Mit seinem „Erec“ hat Hartmann von Aue das Werk Chrétiens, „Erec et Enide“, adaptiert. Beide Romane befassen sich explizit mit dem Ehe- und Minneverhältnis des Paares, wobei Hartmann noch ein wenig stärker von der mittelalterlichen Realität abweicht als Chrétien. Was das Verhältnis von Erec und Enite/ Enide ausmacht, ist die verbale Kommunikation zum einen und das Schweigen zum anderen. Der These, dass sie das Hauptthema des „Erecs“ sind, wird kaum jemand widersprechen.
Anhand dieser beiden Punkte lassen sich sowohl die Entwicklung der Paarbeziehung als auch die individuellen Entwicklungen der beiden Charaktere darlegen. Den Ausgangspunkt für diese Untersuchung bilden das „verligen“ und das damit verbundene Schweigegebot.
Auf dieses werde ich in der folgenden Hausarbeit den Schwerpunkt legen und entlang des Werks weitere Rede- und Schweigesituationen in Bezug auf das Paar Erec und Enite/ Enide herausstellen. Dabei berufe ich mich auf den bereits bestehenden Diskurs und stelle einige Aufsätze zum Thema „Reden und Schweigen“ im „Erec“ vor. Wie es auch in diesen der Fall ist, stelle ich Vergleiche zwischen dem Text Chrétiens und Hartmanns an, um so mögliche Differenzen des Schweigegebots und seiner Ausführung aufzudecken.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Wissenschaftlicher Diskurs
Die erste Aventiurereihe
Das Redeverbot
Das „verligen“
Das Schweigegebot
Zweite Aventiurereihe
Die Räuber-Aventiuren
Die erste Grafen-Aventiure
Die erste Guivreiz-Aventiure
Zwischeneinkehr am Artushof
Die dritte Aventiurereihe
Die Riesen-Aventiure
Die zweite Grafen-Aventiure
Die zweite Guivreiz-Aventiure
Joi de la curt
Die Krönung
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen verbaler Kommunikation und Schweigen im „Erec“ von Hartmann von Aue. Ziel ist es, anhand der Analyse von Redesituationen und Schweigegeboten die Entwicklung der Paarbeziehung zwischen Erec und Enite sowie deren individuelle Reifungsprozesse im Kontext von Minne und Ehe darzulegen.
- Analyse des „verligen“ als Ausgangspunkt der Krise.
- Untersuchung der Funktion von Schweigegeboten als Instrument der Prüfung oder Korrektur.
- Kontrastiver Vergleich zwischen der Vorlage von Chrétien de Troyes und der Adaption Hartmanns von Aue.
- Herausarbeitung der Entwicklung Enites von der schweigsamen Ehefrau zur handelnden Herrscherin.
- Bewertung der Stimme als Ausdruck von Identität und politischer Mündigkeit.
Auszug aus dem Buch
Die erste Grafen-Aventiure
„Das Nachtlager im Wald“ entfällt bei Hartmann in Gänze, ist für Chrétiens Enide aber ein entscheidender Moment. Sie wacht freiwillig die ganze Nacht über den schlafenden Erec und hält außerdem die Pferde. In ihrer (Gedanken-)Rede schilt sie sich und ihre unbedachte Kritik an Erecs Ritterhaftigkeit (vgl. V. 3097ff.). Sie ist sich ihres Fehlers also schon bewusst und erkennt die ihr auferlegte Strafe als verdient an.
Aus unbestimmten Motiven (vgl. V. 3745, 3956) hebt Erec bei der Einkehr im Gasthaus auch Tisch- und Bettgemeinschaft auf. Graf Galoein, bei Hartmann nicht namentlich genannt, nutzt die Situation, um Enite für sich zu gewinnen. Ihre Unterhaltung mit dem Grafen wird von Erec nicht als Verstoß gegen das Redeverbot angesehen und bleibt in dieser Hinsicht konsequenzlos. Enite ist auf sich allein gestellt, beweist aber wiederum ihre „triuwe“ und überlistet den Grafen. Hier wird deutlich, dass sie schon ein besseres Sprachbewusstsein erlangt hat, denn sie kann den Grafen gezielt manipulieren. Allerdings bestimmt sich ihr Sprechen allein durch die eheliche Liebe zu Erec.
Zum dritten Mal ist sie gezwungen, Erec zu warnen, ruft im stillen Monolog Gott an und entscheidet, dass ihr möglicher Tod besser als die Erschlagung Erecs sei. Hartmann legt den Schwerpunkt auf Enites inneren Monolog, die Unterrichtung Erecs wird mit einem Satz abgehandelt.
