Bewegung ist eine Grundlage für die Beschäftigung mit der (Um-)Welt. Im Sportunterricht mit Sehenden nehmen Bewegungsdemonstrationen sowie verbale Zusatzinformationen eine zentrale Rolle ein. In der Regel werden von den Schülerinnen und Schülern lückenhafte Instruktionen und Aufgabenstellungen der Lehrkraft oder fehlendes Vorwissen visuell kompensiert. Genauso wie Sprache liefert auch der Seheindruck kein objektives Abbild der Wirklichkeit und die (zum Teil zufällig) gewonnen Informationen aus der Bewegungsdemonstration werden abhängig von den Vorerfahrungen der Lernenden zu Bewegungsvorstellungen unterschiedlicher Qualität zusammengesetzt.
Blinde und hochgradig sehbehinderte Schülerinnen und Schüler weisen häufig Lücken in ihren Bewegungsvorstellungen auf, da sie in ihrer Entwicklung qualitativ und quantitativ weniger Bewegungserfahrungen sammeln konnten. Aber auch sehende Kinder und Jugendliche bewegen sich heutzutage immer weniger. Sie besitzen zwar z. T. implizit das Bewegungswissen durch Fernsehen und Computerspiele, haben jedoch keine oder wenige eigene Bewegungserfahrungen gemacht.
Auf dieser Grundlage und im Sinne eines inklusiven Schulsports versucht die Arbeit zu klären, ob das methodisch-didaktische Vorgehen im Sport- und Bewegungsunterricht mit blinden und sehbehinderten Menschen auf den Unterricht mit Sehenden übertragbar ist. Dazu werden in Kapitel 2 die Begriffe Blindheit und Sehbehinderung und die motorischen Besonderheiten der Zielgruppe näher erläutert. Kapitel 3 beschreibt methodisch-didaktische Überlegungen für den Sportunterricht mit sehenden und nicht-sehenden Schülern auf Grundlage eines sinn- und erfahrungsorientierten Sportunterrichts. Im letzten Kapitel folgt ein Resümee mit den gewonnen Erkenntnissen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Blindheit und Sehbehinderung
2.1 Definition
2.2 Motorische Besonderheiten
3. Methodisch-didaktische Überlegungen für den Sportunterricht mit sehenden und nicht-sehenden Schülern
3.1 Eckpunkte eines sinn- und erfahrungsorientierten Sportunterrichts
3.2 Kritische Betrachtung des sinn- und erfahrungsorientierten Sportunterrichts
4. Zusammenfassung
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Potenziale eines sinn- und erfahrungsorientierten Sportunterrichts im Kontext der Inklusion. Ziel ist es zu klären, ob methodisch-didaktische Ansätze, die primär für den Unterricht mit blinden und sehbehinderten Schülern entwickelt wurden, auf den allgemeinen Sportunterricht mit Sehenden übertragbar sind, um auch dort Lernprozesse effektiver zu gestalten.
- Motorische Entwicklung bei blinden und sehbehinderten Kindern
- Die Bedeutung von Bewegungsvorstellungen beim Lernen
- Methodik des sinn- und erfahrungsorientierten Sportunterrichts
- Rolle der Aufgabenorientierung und Elementarisierung
- Reflexionsprozesse im inklusiven Sportunterricht
Auszug aus dem Buch
3.1 Eckpunkte eines sinn- und erfahrungsorientierten Sportunterrichts
Die Demonstration von Bewegungen mit einer sprachlichen Begleitung nimmt eine zentrale Rolle im Sportunterricht ein. Anders als im Sport mit Sehenden, lassen sich lückenhafte Instruktionen und Aufgabenstellungen der Lehrkraft oder fehlendes Vorwissen der Schüler nicht visuell kompensieren. „Der visuell vermittelte Eindruck ist oberflächlich, enthält keine regulationsrelevanten Kenngrößen, auch wenig oder keine Hinweise kausaler oder finaler Art, dafür aber umso mehr Möglichkeiten der Interpretation“ (Herwig, 2001, S. 178). Schaut ein Laie einem Snooker-Spieler zu, dann scheint es für ihn so auszusehen, als visiere der Spieler einen Punkt am Spielball an, den er mit seinem Queue treffen will, um damit den Objektball in eine Tasche zu schießen. Die Stoßbewegung endet, wenn die Queuespitze den anvisierten Punkt am Spielball trifft. Nur wer selber Snooker spielt weiß, dass nicht der Treffpunkt am Spielball, sondern am Objektball entscheidend ist und dass das Queue beim Stoß gedanklich durch den Spielball hindurch schwingt und die Bewegung nicht abrupt an diesem endet. Das Beispiel verdeutlicht, dass die alleinige Demonstration der Bewegung zwar zahlreiche Informationen und eine grobe Vorstellung der Bewegung liefert, wichtige Parameter aber verschweigt.
