt das Kapitel der Zeitverhältnisse, das von Gérard Genette begründet ist und von Martínez und Scheffel aufgegriffen wird. Es setzt sich hauptsächlich mit drei Leitfragen auseinander, nämlich:
1. Welcher Reihenfolge geht die Erzählung nach (Ordnung/Reihenfolge),
2. Über welchen Zeitraum werden die Geschehnisse einer Erzählung geschildert (Dauer) und
3. Wie oft wird wiederholendes oder nichtwiederholendes Geschehen in einer Erzählung präsentiert (Frequenz).
Abschließend werde ich auf den Modus eingehen, der in Distanz und Fokalisierung unterteilt wird.
Auf Grund des vorgegebenen Rahmens dieser Hausarbeit werde ich mich ausschließlich auf die oben genannten Themen fokussieren und die interpretativen Ansätze dieses Märchens auslassen. Bezogen auf Martínez und Scheffel bedeutet das, dass ich mich überwiegend mit dem Wie beschäftigen und das Was eher außer Acht lassen werde.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Faktuales vs. Fiktionales Erzählen
2. Zeitverhältnisse
2.1 Ordnung/Reihenfolge
2.2 Dauer/ Erzähltempo
2.3 Frequenz
3 Modus
3.1 Distanz
3.2 Fokalisierung
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die erzähltheoretische Untersuchung von Ludwig Tiecks Kunstmärchen "Der blonde Eckbert". Dabei steht die Analyse der narrativen Struktur im Fokus, um aufzuzeigen, wie durch spezifische Erzählverfahren ein Eindruck von Instabilität und Zweideutigkeit erzeugt wird, wobei sich die Arbeit methodisch an der "Einführung in die Erzähltheorie" von Martínez und Scheffel orientiert.
- Unterscheidung zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen
- Analyse der Zeitverhältnisse (Ordnung, Dauer, Frequenz)
- Untersuchung des Modus (Distanz und Fokalisierung)
- Betrachtung von Rahmen- und Binnenhandlung
- Autoreflexivität des Erzählens in der Romantik
Auszug aus dem Buch
3.1 Distanz
Laut Martínez und Scheffel existieren unterschiedliche Möglichkeiten, mehr oder weniger Distanz in Erzählungen zu schaffen. Sie unterscheiden dabei zwischen der Erzählung von Ereignissen, der Erzählung von Worten und der Erzählung von Gedanken. Die Präsentation von Ereignissen kann sowohl im dramatischen als auch im narrativen Modus erzählt werden. Im dramatischen Modus, wobei von einer unmittelbaren Darstellung der Geschichte ausgegangen wird, wird die Erzählung direkt und ohne eine erkennbare erzählende Figur geschildert. Die Eindrücke können so ohne Distanz zu der Leserschaft vermittelt werden. Im narrativen Modus, wobei von einer mittelbaren Darstellung auszugehen ist, wird die Erzählung durch eine starke Erzählerpräsenz, die durch vermehrte Erzählerkommentare und auch Reflexionen erkennbar ist, gekennzeichnet.
Die Erzählung von Worten lässt sich ebenfalls in den narrativen Modus, auch erzählte Rede, und in den dramatischen Modus, auch zitierte Rede, einteilen. Hinzu kommt der sogenannte gemischte Modus, die transponierte Figurenrede, bei der der Erzählende mehr oder weniger erkennbar an der Erzählung einer Figur beteiligt ist, indem er diese in die eigene Rede überführt. Bei der Erzählung von Gedanken verhält es sich gleich der Erzählung von Worten. Um den Eindruck von Mittel- oder Unmittelbarkeit zu schaffen, lassen sich also unterschiedliche Merkmale ausmachen.
Die Rahmenhandlung im blonden Eckbert beginnt mit einer nichtsprachlichen Raffung, die eine gewisse Mittelbarkeit schafft. Auch durch die zu Beginn verwendete erzählte Rede – „[...], nur klagten sie gewöhnlich darüber, dass der Himmel ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wolle.“ – wird ein narrativer Modus geschaffen. Die Rahmenhandlung kann als Erzählung von Ereignissen beschrieben werden, die in eine Erzählung von Worten übergeht, als die direkte Rede einsetzt, indem Eckbert spricht: „Freund, ihr solltet Euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, die seltsam genug ist.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in die Relevanz von Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert" ein und legt den erzähltheoretischen Analyserahmen basierend auf Martínez und Scheffel fest.