Bei Chrétien hingegen hat sie, wie auch schon in der verligen-Szene, einen direkten Redeanteil.
In beiden Fassungen bricht das Paar unverzüglich auf und Erec lässt die übrigen sieben Pferde als Bezahlung für den Wirt zurück. Eines hatte er schon zuvor dem Knappen geschenkt, was den Pferdedienst kaum erleichtert hatte, nun ist er aber beendet. Enite/ Enide wird erneut verwarnt, das Schweigegebot einzuhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der verbalen Kommunikation und des Schweigens im „Erec“ ein und stellt die zentrale These der Arbeit auf.
Wissenschaftlicher Diskurs: In diesem Kapitel werden bestehende Forschungsbeiträge, insbesondere von Ruberg, Bumke, Bussmann und Schulze, zum Reden und Schweigen im Werk reflektiert.
Die erste Aventiurereihe: Hier wird der Auslöser der Aventürefahrt, die Zwergenbeleidigung, als unhöfischer Akt analysiert, der zu Erecs Aufbruch führt.
Das Redeverbot: Dieses Kapitel thematisiert die Hintergründe des Redeverbots, unterteilt in das „verligen“ als Folge dominierender Minne und das Schweigegebot als strukturierendes Element.
Zweite Aventiurereihe: Die Räuber-Aventiuren, Grafen-Aventiure und Guivreiz-Aventiure werden auf die Entwicklung der Ehepartner hin untersucht, wobei insbesondere Enites Emanzipation durch ihre Stimme hervorgehoben wird.
Zwischeneinkehr am Artushof: Das Kapitel betrachtet die symbolische Rückkehr des Paares an den Hof als notwendige Station der sozialen Reintegration.
Die dritte Aventiurereihe: Diese Reihe umfasst die Riesen-Aventiure, weitere Grafen- und Guivreiz-Begegnungen sowie Joi de la curt und die Krönung, die zur finalen Bewährung führen.
Fazit: Das Fazit fasst die Unterschiede zwischen Hartmann und Chrétien hinsichtlich der Funktion des Schweigegebots und Enites Entwicklung zur fähigen Herrscherin zusammen.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Erec, Enite, Minne, Ehe, Redeverbot, Schweigegebot, Mittelalterliche Literatur, Rittertum, Sprachphilosophie, Identität, höfische Etikette, Aventiure, Kommunikation, Triuwe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert das Zusammenspiel von Sprache und Schweigen im mittelhochdeutschen Epos „Erec“ von Hartmann von Aue und wie diese Elemente die Beziehung der Protagonisten Erec und Enite prägen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf den Konzeptionen von Minne und Ehe, der sozialen Funktion des Schweigens, dem höfischen Sprachverhalten sowie der Entwicklung weiblicher Identität.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Untersuchung geht der Frage nach, welche Rolle das Schweigen und das Reden in der Entwicklung von Erec und Enite spielen und wie sich diese durch die Adaption Hartmanns im Vergleich zu Chrétien de Troyes unterscheidet.
Welche methodische Herangehensweise wird verfolgt?
Der Autor führt eine textnahe Analyse durch, kombiniert mit einem intensiven Diskursvergleich (sekundärliterarische Quellen) und einem strukturellen Vergleich zwischen dem französischen Original und der deutschen Fassung.
Was steht im Zentrum des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich entlang der Aventiurereihen und untersucht detailliert, wie Enite durch das Redeverbot erst zur Stille gezwungen wird, um später durch ihre Stimme eigene Mündigkeit und Herrschaftskompetenz zu beweisen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt zusammenfassen?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie „Triuwe“, „Schweigegebot“, „Ehekonflikt“, „Ritterliche Ehre“ und „Sprachliche Emanzipation“ charakterisieren.
Wie bewertet der Autor Enites Entwicklung im Vergleich zu Chrétiens Enide?
Der Autor stellt fest, dass bei Hartmann Enites „staete“ und ihre Rolle als fähige Herrscherin stärker betont werden, während bei Chrétien das Schweigegebot eher als direkte Strafe für eine vorangegangene Fehlleistung („parole“) fungiert.
Warum ist das Redeverbot für die Protagonistin Enite so bedeutsam?
Das Redeverbot wird als Katalysator gedeutet; Enite muss ihre passive Rolle als schweigsame Gattin überwinden und durch ihre Stimme aktiv in das Geschehen eingreifen, um schließlich die eheliche Gleichberechtigung wiederherzustellen.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2013, Erec und Enite. Zwischen Reden und Schweigen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/353357