"Faust", preisgekrönt mit dem LUCHS-Kinder- und Jugendpreis 2002; "Der Erlkönig", prämiert von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur; "Wilhelm Tell", ausgezeichnet mit „Die besten 7 Bücher für junge Leser“.
Diese Prämierungen verwundern, handelt es sich doch um allbekannte Klassiker der Lyrik und Weltliteratur, bereits vor Jahrhunderten für die erwachsene Leserschaft geschrieben. Wie ist es möglich, dass Werke von Goethe und Schiller einen Kinder- und Jugendliteratur-preis erhalten? Die Antwort liegt in der Reihe „Weltliteratur für Kinder“, geschrieben und publiziert durch die renommierte Bilderbuch-Autorin Barbara Kindermann. In ihrem eigenen Verlag bringt sie seit 1995 Kinderbücher heraus, die durch ihre Symbiose zwischen kanonischer Weltliteratur und Literatur für Kinder polarisieren. Unter der Mitwirkung namhafter Bilderbuch-Illustratoren gelingt es Kindermann, Klassiker für junge Leser attraktiv und erfassbar zu machen. Und das Ergebnis überzeugt: jedes einzelne Werk ist eine an den kindlichen Leser angepasste Neufassung, die es, gemeinsam mit den aufwändigen Illustrationen, schafft, der jungen Leserschafft eine Tür in die vielfältige Welt der Literatur zu öffnen.
Neben den Werken von Shakespeare, Kleist, Goethe und Schiller diente auch Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ als Vorbild für Kindermanns Neuerzählungen und bewies damit aufs Neue, „[d]ass man Kinder auch spielerisch an die Weltliteratur heranführen kann […]“. Treffend zum 200. Geburtstag Georg Büchners erschien 2013 der Sonderband, indem Kindermann die amüsante Komödie des bekannten Autors in ihrem eigenen Stil verarbeitet. Unterstrichen wird die bildnerische Neufassung durch die farbenfrohen und karikierenden Zeichnungen von Almud Kunert. Gemeinsam entstand so ein Werk, das zum selbstständigen Lesen, gemeinsamen Vorlesen und Verweilen bei den Bildern einlädt.
Auf der Grundlage von Büchners „Leonce und Lena“ und Kindermanns Adaption wird in der vorliegenden Arbeit die Bearbeitung von Literaturklassikern für Kinder eine zentrale Rolle spielen. Für den Aufbau bedeutet dies eine Gliederung in zwei thematische Aspekte: einen theoretischen und einen analytischen Teil. Ersterer wird daher einführendes Grundlagenwissen zur Thematik Weltliteratur und Kinderliteratur beinhalten, sowie die Bezüge zwischen den beiden literarischen Systemen erläutern.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Weltliteratur vs. Kinderliteratur – Begriffliche Erklärungen
1.1 Der Weltliteraturbegriff
1.2 Der Kinderliteraturbegriff
2. Adaption und Bearbeitung von Klassikern
2.1 Transformation in das kinderliterarische System
2.2 Das Bilderbuch – eine besondere Form der Transformation
2.2.1 Transformation von Theaterstücken in das Medium Bilderbuch
3. Die Adaption Georg Büchners „Leonce und Lena“ durch den Kindermann-Verlag
3.1 Zu Büchners Original
3.1.1 Inhalt und Werkaufbau
3.2 Ein Vergleich zwischen Original und Adaption
3.2.1 Paratextuelle Akkommodation
3.2.2 Gattungsspezifische Akkommodation
3.2.3 Sprachliche und inhaltliche Akkommodation
4. Kritik und didaktische Perspektiven literarischer Adaptionen
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Adaption literarischer Klassiker für Kinder am Beispiel von Georg Büchners „Leonce und Lena“ in der Bilderbuch-Neufassung des Kindermann-Verlags. Ziel ist es, die spezifischen Transformationsstrategien aufzuzeigen, die einen Zugang zu komplexen Originaltexten für ein junges Publikum ermöglichen, ohne dabei den inhaltlichen Kern zu verlieren.
