Die vorliegende Perikope des Markusevangeliums thematisiert die Stillung des Sturmes. Sie befindet sich zwischen einer Gleichnisrede (Mk 4,1-34) und einer Wundergeschichte (Mk 5,1-20) und ist in den Kontext des Evangeliums gut eingebunden, da der Verfasser eine gelungene Verbindung zu dem vorangehenden und dem nachfolgenden Geschehen geschaffen hat. Auffällig ist dies an der Wortwahl in 4,35f, da die Handlung direkt an die im Vorfeld bereits berichteten Ereignisse anknüpft. Die agierenden Personen werden bei dem Einstieg in das Geschehen lediglich mit 'er' und 'ihnen' benannt und erhalten im weiteren Verlauf des Textauszuges keine explizite Namenszuweisung. Bei einer näheren Betrachtung der vorangehenden Verse ist deutlich zu erkennen, dass mit 'ihnen' die Jünger und mit 'er' Jesus gemeint sind. Somit wird die Kenntnis ihrer Namen anhand des bereits ereigneten Geschehens vorausgesetzt.
Im Vorfeld der Sturmstillungserzählung hatte Jesus am Ufer des Sees Genezareth zu lehren begonnen und der sich versammelnden Menschenmenge und den Jüngern in Gleichnissen gepredigt. Da die Anzahl seiner Zuhörer stieg, musste er sich in ein Boot stellen (Mk 4,1). Anhand der Angabe 'am Abend desselben Tages' (V. 35) und der Tatsache, dass die Jünger das Volk entlassen und mit Jesus so lossegeln 'wie er im Boote war' (V. 36), deutet ebenfalls darauf hin, dass der Tag und der Schauplatz der Gleichnisrede mit dem beschriebenen Tag und Schauplatz des Textauszuges in Mk 4,1 übereinstimmt.
Die Geschichte endet mit einer Frage der Jünger, deren Beantwortung in Mk 8,29 bzw. Mk 15,39 erfolgt. Eine Verbindung zu der nachfolgenden Perikope von der Heilung eines besessenen Geraseners (Mk 5,1-20) vollzieht sich, indem an das zu Beginn erwähnte Vorhaben Jesu (V. 35), an das andere Ufer überzusiedeln, angeknüpft wird. Dies ist der Formulierung 'und sie kamen ans andere Ufer des Sees in die Gegend der Gerasener' (Mk 5,1) zu entnehmen.
Inhaltsverzeichnis
1. Abschrift des zugrundegelegten Textes
2. Analyse des Textes
2.1 Abgrenzung und Kontext
2.2 Gliederung des Textes
2.3 Abgrenzung von Tradition und Redaktion
2.4 Gattungsbestimmung der vormarkinischen Überlieferung
2.5 Begriffsbestimmung bzw. religionsgeschichtliche Analyse
3. Interpretation
3.1 Interpretation der vormarkinischen Überlieferung
3.2 Interpretation des markinischen Textes
3.2.1 Interpretation des Textes an sich
3.2.2 Interpretation des Textes im theologischen Gesamtrahmen des Mk
4. Synoptischer Vergleich
4.1 Interpretation der mt. Parallele (Mt 8,23-27)
4.2. Interpretation der lk. Parallele (Lk 8,22-25)
5. Zusammenfassung und Bündelung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Perikope der Sturmstillung im Markusevangelium, analysiert deren redaktionelle Bearbeitung durch den Evangelisten und vergleicht sie mit den synoptischen Parallelen bei Matthäus und Lukas, um die jeweiligen theologischen Schwerpunkte hinsichtlich Nachfolge und Glaubensbewährung herauszuarbeiten.
- Redaktionsgeschichtliche Analyse der markinischen Sturmstillungserzählung.
- Untersuchung des Motivs des Jüngerunverständnisses und der Christologie.
- Synoptischer Vergleich mit den Fassungen bei Matthäus und Lukas.
- Bedeutung von Nachfolge und Leidensbereitschaft in der urchristlichen Gemeinde.
- Die Rolle von Rettungswundern als Demonstration göttlicher Vollmacht.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Interpretation des Textes an sich
Markus hat die ihm vorliegende Wundergeschichte redaktionell bearbeitet, damit sie seiner theologischen Intention entsprach. Bei dem Evangelisten fungiert die Perikope als „Paradigma zur Bewährung der Jünger“11. Ein prägnantes Indiz dafür stellt der Jüngertadel in V. 40 dar. Die Jünger rücken dadurch in den Vordergrund der Geschichte. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Jesus als Wundertäter und das Wunder an sich für Markus nebensächlich erscheinen. Da das Markusevangelium auf die Passion Jesu ausgerichtet ist, wollte er verhindern, dass Jesus ausschließlich durch sein wundersames Wirken definiert wird und sein Weg, insbesondere sein Leiden, keine Beachtung erfährt (mehr dazu in 3.2.2).
