Unabhängig vom betrachteten Rechnungslegungssystem kommt dem Realisationszeitpunkt von Umsätzen eine große Bedeutung zu, da dieser direkten Einfluss auf die Höhe der absoluten Kennzahl der Umsatzerlöse einer jeweiligen Periode hat. Mittelbar beeinflusst er damit auch die Ausprägung abgeleiteter Kennzahlen wie EBIT oder die Umsatzrentabilität. Somit prägt der bilanzielle Ausweis von Umsatzerlösen die Wahrnehmung des Unternehmenserfolgs bei seinen Stakeholdern. Es ergibt sich an dieser Stelle für die Unternehmensleitung der Anreiz, mögliche bilanzpolitische Spielräume auszunutzen und earnings management zu betreiben, da jede der Kennzahlen bedeutende Parameter der externen Bilanzanalyse darstellen.
HGB und IFRS leiten den maßgeblichen Zeitpunkt der Ertragsrealisation aus verschiedenen Grundsätzen ab: im deutschen Handelsrecht fußt er auf dem Vorsichtsprinzip des § 252 Abs. 1 Nr. 4 HGB. Demnach sind vorhersehbare nicht realisierte Verluste bereits in der Periode zu erfassen, in der sie bekannt werden (Imparitätsprinzip), Gewinne allerdings nur zu berücksichtigen, wenn sie zum Abschlussstichtag realisiert sind (Realisationsprinzip). Die IFRS stellen hingegen auf eine periodengerechte Erfassung von Erträgen und Aufwendungen ab (accrual accounting); einen mit dem handelsrechtlichen Grundsatz der vorsichtigen Bewertung vergleichbaren Ansatz gibt es nicht.
Die vorliegende Seminararbeit wird beide Ansätze vor dem Hintergrund der jeweiligen Zielsetzung des Rechnungslegungssystems methodisch erläutern und insbesondere vor dem Hintergrund der Besonderheiten von Projektgeschäften und langfristigen Fertigungen kritisch hinterfragen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Zielstellung
2. Zwecke und Ziele der Rechnungslegung
2.1 HGB
2.2 IFRS
3. Grundsätze der Umsatzrealisation
3.1 Realisationsprinzip nach § 252 Abs. 1 Nr. 4 HS 2 HGB
3.2 Ertragsrealisation im Rahmen der IFRS – IAS 18
4. Methoden zur Bilanzierung von Projekten und langfristigen Fertigungsaufträgen
4.1 Completed Contract-Methode
4.2 Percentage of Completion-Methode
4.3 Erfolgsneutrale Ertragsrealisation
4.3.1 Zero Profit-Methode
4.3.2 Selbstkostenansatz
4.4 Teilgewinnrealisierung
5. Bilanzierung von Projektgeschäften und langfristigen Fertigungsaufträgen nach HGB
5.1 Anwendung des Realisationsprinzips
5.2 Begründeter Ausnahmefall gemäß § 252 Abs. 2 HGB
5.3 Kritische Würdigung
6. Bilanzierung von Projektgeschäften und langfristigen Fertigungsaufträgen nach IFRS
6.1 Fertigungsaufträge nach IAS 11
6.2 Kritische Würdigung
6.3 Ertragsrealisation nach IFRS 15 – ein Ausblick
6.3.1 Status quo
6.3.2 Anwendungsbereich des IFRS 15
6.3.3 Fünf Stufen-Modell der Umsatzrealisation
6.3.4 Auswirkungen auf die Bilanzierung von Fertigungsaufträgen
7. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die Methoden der Umsatzrealisation für langfristige Projektgeschäfte und Fertigungsaufträge im deutschen Handelsrecht (HGB) sowie unter den International Financial Reporting Standards (IFRS), wobei der Fokus insbesondere auf der kritischen Auseinandersetzung mit den verschiedenen bilanziellen Vorgehensweisen und dem Einfluss auf die Informations- sowie Gläubigerschutzfunktion des Jahresabschlusses liegt.
- Analyse des Realisationsprinzips nach HGB im Vergleich zur periodengerechten Erfolgsermittlung der IFRS.
- Untersuchung der Bilanzierungsmethoden (Completed Contract vs. Percentage of Completion).
- Kritische Würdigung der bilanzpolitischen Gestaltungsspielräume.
- Ausblick auf die Auswirkungen des neuen Standards IFRS 15 auf die Bilanzierungspraxis.
