Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart wurde und wird die Medizinethnologie auf verschiedenste Art und Weise in den unterschiedlichen Kontexten definiert und abgegrenzt. Die Medizinethnologie gilt folglich als die kulturwissenschaftliche Erforschung von Medizin, Krankheitsbildern und deren Gesundheitsstörungen in Verknüpfung mit ihrer kulturellen Umgebung.
Erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts institutionalisierte sich die Medizinethnologie in verschiedenen Nationen und in unterschiedlichen Fachbereichen als wissenschaftliche Disziplin. In Deutschland entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert aus der Allgemeinen Anthropologie die Medizinethnologie als Teilbereich der Medizin und gelangte dann unter Beeinflussung der Freud’schen Psychoanalyse zu einer neuen Ausrichtung der Medizin, die auch die kulturelle Biografie einer erkrankten Person berücksichtigte.
Es galt in den 1970er Jahren die Medizin als kulturelles System zu verstehen und die Dominanz und kulturelle Blindheit der westlichen Biomedizin gesellschaftskritisch zu betrachten. Am Ende des Jahrhunderts wurde durch die kritische Medizinethnologie grundlegende Kritik an gesellschaftlichen Machtverhältnissen ausgeübt und für eine gerechtere Verteilung medizinischer Ressourcen plädiert.
Erst Ende der 1980er Jahre, nachdem Natur als eine Form des Kulturellen festgestellt worden war, wurde auch die scheinbar objektive Realität von Krankheit und Körper zu einem zentralen Forschungsthema der Medizinethnologie. Infolgedessen wurde der alleinige Definitionsanspruch der Biomedizin auf das, was als Krankheit und Körper gelten kann, infrage gestellt und begonnen, neue Modelle und Theorien des Körperlichen, des Leidens und des Heilens in der Medizinethnologie zu entwickeln.
Diese Arbeit wird nach einer kurzen Erläuterung der vier verschiedenen Ansätze der Medizinethnologie und des cartesianischen Dualismus das Konzept des Körpers zunächst diesen Kategorien zuordnen. Daraufhin gehe ich auf die zentrale Frage ein: Wie unterscheidet sich das Verständnis des Körpers in der Medizinethnologie von dem der Biomedizin? Dazu orientiere ich mich an dem Modell der drei Körper nach Scheper-Hughes und Lock (1987).
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. WAS IST MEDIZINETHNOLOGIE?
2.1. ÖKOLOGISCHER ANSATZ
2.2. INTERPRETATIVER ANSATZ
2.3. KRITISCHE MEDIZINETHNOLOGIE
2.4. ETHNOMEDIZIN
2.5. CARTESIANISCHER DUALISMUS
3. DAS KONZEPT DES KÖRPERS
3.1. DIE DREI KÖRPER
3.1.1 Individueller Körper
3.1.2. sozialer Körper
3.1.3. Körperpolitik
3.2. GEFÜHLE ALS MITTLER DES MINDFUL BODY
4. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verständnis des menschlichen Körpers in der Medizinethnologie im Kontrast zur westlichen Biomedizin. Das zentrale Ziel ist es, durch die Anwendung des Modells der "drei Körper" von Scheper-Hughes und Lock einen kritisch-interpretativen Zugang zu eröffnen, der den Körper nicht als bloßes biologisches Objekt, sondern als simultan physisches und symbolisches Artefakt begreift.
- Grundlegende Ansätze der Medizinethnologie (ökologisch, interpretativ, kritisch, Ethnomedizin)
- Kritik am cartesianischen Dualismus (Trennung von Geist und Körper)
- Das Modell der "drei Körper": Individueller Körper, sozialer Körper und Körperpolitik
- Die Rolle von Emotionen als Bindeglied des "mindful body"
Auszug aus dem Buch
3.1. Die drei Körper
Nach Nancy Scheper-Hughes und Margaret Lock (1987) stellt der Körper den Ausgangspunkt eines interpretativ-kritischen Ansatzes dar, durch die Verknüpfung von interpretativen und kritischen medizinethnologischen Zugängen in ihrem Konzept des mindful body (Dilger/Hadolt 2012: 321). Sie setzen den Körper als „simultaneously a physical and symbolic artifact, as both naturally and culturally produced, an das securely anchored in a particular historical moment“ (Scheper-Hughes 1987: 7) voraus und beschreiben drei Kategorien: individual body, social body und body politic, auf die ich im Weiteren näher eingehe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung umreißt die Entwicklung der Medizinethnologie als wissenschaftliche Disziplin und benennt die zentrale Fragestellung zur Differenz zwischen dem biomedizinischen und medizinethnologischen Körperverständnis.
2. WAS IST MEDIZINETHNOLOGIE?: Dieses Kapitel definiert die Medizinethnologie und stellt die vier maßgeblichen Denktraditionen sowie die Problematik des cartesianischen Dualismus für die anthropologische Forschung vor.
3. DAS KONZEPT DES KÖRPERS: Hier wird das Modell der "drei Körper" detailliert erläutert und die Funktion von Gefühlen als vermittelnde Instanz für den "mindful body" herausgearbeitet.
4. FAZIT: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die Bedeutung des neuen kritisch-interpretativen Ansatzes für die Medizinethnologie und angrenzende Disziplinen.
Schlüsselwörter
Medizinethnologie, Körper, Biomedizin, Scheper-Hughes, Lock, mindful body, individual body, social body, body politic, cartesianischer Dualismus, Krankheit, Leiden, Embodiment, Körperpolitik, Kultur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die medizinethnologische Perspektive auf das Konzept des menschlichen Körpers und kritisiert die einseitige Sichtweise der westlichen Biomedizin.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretischen Strömungen der Medizinethnologie, die Kritik am Körper-Geist-Dualismus und die Analyse von Körperlichkeit als soziales und politisches Phänomen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich das Verständnis des Körpers in der Medizinethnologie von dem der Biomedizin unterscheidet, indem das Modell der "drei Körper" angewendet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretisch-analytische Methode, basierend auf einer Literaturanalyse, um das Modell von Scheper-Hughes und Lock (1987) auf das Forschungsfeld anzuwenden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert verschiedene Ansätze der Medizinethnologie, das cartesianische Erbe in der Wissenschaft und eine detaillierte Aufschlüsselung der drei Analyseebenen des Körpers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Medizinethnologie, der "mindful body", Körperlichkeit, gesellschaftliche Machtverhältnisse und das Modell der drei Körper.
Wie unterscheidet sich der "soziale Körper" vom "individuellen Körper" in diesem Modell?
Während der individuelle Körper die gelebte, phänomenologische Erfahrung des Selbst fokussiert, betrachtet der soziale Körper den Menschen als Symbol für die Strukturierung der gesamten sozialen Welt.
Was bedeutet der Begriff "Körperpolitik" im Kontext der Arbeit?
Körperpolitik bezeichnet den Körper als Ort der gesellschaftlichen Überwachung, Kontrolle und des Widerstands, beeinflusst durch Machtverhältnisse und kulturelle Ideale.
- Arbeit zitieren
- Oxana Peters (Autor:in), 2016, Das Konzept des Körpers in der Medizinethnologie, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/349932