Auf die Jahrtausendwende hin hatte die internationale Entwicklungszusammenarbeit sehr an Glaubwürdigkeit und Legitimation verloren und stand unter heftiger wissenschaftlicher und medialer Kritik. Vorangegangen waren Dekaden, in denen die industrialisierten Länder mit viel Geld und wechselnden Paradigmen und Konzepten versucht hatten, die Armut und Ungleichheit in der Welt zu besiegen, jedoch mussten sie nun eingestehen, dass dieses Ziel nicht erreicht worden war.
Die Idee der Spar- und Kreditgruppen, die seit den 1980ern von Muhammad Yunus, einem Wirtschaftsprofessor an der Universität in Dhaka, Bangladesh, vorangetrieben wurde, kam da zum rechten Zeitpunkt. Arme waren bislang, wenn sie in Not waren, Geldverleihern mit Wucherzinsen ausgeliefert, weil sie auf Grund fehlender Sicherheiten keinen Zugang zum regulären Bankenwesen hatten. Seine Vision, diesen Menschen auf andere Weise die Möglichkeit zu Finanzprodukten wie Sparen und Kredit zu geben, und ihnen damit einen Ausweg aus Armut und Hunger zu ermöglichen, wurde von vielen Organisationen weltweit freudig aufgenommen und schien die optimale Problemlösungsstrategie für unterschiedlichste Ziele.
Trotz vieler positiver Erfahrungen wurde in den letzten zehn Jahren zunehmend Kritik aus Industrieländern und Entwicklungsländern gleichermaßen laut. Der indische Ökonom Farooque Chowdhury prangert an, dass das System der Mikrofinanz vom Mainstream propagiert und völlig unreflektiert übernommen worden sei. Reiche Länder und große Banken hätten die Möglichkeit, in einen neuen Markt zu investieren, ergriffen, um auszuprobieren, ob und wie viel Rendite ihr Kapital erzielen kann. Und solch erschreckende Nachrichten wie die aus Andhra Pradesh, als sich im Jahr 2009 überschuldete Bauern in ihrer Ausweglosigkeit das Leben nahmen, bringen weltweit nicht nur in der EZ tätige Menschen dazu, über Sinn und Nutzen der Mikrofinanz nachzudenken.
Wie konnte die Mikrofinanz einerseits in so kurzer Zeit so viel Begeisterung auslösen und zu einem wichtigen Instrument der EZ werden und andererseits so großes Unglück über Menschen bringen? Was kann die Mikrofinanz tatsächlich leisten? Die These dieser Hausarbeit lautet: die Mikrofinanz in ihren Anfängen zeigt ein neues, starkes, positives und eigenverantwortliches Menschenbild in der Entwicklungszusammenarbeit auf und stellt damit die Legitimation vieler vorangegangener Entwicklungsparadigma in Frage.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die postkoloniale Zeit: Entwicklungshilfe – Entwicklungszusammenarbeit
1. Die Pionierphase der Entwicklungshilfe
2. Die Dekaden der Entwicklungspolitik und ihre Paradigmen
3. Die Millennium Development Goals (MDG)
4. Die Wahrnehmung der Entwicklungszusammenarbeit und die Kritik an ihr
III. Ein neues Instrument: Microcredit - Microfinance - Financial Inclusion
1. Das Modell Grameen Bank als Vorbild
2. Der ganzheitliche Ansatz der Mikrofinanz
3. Financial Inclusion als Schritt auf den globalen Finanzmarkt
4. Die kritische Wahrnehmung des Mikrofinanzansatzes
IV. Entwicklung - Menschenbild - Menschenrecht
1. Was ist Entwicklung und wer ist dafür zuständig?
2. Menschenbilder: Selbstbilder und Zuschreibungen
3. Die Idee der Menschenrechte
4. Ein alternativer Ansatz? Der Capabilities-Approach von Martha C. Nussbaum
V. Bestandsaufnahme:
1. Welche Erwartungen kann die Mikrofinanz erfüllen?
2. Welche Bedeutung hat die Mikrofinanz für den entwicklungspolitischen Diskurs?
VI. Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Mikrofinanz als Instrument der Entwicklungszusammenarbeit, wobei sie insbesondere die kritische Einordnung im Kontext historischer Entwicklungsparadigmen sowie die zugrunde liegenden Menschenbilder und das Verständnis von Entwicklung hinterfragt.
- Historische Entwicklung der Entwicklungszusammenarbeit von der Pionierphase bis heute.
- Analyse des Modells Grameen Bank und dessen Transformation zur Financial Inclusion.
- Kritische Betrachtung der Ökonomisierung und Kommerzialisierung von Mikrofinanzinstrumenten.
- Kontrastierung des dominierenden ökonomischen Menschenbildes mit dem Capabilities-Approach von Martha C. Nussbaum.