- Verhältnis von Weltliteratur und Kinderliteratur
- Theoretische Grundlagen der Transformation nach Zöhrer
- Medienwechsel: Vom Theaterstück zum Bilderbuch
- Paratextuelle und sprachliche Akkommodationsstrategien
- Didaktische Potenziale von Klassiker-Adaptionen
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Gattungsspezifische Akkommodation
Kindermann wählt für ihre Adaption die epische Literatur und vollzieht somit einen intermodalen Moduswechsel. Durch den Gattungswechsel, vom Drama (dramatischer Modus) zur Epik (narrativer Modus), bedingt es daher einer Anpassung an die Gesetzmäßigkeiten der neuen Gattung. Neben den sprachlichen und stilistischen Angleichungen bedeutet dies in erster Linie die Einführung eines Erzählers mit einer bestimmten Erzählweise und somit die Ablösung der dialogischen Repräsentation des Textes.45 Bei dieser Operation tritt der Begriff der Transfokalisierung in den Vordergrund. Genette bezeichnet damit „[…] die Verschiebung des narrativen Standpunkts als Verfahren auf der Textebene.“46 Während sich Büchners Originaltext, mit Ausnahme der Regieanweisungen, ausschließlich in Dialoge und innere Monologe gliedert, reichert Kindermann den Dramentext durch einen auktorialen Erzähler, bzw. der Nullfokalisierung an. Kennzeichnend ist dabei die personenungebundene Wahrnehmung, wodurch der Erzähler mehr weiß als die handelnden Personen47:
Wenig später kamen zwei weitere Gestalten über dasselbe freie Feld gelaufen, durch welches eben noch Prinz Leonce und Valerio geirrt waren. Es waren Prinzessin Lena und ihre Gouvernante. Das Schicksal hatte die beiden in ihrer Flucht doch tatsächlich in eben jene Richtung geleitet, in die auch Leonce und Valerio fortgelaufen waren, nach Italien.48
Während hier der auktoriale Erzähler den Blickwinkel, sowohl von Leonce und Valerio, als auch von Lena und ihrer Begleiterin einnehmen kann und über deren Handlungen und innere Vorgänge in Kenntnis ist, erfährt der Leser in Büchners Original nur die Informationen, welche Regieanweisungen und Dialoge preisgeben („Freies Feld. Ein Wirtshaus im Hintergrund. Leonce und Valerio, der einen Pack trägt, treten auf.“/„Prinzessin Lena. Die Gouvernante.“49). Durch die Ergänzungen des Erzählers wird so sichergestellt, dass die Beweggründe der Figuren und die Handlungszusammenhänge für die jungen Leser leicht nachvollziehbar sind.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in die Reihe „Weltliteratur für Kinder“ ein und stellt die Forschungsfrage nach den Anpassungsstrategien bei der Adaption von Klassikern für ein junges Publikum.
1. Weltliteratur vs. Kinderliteratur – Begriffliche Erklärungen: Dieses Kapitel definiert die grundlegenden Unterschiede zwischen den beiden Literatursystemen und beleuchtet deren Schnittmengen.
2. Adaption und Bearbeitung von Klassikern: Es wird das Modell der Transformation nach Zöhrer eingeführt und der Medienwechsel, insbesondere zum Bilderbuch, als spezifische Bearbeitungsform analysiert.
3. Die Adaption Georg Büchners „Leonce und Lena“ durch den Kindermann-Verlag: Dieser Kernteil bietet eine vergleichende Analyse zwischen Büchners Original und der Bilderbuch-Adaption unter Berücksichtigung paratextueller, gattungsspezifischer sowie sprachlicher Kriterien.
4. Kritik und didaktische Perspektiven literarischer Adaptionen: Die Arbeit diskutiert kritische Stimmen gegenüber Bearbeitungen und evaluiert den didaktischen Wert als Sprungbrett für den Umgang mit Klassikern.
Fazit: Die Ergebnisse bestätigen, dass eine produktive Transformation ohne Banalisierung möglich ist und das Interesse am Original langfristig fördern kann.
Schlüsselwörter
Weltliteratur, Kinderliteratur, Adaption, Georg Büchner, Leonce und Lena, Kindermann-Verlag, Transformation, Bilderbuch, Gattungswechsel, Akkommodation, didaktische Perspektiven, Paratext, Narratologie, Klassiker, Leseförderung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die Transformation von weltliterarischen Klassikern in das kinderliterarische System am Beispiel der Bilderbuch-Adaption von Georg Büchners „Leonce und Lena“.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten gehören das Verhältnis von Welt- und Kinderliteratur, die Theorie der Transformation, die Spezifik des Bilderbuchs als Narrationsmedium sowie Strategien der textuellen und inhaltlichen Anpassung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Es wird analysiert, wie Kindermann Büchners Werk transformiert und ob dabei trotz Reduzierung der Originalsubstanz eine ästhetisch und inhaltlich wertvolle Adaption für Kinder entsteht.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische, vergleichende Analyse des Originaltextes und der Adaption sowie eine theoretische Fundierung durch das Transformationsmodell nach Zöhrer.
Welche Aspekte werden im Hauptteil detailliert beleuchtet?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Transformationsmodelle und eine praktische, vergleichende Untersuchung paratextueller, gattungsspezifischer sowie sprachlicher Anpassungsstrategien.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Transformation, Akkommodation, intermodaler Moduswechsel, hybrider Text, Transfokalisierung und Bild-Text-Interdependenz.
Wie unterscheidet sich die Adaption im Bilderbuch vom dramatischen Original?
Während das Original ein Drama für Erwachsene ist, transformiert Kindermann den Text in eine epische Form mit einem auktorialen Erzähler und ergänzt ihn durch eine dominante, karikierende Bildebene.
Was schlussfolgert die Autorin über den didaktischen Wert solcher Adaptionen?
Die Arbeit widerlegt die Kritik der Banalisierung und sieht in den Adaptionen ein wertvolles „Sprungbrett“, das die Hemmschwelle vor Klassikern abbaut und langfristig die Neugier auf die Originale wecken kann.
- Arbeit zitieren
- Janet Schua (Autor:in), 2014, Von der Weltliteratur zur Kinderliteratur. Die Adaption literarischer Klassiker am Beispiel „Leonce und Lena“, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/342299