Die Hirnforschung konnte durch den technischen Fortschritt seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Vorgänge innerhalb des Gehirns immer genauer beobachten. So ließen sich beispielsweise mit der in den 1980er Jahren entwickelten Magnetresonanztomographie erstmals Aktivitäten verschiedener Hirnareale und deren Veränderung unter bestimmten Umständen beobachten. Diese Beschreibbarkeit von Vorgängen im Gehirn bis auf Ebene der Neuronen veranlasste einige Neurowissenschaftler sich auch Fragen zu-zuwenden, die bisher als Domäne der Philosophie oder Theologie galten, allen voran, der nach der Freiheit des Willens. So unternahm der Physiologe Benjamin Libet 1979 ein Experiment mit dem er die Existenz eines freien Willens anhand neuronaler Aktivitäten nachweisen wollte. Seitdem gilt dieses Experiment als der empirische Nachweis für die naturkausale Determiniertheit des menschlichen Willens.
Auch wenn dies nicht von allen Neurowissenschaftlern in dieser Konsequenz unterstützt wird, so vertreten doch einzelne Forscher an exponierter Stelle eine solche Position. Zu nennen sind hier vor allem Wolf Singer, der mit seinem in der FAZ erschienen Artikel „Keiner kann anders als er ist“ eine streng deterministische Position einnahm. (...) Es handelt sich bei diesem naturkausal verstandenen Determinismus zwar nicht unbedingt um eine weit verbreitete Position. Dennoch drängt sie in die öffentliche und fachliche Wahrnehmung und sollte daher beachtet werden. Zumal eine tatsächliche Widerlegung des freien Willens für die Philosophie äußerst folgenschwer wäre, nicht zuletzt für die Kants, in dessen Denken die Freiheit eine zentrale Position einnimmt.
Daher soll im Folgenden überprüft werden, ob die These einer Nichtexistenz des freien Willens wegen der vollständigen Determiniertheit des Menschen Kants Konzeption eines Handelns aus Freiheit trifft. Hierzu werde ich zeigen, wie die bei Kant metaphysisch verankert Freiheit sich im Handeln realisieren und damit in der empirischen Welt real werden soll. Dabei werde ich mich in erster Linie auf die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ stützen.
Inhaltsverzeichnis
1.Einleitung
2.Die Nivellierung von Freiheit in der Kausalität
2.1.Roths Verständnis von Freiheit
2.2.Autonomie und Determinismus
3.Von der Idee der Freiheit zur Freiheit im Handeln
3.1.Empirische Welt und Verstandeswelt
3.2.Vernunft und Freiheit
3.3.Handeln aus Freiheit
4.Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Vereinbarkeit der neurowissenschaftlichen These einer vollständigen naturkausalen Determiniertheit des Menschen mit Kants Konzeption eines Handelns aus Freiheit. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die bei Kant metaphysisch verankerte Freiheit im Handeln realisiert wird und in der empirischen Welt wirksam werden kann, wobei die Ansätze von Gerhard Roth kritisch reflektiert werden.
- Neurowissenschaftliche Determinismustheorien und das Libet-Experiment
- Kants Unterscheidung zwischen empirischer Welt und Verstandeswelt
- Die Rolle der Vernunft bei der Konstituierung von Freiheit
- Das Verhältnis von Autonomie, Moralität und Kausalität
- Die kritische Auseinandersetzung mit Gerhard Roths Freiheitsbegriff
Auszug aus dem Buch
3.1. Empirische Welt und Verstandeswelt
Für Kants Moralphilosophie ist entscheidend, dass der Mensch zwei Welten angehört. Dies ist zunächst die materielle Welt, die sinnlich erfahrbar ist und den Gesetzen der Kausalität unterliegt. Sie ist uns zwar nur über die indirekt vermittelten Sinneseindrücke zugänglich, trotzdem können nur anhand dieser „Erscheinungen“ Erkenntnisse erlangt werden. Um zu solchen Erkenntnissen zu gelangen müssen wir jedoch auf die Verstandeswelt zurückgreifen, da sich aus Erfahrungen keine Gesetzmäßigkeiten ableiten lassen. Zunke führt hier als Beispiel die Gravitation an: Erfahrbar sei nur die Beobachtung fallender Körper. Hieraus ein Naturgesetz abzuleiten dagegen eine Leistung des Verstandes, der die Beobachtungen unter der Kategorie der Kausalität verknüpft und somit die Bedingung der Erkenntnis ist. Daraus folgt für Kant eine grundlegende Beschränktheit der Erkenntnis. Denn da wir alles Gegenständliche nur affiziert wahrnehmen, können „die Dinge an sich“ auch unter größter Verstandesleistung nie erkannt werden. Da uns die Sinnlichkeit nur Eindrücke liefert, ist uns die Natur nur durch den Verstand zugänglich. Sie beweist jedoch ihre Gesetzmäßigkeit in der Empirie. Dies gilt auch für die eigene Person, die einem selbst ebenfalls in Form von Erscheinungen gegenüber tritt. Der Mensch gehört nach Kant insofern zur intellektuellen Welt, als er Nichtaffiziertes in seinem Bewusstsein hat, das auf sein „Ich an sich“ verweist. Ein solches Nichtaffiziertes wäre beispielsweise die Kategorie der Kausalität, die vor der Erfahrung steht und diese bedingt.