1. Faktuales vs. Fiktionales Erzählen: Dieses Kapitel erläutert die theoretische Unterscheidung zwischen faktualen und fiktionalen Erzählweisen und verortet das Werk im fiktionalen Bereich.
2. Zeitverhältnisse: Es werden die zeitlichen Strukturen des Märchens anhand von Anachronien, Raffungen und Ellipsen analysiert, die maßgeblich zur Gestaltung der Binnenhandlung beitragen.
2.1 Ordnung/Reihenfolge: Hier wird die chronologische Struktur der Rahmenhandlung sowie deren Unterbrechung durch die Analepse in Berthas Lebensgeschichte untersucht.
2.2 Dauer/ Erzähltempo: Das Kapitel befasst sich mit der Verwendung von Raffungen und Ellipsen, um umfangreiche Lebenszeitspannen auf kurzem Raum zu komprimieren.
2.3 Frequenz: Die Analyse konzentriert sich auf das Verhältnis von wiederholten Ereignissen und deren erzählerischer Darstellung, wobei singulative und iterative Typen identifiziert werden.
3 Modus: In diesem Hauptteil wird untersucht, wie durch den Grad der Mittelbarkeit die Distanz zwischen Erzählung und Rezipienten gestaltet wird.
3.1 Distanz: Dieses Unterkapitel detailliert die Erzählung von Ereignissen, Worten und Gedanken und zeigt deren Wirkung auf die Unmittelbarkeit der Darstellung.
3.2 Fokalisierung: Es wird die Perspektivierung des Erzählten analysiert, insbesondere der Wechsel zwischen Nullfokalisierung und internen Fokalisierungen, die den Eindruck von Instabilität verstärken.
Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Tieck durch die komplexe Verschränkung von Erzählverfahren ein bewusstes Spiel mit der Zweideutigkeit und dem Instabilen betreibt.
Schlüsselwörter
Ludwig Tieck, Der blonde Eckbert, Erzähltheorie, Zeitverhältnisse, Modus, Distanz, Fokalisierung, Fiktionalität, Rahmenhandlung, Binnenhandlung, Romantik, Analepse, Raffung, Ellipse, narrative Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Erzählstruktur von Ludwig Tiecks romantischem Kunstmärchen "Der blonde Eckbert" unter Verwendung erzähltheoretischer Kategorien.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Zeitverhältnisse (Reihenfolge, Dauer, Frequenz) sowie der Modus (Distanz und Fokalisierung) des Erzählens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie Tieck durch spezifische erzählerische Mittel einen Eindruck von Instabilität und Verwirrung beim Leser erzeugt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse basiert methodisch auf der "Einführung in die Erzähltheorie" von Matías Martínez und Michael Scheffel.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Zeitverhältnisse einerseits und die Analyse des Modus andererseits, angewandt auf die Textstellen des "blonden Eckbert".
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Fiktionalität, Analepse, Raffung, Ellipse, Nullfokalisierung sowie der Unterschied zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen.
Warum spielt die Unterscheidung von Rahmen- und Binnenhandlung eine so große Rolle für die Zeitverhältnisse?
Sie ist entscheidend, da die Binnenhandlung eine Anachronie darstellt, die die chronologische Ordnung der Rahmenhandlung unterbricht und eine hohe Dichte an Raffungen und Ellipsen aufweist.
Wie trägt die "Als-Ob-Struktur" zur erzählerischen Wirkung bei?
Sie verweist auf einen personalen Erzähler und verunsichert die Leserschaft, da sie die Illusion einer faktualen Erzählung konsequent untergräbt.
Welche Bedeutung hat das Wort "schien" im Kontext der Fokalisierung?
Das Wort deutet darauf hin, dass die erzählende Figur nur Vermutungen über die Gefühlslage anderer Figuren anstellt, was den Eindruck instabiler Erzählverhältnisse unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Tabea Nau (Autor:in), 2017, Erzähltheorien in Ludwig Tiecks "Der blonde Eckbert". Faktuales und fiktionales Erzählen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/358376