Zu Beginn der 1970er Jahre sah sich die bildungstheoretische Didaktik einer massiven Kritik ausgesetzt. Es kristallisierten sich drei Argumente heraus, welche den prominenten Entwurf Wolfgang Klafkis angriffen.
Zum einen wurde das Modell als konservativ eingeordnet; es würde sich zu sehr am Bürgertum bzw. an der Mittelschicht und deren Ideologie orientieren, es sei politisch-affirmativ und trage letzten Endes zur Stabilisierung der herrschenden Klassengesellschaft bei.
Anzumerken ist, dass die reformerische Intention des Modells den wirklich konservativen Kräften des Landes bereits viel zu weit ging. Dieser gesellschaftspolitischen Kritik schloss sich die wissenschaftliche an. Der Entwurf Klafkis sei zu wenig abgesichert und dieses „bildungstheoretische Stratosphärendenken“ (Heimann, 1976) lasse die Formulierung klarer Lernziele kaum zu.
Der dritte Kritikpunkt betraf die Unterrichtspraxis. Die bildungstheoretische Didaktik vernachlässige die Unterrichtsmethodik. Diese Tatsache sei systemimmanent. Es gebe keine hinreichende Systematisierung der Wechselbeziehungen zwischen Zielen, Inhalten und Methodik. Pauschal wurde das Model als praxisfern abgeurteilt.
Als Ergebnis der intensiven Auseinandersetzung mit diesen meiner Meinung nach teilweise unbegründeten Einwänden erreichte Klafki die Neufassung seines Modells unter der Bezeichnung der kritisch-konstruktiven Didaktik. Kritisch ist die Position, da diesem Entwurf nun grundlegende aufklärerisch-humanistische Zielstellungen innewohnen, die gesellschaftlich bislang unerreicht sind. Der Begriff konstruktiv erklärt sich dadurch, dass Klafki nicht mehr nur innerhalb der vorgegebenen institutionellen und curricularen Rahmenbedingungen Vorschläge zur Unterrichtsgestaltung formuliert, sondern mittels der Didaktik Möglichkeiten ermitteln, entwerfen und erproben will, um Lehr- und Lernprozesse zu verwirklichen.
Diesen Anspruch versucht der Erziehungswissenschaftler seither einzulösen und arbeitet an der Konkretisierung seines Modells nicht nur in eigenen Publikationen, sondern auch auf bildungspolitischer Ebene (Marburger Grundschulprojekt, Gesamtschul-Initiativen, Resolution der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft).
In der vorliegenden Arbeit werden Klafkis Werk und Wirken vorgestellt und einer abschließenden Bewertung unterzogen.
Inhaltsverzeichnis
A. Vorbemerkungen
B. Die Bedeutung der klassischen Bildungstheorien für ein zeitgemäßes Konzept allgemeiner Bildung
B.1. Von der frühsten Phase pädagogischer Reflexion zu einer Neuorientierung
B.2. Der klassische Bildungsbegriff
B.3. Die Mehrdimensionalität des menschlichen Bildungsprozesses
B.4. Ergebnisse und Folgerungen
C. Grundzüge des neuen Allgemeinbildungskonzepts. Im Zentrum: Epochaltypische Schlüsselprobleme
C.1. Legitimierung und Problemgeschichte des Bildungsbegriffs
C.2. Grundbestimmungen eines neuen Allgemeinbildungskonzepts
C.2.1. Bildungsfragen sind Gesellschaftsfragen
C.2.2. Drei Grundfähigkeiten als Voraussetzung von Bildung
C.2.3. Drei Bedeutungsmomente des Begriffs Allgemeinbildung
C.2.4. Folgerungen aus dieser Begriffsbestimmung
C.2.5. Epochaltypische Schlüsselprobleme
C.2.6. Polare Unterrichtsergänzungen zu epochalen Schlüsselproblemen
C.2.7. Verbindliche Lehrplanelemente mit Schwerpunktbildungen
C.2.8. Instrumentelle Kenntnisse und Sekundärtugenden als zu erlernendes, notwendiges Instrumentarium
C.2.9. Die notwendige Revidierung des herrschenden Leistungsbegriffs
D. Bewertung
E. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das von Wolfgang Klafki entwickelte Konzept der kritisch-konstruktiven Didaktik als Antwort auf bildungstheoretische Kritik und entwirft eine zeitgemäße, politisch orientierte Allgemeinbildung, die den Menschen zur aktiven Mitgestaltung einer demokratischen Gesellschaft befähigen soll.