Zusammenfassung der Kapitel
1.Einleitung: Diese Einleitung führt in die Debatte um die Willensfreiheit durch Erkenntnisse der modernen Hirnforschung ein und skizziert die Fragestellung der Arbeit unter Rückgriff auf Immanuel Kants Moralphilosophie.
2.Die Nivellierung von Freiheit in der Kausalität: In diesem Kapitel wird der Ansatz von Gerhard Roth zur Widerlegung der Willensfreiheit durch ein materialistisches Weltbild kritisch dargestellt.
2.1.Roths Verständnis von Freiheit: Es wird analysiert, wie Roth den Geist als empirischen Gegenstand betrachtet und Freiheit anhand des Libet-Experiments als Illusion innerhalb der Naturkausalität definiert.
2.2.Autonomie und Determinismus: Dieses Kapitel erläutert Roths Konzept der Handlungsorganisation und seinen Widerspruch beim Versuch, freies Wollen außerhalb der Naturkausalität zu verorten.
3.Von der Idee der Freiheit zur Freiheit im Handeln: Hier wird Kants philosophische Herleitung der Freiheit als notwendige Ergänzung zum naturwissenschaftlichen Weltbild entwickelt.
3.1.Empirische Welt und Verstandeswelt: Es wird die Differenz zwischen der sinnlich erfahrbaren Kausalwelt und der intelligiblen Welt bei Kant dargelegt.
3.2.Vernunft und Freiheit: Das Kapitel erklärt, wie die Vernunft durch die Idee der Freiheit eine transzendente Grundlage für moralisches Handeln schafft, die mit der dritten Antinomie der Kritik der reinen Vernunft verknüpft ist.
3.3.Handeln aus Freiheit: Es wird aufgezeigt, wie durch einen autonomen Willen nach dem Sittengesetz moralisches Handeln trotz der Naturverhaftetheit des Menschen möglich wird.
4.Fazit: Das Fazit stellt fest, dass Roths Thesen innerhalb seiner Methode konsistent sind, während Kants Freiheitsbegriff auf der notwendigen Unterscheidung zwischen intelligibler und empirischer Welt beruht.
Schlüsselwörter
Kant, Hirnforschung, Determinismus, Willensfreiheit, Kausalität, Gerhard Roth, Libet-Experiment, Autonomie, Moralphilosophie, Vernunft, Verstandeswelt, empirische Welt, Handlungsorganisation, Metaphysik, Naturgesetz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Debatte über die Vereinbarkeit von naturwissenschaftlich begründetem Determinismus und dem menschlichen freien Willen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die neurobiologische Sicht auf das Gehirn und Handeln bei Gerhard Roth sowie die metaphysische Freiheitskonzeption von Immanuel Kant.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor mit dieser Arbeit?
Der Autor will überprüfen, ob die neurowissenschaftliche These einer vollständigen naturkausalen Determiniertheit des Menschen tatsächlich Kants Theorie des Handelns aus Freiheit entkräftet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Argumentationsarbeit, die bestehende neurobiologische Positionen durch eine hermeneutische Analyse zentraler Texte von Kant (vor allem der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten") kritisch bewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert erst die materialistische Position von Gerhard Roth zur Willensfreiheit und stellt diese anschließend Kants Differenzierung zwischen empirischer Welt und intelligibler Verstandeswelt gegenüber.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kant, Determinismus, Willensfreiheit, Hirnforschung, Kausalität, Autonomie und Metaphysik charakterisieren.
Warum sieht Gerhard Roth den freien Willen als eine bloße Illusion an?
Roth argumentiert auf Basis eines strengen Materialismus, in dem geistige Prozesse identisch mit neuronalen Vorgängen im Gehirn sind und somit vollumfänglich den Gesetzen der Naturkausalität unterliegen.
Wie löst Kant den Widerspruch zwischen Naturkausalität und Freiheit auf?
Kant löst den Konflikt durch die strikte Trennung zweier Welten: der sinnlich erfahrbaren Welt der Erscheinungen, die kausal bestimmt ist, und der intelligiblen Welt, in der die Freiheit als metaphysische Idee der Vernunft verankert ist.
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- Johannes Konrad (Author), 2016, Kant und die Hirnforschung. Die Vereinbarkeit von Determinismus und Freiheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/357233