Auszug aus dem Buch
4.1 Completed Contract-Methode
Die Completed Contract-Methode (CC-Methode) basiert auf der strengen Anwendung des Realisationsprinzips: für den Zeitpunkt der ertragswirksamen Erfassung der Umsatzerlöse wird auf die Übergabe des Gesamtwerkes an den Auftraggeber und die Abnahme i. S. v. § 640 BGB abgestellt. Bis dahin werden die unfertigen Erzeugnisse als Vorräte in der Bilanz ausgewiesen und mit ihren Herstellungskosten aktiviert. Dem Unternehmen entstehen darüber hinaus allerdings Aufwendungen, die als Selbstkosten nicht Teil der aktivierungsfähigen Herstellungskosten sind (z. B. Kosten der Grundlagenforschung, Vertriebskosten). Diese sind als sog. Auftragszwischenverluste in den jeweiligen Perioden der Leistungserstellung auszuweisen, auch wenn bei ganzheitlicher Betrachtung aus dem Auftrag insgesamt ein Gewinn zu erwarten ist. Erst im Jahr der Fertigstellung und Übergabe an den Auftraggeber entsteht für den Auftragnehmer ein durchsetzbarer Entgeltanspruch. Diesen weist er als Forderung in der Bilanz aus und erfasst korrespondierend die Umsatzerlöse in der Gewinn- und Verlustrechnung. Die unfertigen Erzeugnisse werden zu Buchwerten als Abgang erfasst und stehen den Erlösen als Aufwand gegenüber. Das Auftragsergebnis wird als Differenz aus Umsatzerlösen und Herstellungskosten des Auftrages ausgewiesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Zielstellung: Einführung in die Bedeutung des Realisationszeitpunkts für den Unternehmenserfolg und Formulierung der Fragestellung.
2. Zwecke und Ziele der Rechnungslegung: Erörterung der unterschiedlichen Zielsysteme von HGB (Gläubigerschutz/Kapitalerhaltung) und IFRS (Informationsvermittlung).
3. Grundsätze der Umsatzrealisation: Darstellung der theoretischen Grundlagen für das HGB-Realisationsprinzip und die IFRS-Vorschriften nach IAS 18.
4. Methoden zur Bilanzierung von Projekten und langfristigen Fertigungsaufträgen: Beschreibung der gängigen Bilanzierungsverfahren für langfristige Aufträge wie CC- und PoC-Methode.
5. Bilanzierung von Projektgeschäften und langfristigen Fertigungsaufträgen nach HGB: Analyse der strikten Anwendung des Realisationsprinzips und Diskussion über mögliche Ausnahmen.
6. Bilanzierung von Projektgeschäften und langfristigen Fertigungsaufträgen nach IFRS: Untersuchung der IAS 11-Regelungen sowie ein Ausblick auf die Veränderungen durch IFRS 15.
7. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen: Synthese der Ergebnisse und Fazit zur zukünftigen Entwicklung der Bilanzierungspraxis.
Schlüsselwörter
Realisationsprinzip, Fertigungsaufträge, HGB, IFRS, Completed Contract-Methode, Percentage of Completion-Methode, IAS 11, IFRS 15, Gläubigerschutz, Kapitalerhaltung, Umsatzrealisation, Bilanzpolitik, Projektgeschäft, Auftragszwischenverluste, Rechnungslegung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die unterschiedlichen Ansätze zur zeitlichen Erfassung von Umsätzen bei langfristigen Aufträgen im deutschen Handelsrecht und im internationalen Rechnungslegungsstandard.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Realisationsprinzip, die Bilanzierung von Fertigungsaufträgen mittels verschiedener Methoden (CC/PoC) und die Bewertung des Spannungsfeldes zwischen Gläubigerschutz und entscheidungsnützlicher Information.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die methodischen Unterschiede zwischen HGB und IFRS bei der Gewinnrealisierung aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen, wie diese unterschiedlichen Philosophien die Bilanzierung langfristiger Projekte beeinflussen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine systematische Literaturanalyse und einen rechtsvergleichenden Ansatz zwischen handelsrechtlichen Vorschriften und internationalen Standards.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Bilanzierungsmethoden für langfristige Projekte, der strikten HGB-Praxis sowie der spezifischen Regelungssystematik der IFRS einschließlich eines Ausblicks auf IFRS 15.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Realisationsprinzip, Percentage of Completion-Methode, IAS 11, IFRS 15 und der Gläubigerschutzgedanke im HGB.
Warum ist die Completed Contract-Methode im HGB so prägend?
Sie ist Ausdruck des strengen Vorsichtsprinzips und des Gläubigerschutzes, da sie Gewinne erst bei vollendeter Leistungserbringung ausweist, um Ausschüttungen nicht realisierter Gewinne zu verhindern.
Wie verändert IFRS 15 die Bilanzierung von Fertigungsaufträgen?
IFRS 15 führt ein neues Fünf-Stufen-Modell ein, das die Kundenspezifität als zentrales Kriterium ablöst und stattdessen den Übergang der Verfügungsmacht in den Mittelpunkt stellt.
- Quote paper
- Fanny Strelow (Author), 2015, Realisationszeitpunkt unter Berücksichtigung des Zielsystems von HGB und IFRS. Die Besonderjeiten von Projektgeschäften und langfristiger Fertigung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/344517