Am Beginn der Arbeit steht die Forschungsfrage: Welche Bedeutung hat Musik im Kontext von Migration für geflüchtete Musiker aus dem arabischen Kulturraum? Gibt es Möglichkeiten des Dialogs mit europäischer Musik und wenn ja, wie verändert sich dadurch der eigene musikalische Stil?
Ich möchte herausfinden, wie das musikalische Ankommen von Musikern aus dem arabischen Kulturraum stattfindet, welche Schwierigkeiten und Probleme auftreten und auf welche Weise ein Dialog mit europäischen Musikern und Zuhörern gelingt.
Nach dem Topos der musica lingua franca ist die Musik eine allgemein verständliche Sprache, die jenseits aller kulturellen und politischen Grenzen als Medium der Kommunikation dient. Dies bleibt zu überprüfen und an konkreten Beispielen von Musikern zu erforschen.
Musik ist eine Möglichkeit in einen Dialog zu treten mit dem Anderen, dem Fremden.
Im Dialog ist Hören mit der Veränderung des Bewusstseins gekoppelt. Nur wer von sich weg auf den Anderen eingehen kann, ist fähig in einen gleichberechtigten Dialog zu treten.
Lange Zeit war ein Dialog der Kulturen auf Augenhöhe nicht gegeben, da Europäer von ihrer eigenen kulturellen Überlegenheit ausgingen.
Wie kann nun ein musikalischer Dialog konkret aussehen? Ein Beispiel ist das grenzüber-schreitende Repertoire vieler Ensembles. Ihre Musik wird oft als Weltmusik bezeichnet.
Mit dem Zustrom von Menschen aus dem Nahen Osten im Jahr 2015 setzt die empirische Forschung an, auf der diese Arbeit aufgebaut ist. Durch Interviews und dem Begleiten von zahlreichen musikalischen Projekten in Wien konnten Daten über die Dialogfunktion von Musik erhoben werden. Neben Projekten in Wien wurden auch ein Festival im Allgäu und eine CD Produktion in Brüssel miteinbezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Ableitung der Fragestellung
1.2 Aufstellung der Hypothese
2. Die Konstruktion des Feldes
2.1 Persönliche Motivation
2.2 Das Leben im Flüchtlingsquartier
2.3 Kulturcafé VoZo
3. Theoretischer Hintergrund
3.1 Musik in der Konfrontation des Anderen
3.2 Musik im interkulturellen Dialog
3.3 Musik und Akkulturation
3.4 Transkulturalität
3.5 Hören und Verstehen
3.6 Arabische Musik im Diskurs
4. Methodik der Feldforschung
4.1 Operationalisierung und Vorgehen nach der Methodologie der Grounded Theory
4.2 Teilnehmende Beobachtung – die Standardmethode der Feldforschung
4.3 Das ethnographische Interview
4.4 Forschungsbereiche
4.5 Datenauswertung
5. Die Informanten
6. Ergebnisse
6.1 Die Projekte
6.1.1 Students from Kons playing with and for refugees (November 2015 – Januar 2016)
6.1.2 Vienna Trio
6.1.3 Musica sacra international
6.1.4 Die CD-Produktion “Migration”
6.2 Yahias Song
6.3 Musik und Dialog
6.3.1 Musik als kulturübergreifende Sprache
6.3.1.1 Musik als Universalsprache für alle Menschen
6.3.1.2 Arabische Musik als Universalsprache für Menschen aus dem arabischen Kulturraum
6.3.1.3 Arabische Musik als Sprache in Europa
6.3.2 Arabische Musik in Europa
6.3.2.1 Arabische versus europäische Musikkultur
6.3.2.2 Arabische Musik und eigene Identität
6.3.3 Musikalischer Dialog: Interkulturalität als Möglichkeit das eigene Repertoire zu erweitern
6.4 Ästhetik von Live-Musik
7. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Bedeutung von Musik im Kontext von Migration für geflüchtete Musiker aus dem arabischen Kulturraum. Im Fokus steht die Frage, inwieweit ein musikalischer Dialog mit europäischer Musik möglich ist und wie sich dadurch der musikalische Stil der geflüchteten Musiker verändert.
- Bedeutung von Musik für die Identität und Integration geflüchteter Musiker
- Möglichkeiten des interkulturellen Dialogs zwischen arabischer und westlicher Musik
- Herausforderungen bei der musikalischen Praxis im Aufnahmeland
- Anwendung der Grounded Theory in der ethnologischen Feldforschung
- Veränderung von Musikrepertoire durch Migrationserfahrungen
Auszug aus dem Buch
6.1.4 Die CD Produktion „Migration“
In Brüssel begann dieses Jahr, 2016, der Oud-Spieler Hussein R. aus Baghdad, Irak, mit der Produktion einer CD mit dem Titel Migration. Überraschend für mich war der interkulturelle Ansatz dieses Projekts. Musiker aus fünf unterschiedlichen Ländern und mit noch mehr verschiedenen Stilen. Fünf Songs sind bereits aufgenommen, der Rest soll durch ein Crowdfunding Projekt finanziert werden.