- Historische Herleitung des klassischen Bildungsbegriffs
- Kritik an der bildungstheoretischen Didaktik und Klafkis Neufassung
- Fokussierung auf epochaltypische Schlüsselprobleme im Unterricht
- Neubestimmung des Leistungsbegriffs und Integration von Sekundärtugenden
- Didaktische Konzepte für eine zukunftsorientierte, kritische Bildungspraxis
Auszug aus dem Buch
C.2.5. Epochaltypische Schlüsselprobleme
„Im Mittelpunkt eines heute als pädagogisch verbindlich zu bestimmenden Allgemeinen der Bildung wird, so meine ich, das stehen müssen, was uns alle und voraussehbar die nachwachsende Generation zentral angeht, mit anderen Worten: Schlüsselprobleme unserer gesellschaftlichen und individuellen Existenz“.1 So formuliert Klafki den Kern seines Modells. Während C.2.4. das Prinzip „Bildung für alle“ erläutert, beschäftigt er sich nun mit der Bildung im Medium des Allgemeinen. D.h. im Zentrum steht die Frage, was den substantiellen Kern von Allgemeinbildung ausmachen sollte? Klafki stellt hierzu folgende These auf: „Allgemeinbildung bedeutet in dieser Hinsicht, ein geschichtlich vermitteltes Bewusstsein von zentralen Problemen der Gegenwart und – soweit voraussehbar – der Zukunft zu gewinnen, Einsicht in die Mitverantwortlichkeit aller angesichts solcher Probleme und Bereitschaft, an ihrer Bewältigung mitzuwirken. Abkürzend kann man von der Konzentration auf epochaltypische Schlüsselprobleme unserer Gegenwart und der vermutlichen Zukunft sprechen“.1 Michael Theunissen bringt drei solcher Schlüsselprobleme in seinem Buch zum Ausdruck: „Die Selbstverwirklichung, die von uns gefordert ist, konkretisiert sich heute […] in der Bekümmerung um die weltweite Ausbeutung der Natur, in der Betroffenheit vom Hunger in der Welt, in der Sorge um den Weltfrieden.“2 Diese angesprochenen Phänomene sollen nun näher erklärt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Vorbemerkungen: Einführung in Wolfgang Klafkis Konzept der kritisch-konstruktiven Didaktik sowie Darstellung der historischen Kritik am Vorgängermodell.
B. Die Bedeutung der klassischen Bildungstheorien für ein zeitgemäßes Konzept allgemeiner Bildung: Untersuchung der historischen Wurzeln des Bildungsbegriffs zwischen 1770 und 1830 und dessen Relevanz für moderne Theorien.
C. Grundzüge des neuen Allgemeinbildungskonzepts. Im Zentrum: Epochaltypische Schlüsselprobleme: Ausführliche Erläuterung der zentralen Merkmale des neuen Bildungskonzepts, insbesondere der Fokus auf gesellschaftliche Schlüsselprobleme.
D. Bewertung: Kritische Reflexion der Wirksamkeit von Klafkis Neufassung und deren Potenzial für die Gestaltung moderner Unterrichtsprozesse.
E. Anhang: Auflistung der im Text verwendeten Literaturquellen.
Schlüsselwörter
Kritisch-konstruktive Didaktik, Wolfgang Klafki, Allgemeinbildung, Epochaltypische Schlüsselprobleme, Bildungsbegriff, Selbstbestimmung, Emanzipation, Problemunterricht, Leistungsbegriff, Politische Bildung, Demokratisierung, Unterrichtsplanung, Mehrdimensionalität, Erziehungswissenschaft, Schulpädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Modell der kritisch-konstruktiven Didaktik von Wolfgang Klafki als Antwort auf fachwissenschaftliche Kritik und als neuen Entwurf für eine gegenwarts- und zukunftsorientierte Allgemeinbildung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die historische Einordnung des klassischen Bildungsbegriffs, die Konzentration auf epochaltypische Schlüsselprobleme, die Demokratisierung des Schulwesens sowie die Neugestaltung von Leistungsbewertungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, inwiefern Klafki auf die Kritik an seinem ursprünglichen Modell reagieren konnte und wie sein neues Allgemeinbildungskonzept eine praxisnahe, kritische Bildung in modernen Schulen ermöglichen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine bildungstheoretische Analyse, die auf einer Literaturstudie der Schriften von Wolfgang Klafki sowie weiteren pädagogischen Modellen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Grundbestimmungen des neuen Allgemeinbildungskonzepts, inklusive der Definition von Bildungsfragen als Gesellschaftsfragen, dem Einsatz von Schlüsselproblemen und der Rolle von Sekundärtugenden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie kritisch-konstruktive Didaktik, Allgemeinbildung, Schlüsselprobleme, Emanzipation und politisches Lernen geprägt.
Wie definiert Klafki den neuen Leistungsbegriff?
Klafki fordert einen stärker prozessorientierten Leistungsbegriff, der individuelle Konkurrenz durch solidarisches Lernen ersetzt und nicht mehr nur das reine Ergebnis, sondern den persönlichen Lernprozess in den Vordergrund stellt.
Welche Rolle spielen die sogenannten „Sekundärtugenden“ im Modell?
Sekundärtugenden wie Selbstdisziplin und Konzentrationsfähigkeit werden nicht als isolierte Disziplinarmaßnahmen gesehen, sondern als notwendiges Instrumentarium, um emanzipatorische Bildungsziele überhaupt erreichen zu können.
- Arbeit zitieren
- Marc Andre Ziegler (Autor:in), 2005, 'Das Allgemeinbildungskonzept'. Die kritisch-konstruktive Didaktik Wolfgang Klafkis, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/347144