Mitte der 1980er Jahre fand im Schatten des „Historikerstreits“ mit der „Historismusdebatte“ eine zweite geschichtswissenschafftliche Auseinandersetzung statt. Sie wurde ausgelöst vom Münchner Historiker Martin Broszat, der 1985 sein „Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus“ publizierte hatte. Die Forderung nach einer distanzierten, nicht moralisierenden Herangehensweise an den Nationalsozialismus und die Shoa löste eine Debatte über eine angemessene Darstellung dieser Geschichte aus, an der sich unter anderem Saul Friedländer und Hans-Ulrich Wehler mit je gegensätzlichen Positionen beteiligten. Angesichts des zunehmenden Verlusts der Augenzeugenschaft über die NS-Zeit und einer zunehmend „unbefangenen“ Darstellung in der Populärkultur, scheint die Frage nach der adäquaten Form nach wie vor aktuell. Im Folgenden werde ich daher Friedländers und Wehlers Hauptwerke auf eben diese Frage hin vergleichend betrachten und untersuchen inwiefern sie diese reflektieren.
Exzerpt:
(...) Diese geschlossene Zeitwahrnehmung ist jedoch nur aus der Täterperspektive möglich, die somit von den schlaglichtartigen Berichten der Opfer abgegrenzt wird. Dieser Gegensatz ist von Friedländer ausdrücklich beabsichtigt. Im Vorwort zu „die Jahre der Vernichtung“ weist er auf die Vielzahl der Perspektiven hin, aus denen sich die Quellen zur Shoa zusammensetzen. Diese will der Autor zu einer Gesamtdarstellung verbinden, wobei er besonderen Wert darauf legt den Opfern eine Stimme zu geben, die bisher aus der wissenschaftlichen Betrachtung des Holocaust ausgespart worden sei. Die persönlichen Aufzeichnungen sind für Friedländer jedoch auch aus einem anderen Grund unverzichtbar. Gerade durch ihren subjektiven und unmittelbaren Charakter sollen sie eine objektive „Businass-as-usual-Historiographie“ durchbrechen, die eine Darstellung der Massenvernichtung verflachen und domestizieren würde. Friedländer wählt für seine Darstellung also bewusst eine fragmentierte Form, die weder eine geschlossene Narration aus der Täterperspektive bietet, noch die Zeitzeugenberichte zur mikrohistorischen Betrachtung verknüpft.
Inhaltsverzeichnis
1. Inwiefern werden Erzähl- und Darstellungsformen reflektiert?
1.1 Einleitung
1.2 Hans-Ulrich Wehler und die „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“
1.3 Saul Friedländer und „Das Dritte Reich und die Juden“
1.4 Vergleichende Analyse der Darstellungsformen
1.5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die geschichtstheoretische Reflexion von Erzähl- und Darstellungsformen am Beispiel der Hauptwerke von Saul Friedländer und Hans-Ulrich Wehler, um zu klären, wie diese Historiker die Herausforderung einer adäquaten Repräsentation des Nationalsozialismus und der Shoa in der Geschichtsschreibung bewältigen.
- Historisierung des Nationalsozialismus
- Die Sonderwegsthese in der deutschen Historiographie
- Methodische Ansätze: Strukturalismus versus integrierte Geschichte
- Der narrative Turn und die Grenzen historischer Narrativität
- Verhältnis von Täterperspektive und Opferstimmen in der Darstellung
Auszug aus dem Buch
Hans-Ulrich Wehler und die „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“
Struktur und Prozess bilden also die beiden Pole in Wehlers Geschichtsbild, zwischen denen er die genannten Dimensionen entfaltet. So schildert das erste Kapitel des ersten Bandes den Weg von der mittelalterlichen Feudalgesellschaft zur frühneuzeitlichen Ständeordnung zwar durchaus in seiner zeitlichen Abfolge. Hierbei beleuchtet der Autor aber sowohl die ökonomischen, wie auch die politischen und sozialen Aspekte dieses Wandels, sodass sich keine einheitliche Chronologie ergibt. Vielmehr werden einzelne „Eckpunkte“ wie der Bauernkrieg oder der dreißigjährige Krieg unter verschiedenen Gesichtspunkten genannt. Auch die Langlebigkeit einzelner feudaler Elemente bis in das 18. Jahrhundert hinein werden geschildert, sodass die Gesamtdarstellung des Zeitabschnittes zwar dem Prozesscharakter der Geschichte gerecht wird, jedoch die strukturelle Betrachtung überwiegt.