Auch eine zusätzliche oder begleitende sprachliche Beschreibung kann diese Parameter nur bedingt kommunizieren. Denn, wenn die Person nie Erfahrungen mit Billardkugeln, Stoßwirkungen und Impulsübertragung gesammelt hat, wird keine detaillierte Bewegungsvorstellung entstehen können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Situation inklusiver Beschulung von Schülern mit dem Förderschwerpunkt „Sehen“ und stellt die Forschungsfrage zur Übertragbarkeit sonderpädagogischer Sportmethoden auf den allgemeinen Sportunterricht.
2. Blindheit und Sehbehinderung: Dieses Kapitel definiert die Begriffe Blindheit und Sehbehinderung medizinisch sowie schulrechtlich und analysiert die motorischen Auswirkungen, insbesondere im Bereich der Raumwahrnehmung und Bewegungsvorstellung.
3. Methodisch-didaktische Überlegungen für den Sportunterricht mit sehenden und nicht-sehenden Schülern: Hier werden die Kernprinzipien des sinn- und erfahrungsorientierten Sportunterrichts wie Aufgabenorientierung und Elementarisierung vorgestellt und einer kritischen Würdigung hinsichtlich ihrer praktischen Umsetzbarkeit unterzogen.
4. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert, dass die vorgestellten Methoden einen wertvollen Ansatz für inklusiven Unterricht bieten, da sie allgemeine Lernprobleme bei der Bewegungsaneignung gezielt adressieren.
5. Literaturverzeichnis: Hier sind die wissenschaftlichen Quellen aufgeführt, die zur theoretischen Fundierung der Arbeit herangezogen wurden.
Schlüsselwörter
Inklusiver Sportunterricht, Sehbehinderung, Blindheit, Bewegungslernen, Bewegungsvorstellung, Sinnerfahrung, Sportdidaktik, Motorik, Raumwahrnehmung, Aufgabenorientierung, Elementarisierung, Reflexion, Inklusion, Sportpädagogik, Handlungsorientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht das methodisch-didaktische Vorgehen im inklusiven Sportunterricht, wobei insbesondere der Fokus auf der Übertragbarkeit von Ansätzen aus der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik auf den Unterricht mit sehenden Schülern liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die motorische Entwicklung bei Sehschädigung, die Bedeutung von Bewegungsvorstellungen beim Lernen sowie die methodischen Eckpunkte eines sinn- und erfahrungsorientierten Sportunterrichts.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob das methodisch-didaktische Vorgehen im Sport- und Bewegungsunterricht mit blinden und sehbehinderten Menschen auf den regulären Unterricht mit sehenden Schülern übertragbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit der sonderpädagogischen Sportdidaktik und nutzt Erkenntnisse der Bewegungslehre, um einen mehrperspektivischen, sinn- und erfahrungsorientierten Ansatz zu begründen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsdefinitionen der Sehschädigung, die Analyse motorischer Besonderheiten und die detaillierte Darstellung und Kritik eines sinn- und erfahrungsorientierten didaktischen Ansatzes.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zu den zentralen Begriffen zählen Inklusion, Sportdidaktik, Bewegungslernen, Sinnerfahrung sowie die methodischen Prinzipien der Elementarisierung und Aufgabenorientierung.
Warum ist laut der Arbeit eine rein visuelle Demonstration im Sport oft unzureichend?
Die Arbeit verdeutlicht, dass visuelle Impressionen oft oberflächlich bleiben und keine kausalen oder funktionalen Parameter einer Bewegung vermitteln. Ohne eigene Bewegungserfahrungen können Schüler die Gesehenes nicht in eine detaillierte, sinnvolle Bewegungsvorstellung übersetzen.
Welche Herausforderungen nennt der Autor bei der praktischen Umsetzung des erfahrungsorientierten Ansatzes?
Als Grenzen werden räumliche und materielle Ressourcen, der hohe zeitliche Aufwand für Reflexionsphasen sowie die hohen fachlichen und pädagogischen Anforderungen an die Lehrkraft genannt.
- Arbeit zitieren
- Felix Oldörp (Autor:in), 2016, Potenziale des methodisch-didaktischen Vorgehens im Sportunterricht mit blinden und sehbehinderten Schülern für Sehende, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/354794