Aus heutiger Sicht ist das Verhältnis der beiden antiken Staaten Karthago und Rom vor allem durch deren kriegerische Auseinandersetzungen geprägt, die als die drei Punischen Kriege in die Geschichte eingingen. Berühmt sind dabei die Vorstellungen der Überquerung der Alpen und des Sieges bei Cannae im Zweiten Punischen Krieg, mit „Hannibal als respektable[m] Feldherren“ (Zimmermann 2010). Insgesamt ereigneten sich die Konflikte innerhalb von etwas mehr als einhundert Jahren. Aber wie konnte es in einem so kurzen Zeitraum zu drei Kriegen zwischen den beiden Parteien kommen?
Diese Frage impliziert zugleich die Suche nach einem Schuldigen, welche vor allem durch die Kontroversen über die Kriegsschuld an den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts n. Chr. einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte. Der Wirtschaftsexperte Possony postuliert sogar, dass die Kriegsschuldfrage „von größter politischer Bedeutung“ sei, da sie sowohl das innen- als auch außenpolitische Handeln beeinflussen sowie den Nationalismus in positiver wie negativer Form begünstigen könne (Possony 1968).
Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Kriegsschuld bzw. die Rollen Roms und Karthagos in den jeweiligen Situationen zu bestimmen und sie miteinander zu vergleichen, was allerdings nur auf Grundlage der polybianischen Überlieferung möglich ist. Polybios‘ Werk gilt als maßgebliche Quelle für die damaligen Gegebenheiten.
Folgender Ablauf bietet sich also an: Nach der Präsentation von Polybios‘ Werk und Schaffen werden die drei Krisensituationen kurz vorgestellt, um im nächsten Schritt die Sichtweise des griechischen Historiographen im Hinblick auf die Situationen und die jeweilige Kriegsschuld herauszuarbeiten. Im nächsten Abschnitt sollen diese Sichtweisen hinterfragt werden, sodass mithilfe der Ergebnisse selbst beantwortet werden kann, wer die jeweiligen Akteure waren bzw. wer größere Schuld an den Kriegen trägt. Im letzen Teil kommt es zum Vergleich der drei Situationen unter der Berücksichtigung der jeweiligen Kriegsschuld und ihrer Überlieferung bei Polybios. Am Ende soll offengelegt werden, wer die juristische Hauptverantwortlichkeit für die Kriegsausbrüche trägt. Dennoch wird auch der moralische Aspekt nicht komplett außer Acht gelassen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Polybios von Megalopolis
1.3 Präsentation der Krisensituationen
1.3.1 Sizilien
1.3.2 Sardinien
1.3.3 Sagunt
2. Die Kriegsschuld nach Polybios
2.1 Sizilien
2.2 Sardinien
2.3 Sagunt
3. Erörterung der Kriegsschuld
3.1 Die Kriegsschuld des Ersten Punischen Krieges
3.2 Die Kriegsschuld der Sardinienkrise
3.3 Die Kriegsschuld des Zweiten Punischen Krieges
4. Vergleich der drei Vorkriegssituationen und deren Überlieferung bei Polybios
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, die Verantwortlichkeiten und Rollen Roms und Karthagos in den drei Krisensituationen vor den Punischen Kriegen sowie der Sardinienkrise auf Basis der polybianischen Überlieferung kritisch zu hinterfragen und zu vergleichen, um die juristische Hauptverantwortlichkeit für die Kriegsausbrüche zu klären.
- Kritische Analyse der polybianischen Darstellung der Kriegsschuldfrage.
- Untersuchung der Rolle von völkerrechtlichen Verträgen (Lutatius-Vertrag, Ebro-Vertrag).
- Vergleich der Krisensituationen in Sizilien, Sardinien und Sagunt.
- Hinterfragung der römischen Expansionstaktik im Kontext des defensiven Imperialismus.
- Einordnung der historischen Rezeption und möglicher Manipulation durch antike Autoren.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Karthago als der Widerpart Roms – das ist wohl eine der gängigsten historischen ‚Stereotypen‘“. Mit dieser Aussage leitet Werner Huss das Kapitel „Karthager und Römer“ seiner Monographie Karthago treffend ein.
Tatsächlich ist das Verhältnis der beiden antiken Staaten aus heutiger Sicht vor allem durch deren kriegerische Auseinandersetzungen geprägt, die als die drei Punischen Kriege in die Geschichte eingingen. Berühmt sind dabei die Vorstellungen der Überquerung der Alpen und des Sieges bei Cannae im Zweiten Punischen Krieg, mit „Hannibal als respektable[m] Feldherren.“ Insgesamt ereigneten sich die Konflikte innerhalb von etwas mehr als einhundert Jahren (264-146 v. Chr.). Aber wie konnte es in einem so kurzen Zeitraum zu drei Kriegen zwischen den beiden Parteien kommen? Diese Frage impliziert zugleich die Suche nach einem Schuldigen, welche vor allem durch die Kontroversen über die Kriegsschuld an den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts n. Chr. einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Rom und Karthago ein und stellt die methodische Herangehensweise an die Kriegsschuldfrage dar.
1.1 Forschungsstand: Hier werden die bestehenden historischen Ansätze zur Beziehung von Rom und Karthago sowie die wissenschaftliche Debatte um die Schuldfragen kurz skizziert.