Da ich sehr neugierig auf das Projekt geworden war, stellte ich den Kontakt zu Hussein her und vereinbarte ein Interview. Da er zufällig im Sommer nach Wien reiste, um für eine Dokumentation seiner Flucht einen Film zu drehen, traf ich mich mit ihm, um weitere Gespräche zu führen und um gemeinsam mit ihm zu musizieren.
Nun bekam ich die Gelegenheit erste Musikaufnahmen aus dem Album vor dessen Veröffentlichung zu hören. Einige Stücke davon waren eigene Kompositionen von Hussein. Das Muster dabei ist einfach aber wirkungsvoll: Hussein spielt eine Melodie auf der Oud. Durch den Charakter des Instruments und durch die ornamentale Spielweise, klingt die Melodie sofort nach orientalischer Musik. Nun spielen die anderen Instrumente dazu: Percussion, Cello, E-Bass. Allein durch die Verbindung und das Zusammenspiel von solch unterschiedlichen Instrumenten entsteht ein völlig neuer Klang, eine neue Musik. Der kulturelle Mix wird dadurch gesteigert, dass jedes Instrument natürlich, in der ihm kulturell eigenen Weise, gespielt wird, wodurch sich auch musikalisch eine Überblendung ergibt. So spielt die Oud orientalisch, der E-Bass jedoch im Stil von Pop und Jazz, wodurch beide Musikstile gemischt werden. Das Cello vermittelt zudem den Höreindruck klassischer Musik.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle von Musik im Kontext der Flüchtlingskrise 2015 und leitet die Forschungsfrage nach der Bedeutung von Musik für den interkulturellen Dialog ab.
2. Die Konstruktion des Feldes: Dieses Kapitel beschreibt die persönliche Motivation des Autors und die spezifischen Orte (Flüchtlingsunterkunft, Kulturcafé VoZo), an denen die Feldforschung stattfand.
3. Theoretischer Hintergrund: Der theoretische Rahmen umfasst Konzepte wie Weltmusik, interkulturellen Dialog, Akkulturation, Transkulturalität sowie Hören und Verstehen im kulturellen Kontext.
4. Methodik der Feldforschung: Hier wird der Einsatz der Grounded Theory sowie Methoden wie die teilnehmende Beobachtung und das ethnographische Interview für die Untersuchung erläutert.
5. Die Informanten: Dieses Kapitel stellt die beteiligten Musiker vor, ihre Herkunft, ihren beruflichen Hintergrund und ihren Status als Flüchtlinge.
6. Ergebnisse: Die Ergebnisse analysieren verschiedene Projekte, individuelle Lieder und die sozialen Funktionen von Musik im interkulturellen Austausch.
7. Schlusswort: Das Schlusswort reflektiert die Erkenntnisse der Feldforschung und bekräftigt die Rolle von Musik als grenzüberschreitendes Mittel des Dialogs.
Schlüsselwörter
Musik, Migration, Flüchtlinge, arabischer Kulturraum, interkultureller Dialog, Ethnomusikologie, Feldforschung, Grounded Theory, Akkulturation, Transkulturalität, Weltmusik, Identität, Musizierpraxis, Integration, orientalischer Musikstil
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Rolle von Musik im Leben geflüchteter Musiker aus dem arabischen Raum nach ihrer Ankunft in Europa.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind der interkulturelle Dialog, das Verständnis von Identität durch Musik und die Anpassung musikalischer Repertoires an neue kulturelle Kontexte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, welche Bedeutung Musik im Kontext der Flucht hat und ob bzw. wie ein Dialog mit europäischer Musik gelingen kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt die Methodologie der Grounded Theory, ergänzt durch ethnographische Interviews und teilnehmende Beobachtung im Feld.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Hintergründe, die methodische Vorgehensweise, die Einzelfallbeispiele der befragten Musiker sowie konkrete musikalische Projekte.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wichtigsten Begriffe sind Musik, Migration, arabischer Kulturraum, interkultureller Dialog, Akkulturation und Ethnomusikologie.
Wie verändern die Musiker ihr Repertoire durch die Flucht?
Einige Musiker suchen nach neuen Wegen durch Fusionen (z.B. mit westlichem Pop), während andere auf die Koexistenz verschiedener Stile (Kompartmentalisation) setzen.
Welche Rolle spielt die Technik bei der musikalischen Aufführung für die Informanten?
Die befragten Musiker legen großen Wert auf professionelle Verstärkung (Mikrofon/Hall), da dies für sie ein Zeichen von Professionalität und Qualität darstellt.
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- Philip Henri Unterreiner (Author), 2016, Musik und Migration. Die Rolle der Musik im Integrationsprozess von geflüchteten Musikern, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/354513