Auszug aus dem Buch
1. Das Modell Grameen Bank als Vorbild für Entwicklung
Die Idee, im kleinen Maßstab Kredite an Menschen zu vergeben, die auf Grund fehlender Sicherheiten keinen Zugang zum formalen Finanzsystem haben, ist nicht neu. Indigene Finanzsysteme wie die Rotating Savings and Credit Associations (ROSCAs), oder das System des tana in Südamerika und des susu in Westafrika (Alabi et al. 2007: 107f) arbeiten schon seit vielen Jahrzehnten nach demselben Prinzip:
[...] a group od individuals who agree to a defined period to save and borrow together. [...] the poor man’s bank, where money is not idle for long but changes rapidly, satisfying both consumption and production needs. (Bouman 1983: 77)
Die reihum erfolgende Kreditvergabe, die jeweils aus den Spareinlagen der übrigen Gruppenmitglieder besteht, basiert auf Solidarität, bedingt ähnliche Lebenssituation (zumeist in der Landwirtschaft) und ist autark, d.h. sie kommt ohne Aufsicht, Schriftverkehr und Risikoabsicherung aus. Damit ist sie auch von Menschen, die keine Schulbildung besitzen, problemlos umzusetzen. Der Wirtschaftsprofessor Muhammad Yunus übertrug dieses System in den 1970ern auf die Situation in Bangladesh und passte sie den dortigen Gegebenheiten an.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Vertrauensverlust traditioneller Entwicklungshilfe und führt in die Entstehung sowie die Ambivalenz der Mikrofinanz als vermeintliche „Wunderwaffe“ gegen Armut ein.
II. Die postkoloniale Zeit: Entwicklungshilfe – Entwicklungszusammenarbeit: Dieses Kapitel zeichnet die historischen Paradigmenwechsel nach, von der Pionierphase über die Bedarfsstrategien bis hin zu den Millennium Development Goals.
III. Ein neues Instrument: Microcredit - Microfinance - Financial Inclusion: Hier wird die Evolution des Mikrofinanzgedankens vom Grameen-Modell bis hin zur globalen Kommerzialisierung und Financial Inclusion analysiert.
IV. Entwicklung - Menschenbild - Menschenrecht: Dieses Kapitel untersucht die philosophischen Fundamente, den Begriff „Entwicklung“ sowie das Menschenbild hinter den Finanzierungsinstrumenten und stellt den Capabilities-Approach als Alternative vor.
V. Bestandsaufnahme: Hier werden die Erwartungen an die Mikrofinanz kritisch hinterfragt und ihre Bedeutung für den aktuellen entwicklungspolitischen Diskurs zusammenfassend bewertet.
VI. Ausblick: Der Ausblick resümiert die Notwendigkeit einer Neuausrichtung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, und plädiert für einen interkulturellen Dialog über normative Grundlagen eines gelingenden Lebens.
Schlüsselwörter
Mikrofinanz, Entwicklungszusammenarbeit, Grameen Bank, Financial Inclusion, Menschenbild, Capabilities-Approach, Armutsbekämpfung, Empowerment, Neoliberalismus, Nachhaltigkeit, Partizipation, soziale Gerechtigkeit, Entwicklungsdiskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, welche Erwartungen an Mikrofinanz als Instrument der Entwicklungszusammenarbeit berechtigt sind und wie sich dieses Instrument im Kontext veränderter entwicklungspolitischer Paradigmen entwickelt hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Kernpunkten gehören die Geschichte der Entwicklungshilfe, die Transformation des Mikrofinanzsektors, die Rolle von Menschenrechten sowie die kritische Reflexion des ökonomischen Menschenbildes gegenüber dem Befähigungsansatz.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, das polarisierte Instrument „Mikrofinanz“ durch die Betrachtung zugrunde liegender Menschenbilder und Entwicklungsverständnisse neu einzuordnen und kritisch zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine diskursanalytische Untersuchung, die theoretische Grundlagen, historische Entwicklungen und aktuelle Fachdebatten in der Entwicklungszusammenarbeit miteinander verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Praxis der Mikrofinanz (Grameen Bank), die Auswirkungen der Financial Inclusion, die philosophische Fundierung von Entwicklung sowie alternative Konzepte wie den Capability-Approach von Martha Nussbaum.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Mikrofinanz, Entwicklungszusammenarbeit, Capabilities-Approach, Armutsbekämpfung, Neoliberalismus und Empowerment definieren.
Warum wird das Modell der Grameen Bank als „Prototyp“ betrachtet?
Die Grameen Bank gilt als Vorbild, da sie mit ihrem Fokus auf Solidargruppen und Eigenverantwortung einen Gegenentwurf zur klassischen, top-down organisierten Entwicklungshilfe etablierte und Arme als bankfähig einstufte.
Inwiefern beeinflusst der Neoliberalismus die heutige Wahrnehmung der Mikrofinanz?
Der Neoliberalismus hat laut Autorin dazu geführt, dass Mikrofinanz zunehmend als privatwirtschaftliches Instrument zur Renditeerzielung begriffen wird, was soziale Aspekte zugunsten messbarer, ökonomischer Faktoren in den Hintergrund drängt.
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- Kathrin Schweitzer (Author), 2015, Mikrofinanz als Instrument der Entwicklungszusammenarbeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/341734