1.2 Polybios von Megalopolis: Dieses Kapitel widmet sich der Hauptquelle, dem Historiker Polybios, seinem Leben, seinem Werk und seiner methodischen Herangehensweise an die Geschichtsschreibung.
1.3 Präsentation der Krisensituationen: Es erfolgt eine neutrale Vorstellung der historischen Hintergründe und Krisenherde in Sizilien, Sardinien und Sagunt.
2. Die Kriegsschuld nach Polybios: Dieses Kapitel arbeitet Polybios‘ eigene Einschätzungen und Argumentationen zur Kriegsschuld in den drei betrachteten Konfliktfällen heraus.
2.1 Sizilien: Analyse von Polybios‘ Sicht auf die Ereignisse vor dem Ersten Punischen Krieg, insbesondere die Rolle der Mamertiner und die Bedeutung der Verträge.
2.2 Sardinien: Untersuchung der polybianischen Bewertung der Sardinienkrise und des dortigen römischen Vorgehens aus Sicht des Historikers.
2.3 Sagunt: Analyse der Argumente des Polybios zum Zweiten Punischen Krieg und der Fokussierung auf die Ereignisse um Sagunt als Kriegsanlass.
3. Erörterung der Kriegsschuld: Dieses Kapitel prüft die zuvor dargestellten polybianischen Kernaussagen kritisch unter Einbeziehung moderner Forschungserkenntnisse.
3.1 Die Kriegsschuld des Ersten Punischen Krieges: Kritische Prüfung der Rechtmäßigkeit des römischen Eingreifens in Messana und der Existenz des Philinos-Vertrages.
3.2 Die Kriegsschuld der Sardinienkrise: Bewertung der römischen Annexion Sardiniens und deren Vereinbarkeit mit dem Lutatius-Vertrag.
3.3 Die Kriegsschuld des Zweiten Punischen Krieges: Hinterfragung der römischen und karthagischen Vertragspositionen im Kontext der Eroberung Sagunts.
4. Vergleich der drei Vorkriegssituationen und deren Überlieferung bei Polybios: Synthese der Ergebnisse zur römischen Expansionspolitik und der Rolle der Überlieferung bei der Konstruktion eines Kriegsbildes.
5. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass die römische Politik zwischen 264 und 218 v. Chr. als situativer Expansionismus zu verstehen ist, wobei die Kriegsschuld maßgeblich bei Rom liegt.
Schlüsselwörter
Rom, Karthago, Polybios, Kriegsschuld, Erster Punischer Krieg, Zweiter Punischer Krieg, Sardinienkrise, Sagunt, Imperialismus, Friedensvertrag, Völkerrecht, Geschichtsschreibung, Antike, Hamilkar Barkas, Hannibal
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Kriegsschuldfragen der drei zentralen Krisen zwischen Rom und Karthago (Erster Punischer Krieg, Sardinienkrise, Zweiter Punischer Krieg) auf der Basis der antiken Quelle Polybios.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Völkerrecht der Antike (Verträge), die römische Expansionspolitik, die Rolle des Historikers Polybios als Quelle sowie der Vergleich der verschiedenen Krisensituationen.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Ziel ist es, zu klären, wer juristisch und moralisch die Verantwortung für die Ausbrüche der genannten Kriege trägt und ob die römische Expansion systematisch oder reaktiv verlief.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die historiographische Analyse des Werks von Polybios und gleicht dessen Aussagen mit der modernen historischen Forschung ab, um Manipulationsversuche oder einseitige Darstellungen zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ereignisse in Sizilien, Sardinien und Sagunt chronologisch, stellt Polybios‘ Position dar und unterzieht diese anschließend einer kritischen, durch die moderne Forschung gestützten Prüfung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Kriegsschuld, Rom, Karthago, Polybios, Vertrag, Expansionismus, und die spezifischen Schauplätze der Konflikte sind die tragenden Begriffe.
Wie bewertet der Autor Polybios als Historiker?
Der Autor erkennt Polybios als unverzichtbare, aber parteiische Hauptquelle an, deren Aussagen kritisch hinterfragt werden müssen, da sie teilweise römische Interessen widerspiegeln.
Welches Fazit zieht der Autor zur römischen Expansion?
Der Autor schlägt den Begriff des „situativen Expansionismus“ vor, da Rom keine langfristigen Pläne hatte, aber jede Gelegenheit zur Gebietsausweitung nutzte, oft unter Missachtung von Verträgen.
Gibt es eine zentrale Schlussfolgerung zur Kriegsschuld?
Ja, der Autor kommt zu dem Schluss, dass in allen drei behandelten Fällen die Römer die Hauptschuld tragen, da sie die Verträge brachen und karthagische Zugeständnisse aktiv provozierten.
Welche Rolle spielt die Sagunt-Krise im Zweiten Punischen Krieg?
Sagunt wird vom Autor als „Bauernopfer“ Roms identifiziert, um einen Kriegsgrund gegen Karthago zu konstruieren, entgegen den tatsächlichen vertraglichen Vereinbarungen.
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- Lars Marwinski (Author), 2016, Sizilien, Sardinien, Sagunt. Die Kriegsschuldfragen und deren Überlieferung bei Polybios im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/345672