Avishai Margalit entwirft mit seinem Werk „Die Politik der Würde“ eine Konzeption von nichtegalitaristischer Gerechtigkeit. Er fordert in diesem Sinne eine anständige Gesellschaft, d.h. eine, deren Institutionen die Menschen nicht demütigen.
Margalit beschäftigt sich in dem zehnten Kapitel seines Buches mit der Kultur einer Gesellschaft und ihrer Beschaffenheit, damit diese Gesellschaft anständig ist. Es stellen sich nach der Lektüre einige Fragen, die es zu klären gilt. Daneben müssen einige Aspekte erläutert werden, damit diese Fragen zielführend beantwortet werden können.
Begrifflich zu klären ist Margalits Verständnis vom demütigenden Potential der Kultur und damit zusammenhängende Begriffe. Das Demütigungspotential drückt sich aus durch Stereotype sowie der Nicht-Beachtung von Untergruppen. Dieses demütigende Potential soll sich durch kulturelle Toleranz einschränken lassen. Dazu ist es nötig, sich Margalits Definition von Toleranz genauer anzuschauen. Hier wird deutlich, dass Toleranz auch Indifferenz (Gleichgültigkeit) beinhaltet bzw. aus dieser Einstellung bestehen kann. Damit wirft sich die Frage auf, wie das demütigende Potential, das unter anderem aus der Nicht-Beachtung von Untergruppen bestehen kann, durch kulturelle Toleranz eingegrenzt werden soll, wenn diese auch aus einer indifferenten (gleichgültigen) Ein-stellung bestehen kann.
Weitere Begriffsarbeit muss geleistet werden bei Margalits Unterscheidung von einer anständigen und zivilisierten Gesellschaft, bezieht sich ersteres doch auf institutioneller, zweites auf individueller Ebene. Dadurch ergeben sich verschiedene Betrachtungsebenen, auf denen die Möglichkeit der Eingrenzung des demütigenden Potentials unter-sucht werden muss.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inhalt
2.1 Kultur
2.2 Anstand in hegemonialen Kulturen
2.3 Untergruppen
2.4 Kulturelle Toleranz
2.5 Kritik und Ausschluss
3. Auseinandersetzung
3.1 Demütigendes Potential
3.2 Anständige Gesellschaft
3.3 Zivilisierte Gesellschaft
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Avishai Margalits Konzept einer anständigen Gesellschaft mit Fokus auf das zehnte Kapitel seines Werkes "Die Politik der Würde", um zu analysieren, wie demütigende kulturelle Praktiken und Institutionen durch kulturelle Toleranz begrenzt werden können und wo die Grenzen dieses Toleranzbegriffs liegen.
- Analyse des Begriffs der Demütigung und des kulturellen Potentials zur Demütigung.
- Differenzierung zwischen anständigen und zivilisierten Gesellschaften.
- Untersuchung der Rolle von Stereotypen und der Nicht-Beachtung von Untergruppen.
- Diskussion über kulturelle Toleranz als Alternative zum Pluralismus.
- Kritische Reflexion der institutionellen versus individuellen Ebene im Umgang mit Demütigung.
Auszug aus dem Buch
2.1 Kultur
Avishai Margalit beschäftigt sich mit der Kultur einer anständigen Gesellschaft und wie diese beschaffen sein muss. Die grundlegend notwendige Eigenschaft, die die Kultur einer anständigen Gesellschaft besitzen muss, ist, dass sie nicht demütigt. Für Margalit ist der Begriff der Kunst eng an den der Kultur angelehnt, diskutiert er im Folgenden doch, ob die Kunst durch eine externe Norm eingeschränkt werden sollte. Die Norm sollte zum Ziel haben, eine Demütigung zu verhindern, würde aber die Kunst einschränken. Demgegenüber stellt er eine Gegenposition: Eine ästhetische Norm, die der Kunst inhärent ist und somit können bestimmte Arten von Kunstwerken gar nicht demütigen. Er widerspricht dem aber und legt sich darauf fest, dass diese Norm extern sein muss. Für eine anständige Gesellschaft ist es also nötig, dass ihre Kunst kein berechtigtes Gefühl der Demütigung liefert. Margalit nimmt im Folgenden eine Unterscheidung zwischen Kulturinstitutionen und Kulturinhalten vor. Ersteres umfasst Bildungs- und Kommunikationsinstitutionen, zweites beinhaltet alles, was von Gesellschaft und Institutionen irgendwie geschaffen oder getan wird im Zusammenhang mit Kultur. Somit verändert sich auch seine Frage nach der Kultur und zerfällt in zwei Teile: Wie kulturelle Inhalte einer anständigen Gesellschaft sein müssen; wie kulturelle Institutionen einer anständigen Gesellschaft beschaffen sein müssen. Für beide Fragen bespricht er ebenso welche Einschränkungen für diese gelten können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in Avishai Margalits Konzeption der anständigen Gesellschaft ein und stellt die forschungsleitenden Fragen zu demütigenden kulturellen Potentialen.
2. Inhalt: Dieses Kapitel widmet sich der inhaltlichen Aufarbeitung der Begriffe Kultur, Anstand, Untergruppen, Toleranz sowie Kritik und Ausschluss basierend auf Margalits Werk.