Dadurch geraten die erzählenden Elemente der Darstellung unweigerlich ins Hintertreffen. Sie finden sich jedoch auf einer Metaebene durchaus wieder. Denn für Wehler ist die Vorstellung vom „deutschen Sonderweg“ paradigmatisch leitend. Die Annahme also, dass der neuzeitliche Modernisierungsprozess in Deutschland unter Sonderbedingungen und unter Abweichungen vom „westlichen Weg“ stattgefunden habe. Dieser Sonderweg habe letztendlich in den Nationalsozialismus und zur Shoa geführt, die damit zum Fluchtpunkt von Wehlers Geschichtsbild wird.
Zusammenfassung der Kapitel
Inwiefern werden Erzähl- und Darstellungsformen reflektiert?: Die Einleitung verortet die Debatte um die Darstellung des Nationalsozialismus im Kontext der Historismusdebatte und formuliert die vergleichende Fragestellung.
Hans-Ulrich Wehler und die „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“: Das Kapitel analysiert Wehlers strukturalistischen Ansatz, der auf Max Webers Basisprozessen aufbaut und gesellschaftliche Dimensionen gegenüber einer reinen Ereignisgeschichte priorisiert.
Saul Friedländer und „Das Dritte Reich und die Juden“: Hier wird Friedländers Ansatz der „integrierten Geschichte“ beleuchtet, der bewusst fragmentierte Zeitzeugenberichte nutzt, um die Grenzen traditioneller Narration zu sprengen.
Vergleichende Analyse der Darstellungsformen: Dieser Teil setzt die unterschiedlichen Ansätze in Beziehung zueinander und diskutiert die bewusste oder implizite Reflexion der gewählten Erzählweise durch die Autoren.
Fazit: Das Fazit bewertet die Leistungen beider Historiker und kommt zu dem Schluss, dass Friedländers Methode eher den Anforderungen einer Geschichtsschreibung nach Auschwitz gerecht wird als Wehlers klassische Narration.
Schlüsselwörter
Geschichte, Erzählung, Narrative Turn, Nationalsozialismus, Shoa, Hans-Ulrich Wehler, Saul Friedländer, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Historisierung, Sonderweg, integrierte Geschichte, Täterperspektive, Opferstimmen, Geschichtstheorie, Historiographie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie Historiker die Schrecken des Nationalsozialismus und der Shoa in ihren Werken angemessen darstellen und welche narrativen Strukturen sie dabei wählen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Konzepte der „Historisierung“, die Sonderwegsthese, der Umgang mit Quellen sowie die theoretische Auseinandersetzung mit der historiographischen Darstellbarkeit von Massenvernichtung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Hauptwerke von Hans-Ulrich Wehler und Saul Friedländer hinsichtlich ihrer Erzählformen vergleichend zu betrachten und zu prüfen, inwiefern diese die historischen Ereignisse reflektieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Analyse der historiographischen Darstellungsformen durchgeführt, gestützt auf geschichtstheoretische Ansätze, insbesondere mit Bezug auf Hayden White und Martin Broszat.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Gegenüberstellung von Wehlers strukturalistischer „Deutscher Gesellschaftsgeschichte“ und Friedländers „integrierter Geschichte“, wobei insbesondere die Gewichtung von Struktur und Erzählung untersucht wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Narrative Turn, Sonderweg, integrierte Geschichte, Historiographie und die Reflexion über die Grenzen sprachlicher Vermittelbarkeit von Leid.
Wie unterscheidet sich Wehlers Ansatz von dem Friedländers?
Wehler favorisiert eine strukturalistische, eher abstrakte Gesamtdarstellung, während Friedländer durch die Einbeziehung fragmentarischer Opferzeugnisse bewusst eine subjektive Unmittelbarkeit herstellt.
Welche Rolle spielt die „Sonderwegsthese“ für Wehler?
Für Wehler dient die These vom deutschen Sonderweg als zentraler Fluchtpunkt seines Geschichtsbildes, der die Modernisierungsprozesse und das Scheitern Deutschlands erklärt.
Warum wählt Friedländer eine fragmentierte Darstellungsform?
Friedländer möchte damit eine „Business-as-usual-Historiographie“ durchbrechen und verhindern, dass die Darstellung der Massenvernichtung verflacht oder domestiziert wird.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Arbeit bezüglich der Erzählbarkeit nach Auschwitz?
Die Arbeit deutet an, dass Friedländers „integrierte Geschichte“ eine zeitgemäßere Antwort auf die Herausforderung der Erzählung nach Auschwitz bietet als Wehlers Rückgriff auf klassische Narrationen.
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- Johannes Konrad (Author), 2016, Inwiefern werden Erzähl- und Darstellungsformen reflektiert?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/357234