Als der Sturm aufkommt, fürchten die Jünger um ihr Leben. Zu diesem Zeitpunkt schwindet ihr Glaube, da sie Jesu Schlaf falsch interpretieren und sich hilflos fühlen. Nach Jesu Eingreifen tadelt er die Jünger und wirft ihnen Furcht und Unglaube vor. Diese Jüngerbelehrung lässt sich mit dem für Markus typischen Motiv des Jüngerunverständnisses vereinen. Obwohl sie Jesu Worte und Wunderdemonstrationen bereits wahrgenommen haben, besitzen die Jünger noch kein Vertrauen in ihn. Wie der Chorschluss zeigt, nehmen sie Jesu außergewöhnliche Macht wahr, können seine Wundertat jedoch nicht einordnen und erkennen seine wahre Identität nicht. Die Frage 'Wer ist dieser?' (V. 41) lässt nur eine Antwort zu: Jesus ist der Sohn Gottes 12 . Die Jünger benötigen jedoch einen Erkenntnisprozess um Jesus begreifen zu können.
Der Sturm kann als universelle Notsituation gedeutet werden. Markus zielt darauf ab, die Leser davor zu warnen, in Angst- bzw. Leidsituationen den Mut und den Glauben zu verlieren. Somit beabsichtigt er seine Leser in ihrem Glauben zu stärken bzw. zum Glauben zu ermahnen. Hierbei fungiert das Verhalten der Jünger als mahnendes Beispiel: „Nicht Feigheit, sondern vertrauender Glaube […] auf die Macht Gottes, die in Jesus wirkte und wirkt, ist gefordert“13. Vor allem in der Nachfolge Christi ist neben dem Vertrauen und der Zuversicht auch die Leidensbereitschaft notwendig. Es ist wichtig, insbesondere im Hinblick auf die Leidensnachfolge, bei gefährlichen und schwierigen Situationen nicht zurückzuschrecken und mutlos aufzugeben, sondern im Vertrauen auf Jesus und Gott das Leid anzunehmen und zu überwinden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Abschrift des zugrundegelegten Textes: Wiedergabe der biblischen Perikope Mk 4,35-41 als Grundlage der Untersuchung.
2. Analyse des Textes: Untersuchung von Kontext, Gliederung sowie die Unterscheidung von Tradition und Redaktion im markinischen Text.
3. Interpretation: Auslegung der vormarkinischen Rettungswunder-Tradition und der markinischen Intention, insbesondere im Hinblick auf das Jüngerunverständnis.
4. Synoptischer Vergleich: Analyse der matthäischen und lukanischen Parallelstellen zur Sturmstillung und deren spezifische theologische Akzentsetzung.
5. Zusammenfassung und Bündelung: Synthese der Ergebnisse, wobei die Bedeutung der Passion und der Nachfolge für die markinische Theologie im Zentrum steht.
Schlüsselwörter
Sturmstillung, Markusevangelium, Wundergeschichte, Jüngerunverständnis, Nachfolge, Rettungswunder, Synoptiker, Glaube, Leidensnachfolge, Messiasgeheimnis, Vollmacht Jesu, Redaktionsgeschichte, Evangelienvergleich, Exegese, Christologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der exegesegeschichtlichen Untersuchung der biblischen Perikope der Sturmstillung im Markusevangelium (Mk 4,35-41) und ihrer Rezeption in den anderen synoptischen Evangelien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Tradition und Redaktion, das Motiv des Jüngerunverständnisses, die Theologie der Nachfolge sowie der Vergleich mit den Parallelberichten bei Matthäus und Lukas.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Evangelist Markus die Wunderüberlieferung redaktionell in sein Gesamtkonzept einbettet und wie sich die Darstellung der Jünger und Jesu durch die spezifischen theologischen Interessen der drei Evangelisten unterscheidet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird die historisch-kritische Methode angewandt, speziell die Redaktionsgeschichte sowie ein synoptischer Vergleich, um die Textentwicklung und Intention der Autoren zu erhellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse des markinischen Textes inklusive dessen religionsgeschichtlicher Hintergründe sowie einen anschließenden Vergleich mit den Evangelien nach Matthäus und Lukas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sturmstillung, Nachfolge, Redaktionsgeschichte, Jüngerunverständnis und Christologie charakterisiert.
Inwiefern unterscheidet sich die Darstellung der Jünger bei Markus von der bei Matthäus?
Während bei Markus das Unverständnis der Jünger und ihr mangelnder Glaube im Vordergrund stehen, betont Matthäus eher den "Kleinglauben" im Kontext der Bewährung der Gemeinde unter Herausforderungen.
Welche Rolle spielt die "Jonageschichte" bei der Interpretation der vormarkinischen Überlieferung?
Die Jonageschichte dient als alttestamentlicher Bezugspunkt, um die Einzigartigkeit Jesu als Wundertäter hervorzuheben, da er im Gegensatz zu Jona über die Naturgewalten mit Machtworten gebieten kann.
Warum ordnet Markus die Sturmstillung in einen Kontext von Wundergeschichten ein?
Markus nutzt diese Geschichte, um die Vollmacht Jesu zu demonstrieren und den Beginn einer neuen Erzählphase einzuleiten, die auf das Verständnis von Jesu Identität als Sohn Gottes hinführt.
Welche Bedeutung misst Lukas der Sturmstillungserzählung bei?
Lukas betont stärker die hoheitliche Position Jesu als Heilsbringer, der über die Naturgewalten gebietet, und nutzt die Erzählung, um die Gemeinde zur Wachsamkeit und zum Glauben angesichts der ausstehenden Wiederkunft zu ermahnen.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2014, Exegese von Markus 4,35-41 "Die Sturmstillung", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/343256