2.1 Kultur: Hier wird Margalits Verständnis von Kultur als nicht-demütigende Instanz dargelegt und die notwendige Unterscheidung zwischen Kulturinhalten und Kulturinstitutionen erörtert.
2.2 Anstand in hegemonialen Kulturen: Dieses Kapitel diskutiert die Macht der hegemonialen Kultur, Menschen auszuschließen, und beleuchtet die Schwierigkeiten bei der Einschränkung von Ausdrucksmöglichkeiten zur Vermeidung von Demütigung.
2.3 Untergruppen: Hier wird problematisiert, inwiefern die absichtliche Nicht-Beachtung von Untergruppen durch die Gesamtgesellschaft als entwürdigend wahrgenommen werden kann.
2.4 Kulturelle Toleranz: Es wird untersucht, ob kulturelle Toleranz eine Alternative zum Pluralismus darstellt und unter welchen Bedingungen sie eine anständige Gesellschaft stützen kann.
2.5 Kritik und Ausschluss: Dieses Kapitel analysiert die Abgrenzung zwischen notwendiger Kritik und demütigendem Ausschluss innerhalb und zwischen identitätsstiftenden Gruppen.
3. Auseinandersetzung: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen aus dem zweiten Kapitel kritisch auf die Forschungsfragen der Einleitung angewendet.
3.1 Demütigendes Potential: Hier wird der Rückbezug zur Rolle von Stereotypen und dem Ausschluss von Gruppen hergestellt, wobei die Entscheidungsgewalt des Opfers bei der Definition von Demütigung betont wird.
3.2 Anständige Gesellschaft: Dieses Kapitel erörtert die institutionellen Möglichkeiten der kulturellen Toleranz und die Zweifel, die sich aus dem menschlichen Handeln auf individueller Ebene ergeben.
3.3 Zivilisierte Gesellschaft: Hier wird kritisch hinterfragt, ob eine bloße Toleranz – die auch Indifferenz beinhalten kann – ausreicht, um ein zivilisiertes Miteinander zu garantieren.
4. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert, dass kulturelle Toleranz zwar ein erster Schritt zu einer anständigen Gesellschaft ist, aber aufgrund ihrer Schwächen keine vollständige Lösung oder Alternative zum Pluralismus darstellt.
Schlüsselwörter
Demütigung, anständige Gesellschaft, kulturelle Toleranz, Kultur, Hegemonie, Institutionen, Untergruppen, Identität, Stereotype, Pluralismus, Nicht-Beachtung, Menschenwürde, zivilisierte Gesellschaft, Kritik, Indifferenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der politischen Philosophie Avishai Margalits, insbesondere mit der Frage, wie Kulturen und Institutionen gestaltet sein müssen, um die Würde der Menschen zu wahren und Demütigungen zu vermeiden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Definition der anständigen Gesellschaft, das demütigende Potential von Kulturinhalten, die Rolle kultureller Toleranz sowie die Unterscheidung zwischen anständigem und zivilisiertem gesellschaftlichem Zusammenleben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu untersuchen, ob und inwieweit kulturelle Toleranz als Instrument dienen kann, das demütigende Potential einer hegemonialen Kultur innerhalb einer Gesellschaft zu begrenzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer diskursiven und textanalytischen Auseinandersetzung mit dem zehnten Kapitel aus Avishai Margalits Buch „Die Politik der Würde“ unter Einbeziehung weiterer philosophischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Darstellung der zentralen Begriffe bei Margalit und eine anschließende kritische Auseinandersetzung, die das Modell der kulturellen Toleranz auf seine praktische Wirksamkeit hin prüft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Demütigung, anständige Gesellschaft, kulturelle Toleranz und das Verhältnis von Institutionen zu individuellen Einstellungen charakterisiert.
Warum unterscheidet Margalit zwischen anständiger und zivilisierter Gesellschaft?
Die Unterscheidung dient dazu, die Verantwortungsebenen zu klären: Eine anständige Gesellschaft bezieht sich primär auf die Institutionen, die nicht demütigen dürfen, während eine zivilisierte Gesellschaft ein Verhalten beschreibt, bei dem sich auch die Individuen untereinander nicht demütigen.
Kann Toleranz laut der Arbeit auch negativ besetzt sein?
Ja, da Margalit Toleranz als eine Haltung definiert, die Vielfalt zwar duldet, ihr aber keinen Wert beimisst. Dies kann zu einer indifferenten oder gleichgültigen Einstellung führen, die im Einzelfall nicht ausreicht, um eine zivilisierte Gesellschaft zu gewährleisten.
Was ist das Problem bei der „Nicht-Beachtung“ von Untergruppen?
Die Nicht-Beachtung kann den Ausschluss einer Gruppe aus der Identität der Gesamtgesellschaft bedeuten. Wenn dies intentional geschieht, wird es als demütigend eingestuft, wobei Margalit dem Objekt der Demütigung die Deutungshoheit über die Verletzung einräumt.
- Arbeit zitieren
- Kevin Witte (Autor:in), 2013, Demütigende Kultur und kulturelle Toleranz. Eine Darstellung von Avishai Margalits „Die Politik der Würde“, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/350992