Die elektronische Sprache des Internets verändert den Umgang mit Texten. Das World Wide Web bietet der Literatur noch nie dagewesene Möglichkeiten: Jeder Mensch kann seine Texte in kürzester Zeit für alle Internetnutzer zur Verfügung stellen und sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen, beispielsweise über einen Weblog.
Das Übergehen einer zweiten Instanz, zum Beispiel des Lektors, birgt allerdings auch Konsequenzen für die Qualität der publizierten Texte. Ist es wahr, dass heutzutage jeder Text, jedes Gedicht, jeder Gedankensplitter, die im Internet veröffentlicht und für die Allgemeinheit verfügbar gemacht werden, als Literatur gelten? Dieser Frage soll in der vorliegenden Arbeit, mit Blick auf das französische Weblog „L’autofictif“, nachgegangen werden.
Der Begriff der Literatur ist kein geschlossener Begriff und es existiert keine allgemeine Definition. Im Lexikon der Literaturwissenschaft werden zurzeit nicht weniger als sechs verschiedene gebräuchliche Literaturbegriffe unterschieden. Es versteht sich daher, dass diese Arbeit nur ein Näherungsversuch an die Definition der Literatur in Bezug auf das Weblog „L’autofictif“ sein kann.
In meiner Arbeit und bei der Analyse des Weblogs „L‘autofictif“, geschrieben und publiziert von Éric Chevillard, stütze ich meinen Kriterienkatalog auf die im Laufe der Jahrhunderte aufgestellten Kategorien zur Bestimmung von Literatur. Meine Untersuchung orientiert sich somit an den Leitkategorien Schönheit, Fiktionalität und Polyvalenz.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Das Weblog: „L’autofictif“
2.1 „L’autofictif“ – Literatur im herkömmlichen Sinn? Eine Analyse
2.1.1 Die Kategorie der Schönheit
2.1.2 Die Kategorie der Fiktionalität
2.1.3 Die Kategorie der Polyvalenz
2.1.4 Zwischenfazit
2.2 „L’autofictif“ – digitale Literatur?
2.2.1 Die Theorie Simanowskis
2.2.2 Analyse in Bezug auf das Weblog „L’autofictif“
3 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das französische Weblog „L’autofictif“ von Éric Chevillard auf seine Literarität. Dabei wird analysiert, ob das Weblog sowohl den herkömmlichen literarischen Kriterien als auch den Anforderungen an digitale Literatur im Sinne der Theorie von Simanowski gerecht wird.
- Analyse des Literaturbegriffs anhand der Kategorien Schönheit, Fiktionalität und Polyvalenz.
- Untersuchung des Weblogs als digitale Literatur basierend auf den Kriterien Interaktivität, Intermedialität und Inszenierung.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Entwicklung und Definition von Internet-Literatur.
- Fallbeispielhafte Untersuchung von Textfragmenten aus dem Weblog Chevillards.
Auszug aus dem Buch
2.1.3 Die Kategorie der Polyvalenz
Neben der Kategorie der Schönheit und der Fiktionalität nennt Brenner Polyvalenz als dritte Leitkategorie für das Bestimmen von „Literatur“.
Literatur ist demnach mehrdeutig und zeichnet sich gegenüber anderen Formen sprachlicher Gestaltung durch seine „Vieldeutigkeit“ beziehungsweise durch die „Polyvalenz“ aus. Hierzu gehören Texte, deren Bedeutung zu einem großen Teil implizit (oder sekundär) ist, also deren Bedeutung auf Konnotationen und Suggestionen beruht. Autoren wie beispielswiese Dante berufen sich ausdrücklich darauf, dass der Wahrheitsgehalt bestimmter selbstverfasster Werke nur durch Interpretation erschließbar sei. Der vielfache Schriftsinn und die unendliche Vielzahl von „Unbestimmtheitsstellen“ weisen den spezifischen Charakter eines literarischen Kunstwerks aus und heben sie so von realen Gegenständen und Texten ab. Monroe C. Beardsley formuliert dazu folgenden Vorschlag: „Ein literarisches Werk ist ein Text, in dem ein wichtiger Teil der Bedeutung implizit ist.“
Bei wissenschaftlichen Texten, Gebrauchsanweisungen oder Handbüchern ist Mehrdeutigkeit nicht erwünscht. Diese Schriftstücke sind rein instrumentell veranlagt. Briefe und Tagebücher hingegen können polyvalent, also mehrdeutig sein. Wir können somit einen Text, der zur Überexplizitheit tendiert, also einen Sachtext, von einem literarischen Text unterscheiden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung thematisiert den Wandel des Umgangs mit Texten durch das Internet und stellt die Forschungsfrage nach der Literarität des Weblogs „L’autofictif“.
2 Das Weblog: „L’autofictif“: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die Gestaltung des Weblogs von Éric Chevillard und führt in die theoretischen Leitkategorien der Untersuchung ein.
2.1 „L’autofictif“ – Literatur im herkömmlichen Sinn? Eine Analyse: Hier wird das Weblog anhand der Kategorien Schönheit, Fiktionalität und Polyvalenz auf seine herkömmliche literarische Qualität geprüft.
2.2 „L’autofictif“ – digitale Literatur?: In diesem Abschnitt wird untersucht, ob das Weblog die Kriterien für digitale Literatur nach der Theorie von Simanowski erfüllt.
3 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass das Weblog zwar als Literatur nach herkömmlichen Maßstäben gelten kann, jedoch nicht als digitale Literatur im Sinne Simanowskis einzustufen ist.
Schlüsselwörter
Literaturwissenschaft, L’autofictif, Éric Chevillard, Weblog, Fiktionalität, Polyvalenz, Schönheit, Digitale Literatur, Interaktivität, Intermedialität, Inszenierung, Literaturtheorie, Peter J. Brenner, Roberto Simanowski, Internetpublikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das französische Weblog „L’autofictif“ von Éric Chevillard und hinterfragt, inwiefern dieses als Literatur im herkömmlichen Sinne oder als digitale Literatur klassifiziert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Literaturtheorie, die Definition von Internet-Literatur sowie die Analyse spezifischer Textfragmente des Autors Éric Chevillard.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Weblog anhand etablierter literaturwissenschaftlicher Kategorien zu bewerten und zu klären, ob es die Anforderungen an „digitale Literatur“ erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf einen Kriterienkatalog, bestehend aus den Kategorien Schönheit, Fiktionalität und Polyvalenz nach Peter J. Brenner sowie den Kriterien Interaktivität, Intermedialität und Inszenierung nach Roberto Simanowski.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der herkömmlichen Literarität sowie eine darauf aufbauende Untersuchung der digitalen Spezifika des untersuchten Blogs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Literaturwissenschaft, Fiktionalität, digitale Literatur, Weblog und Polyvalenz.
Warum erfüllt das Weblog das Kriterium der Schönheit laut der Analyse nur bedingt?
Da der Autor im Blog häufig eine sehr schlichte Sprache verwendet und bewusst auf übermäßig ästhetisierte oder raffinierte Ausdrucksweisen verzichtet, lässt sich das Kriterium der Schönheit nicht allumfassend bestätigen.
Inwiefern spielt das Konzept der „Interaktivität“ eine Rolle für das Ergebnis der Arbeit?
Das Fehlen jeglicher Interaktivitätsmöglichkeiten, wie Kommentarfunktionen oder Diskussionsforen im Blog, führt dazu, dass das Werk nicht als „digitale Literatur“ im Sinne von Simanowski eingestuft werden kann.
- Quote paper
- Valerie Lehnert (Author), 2014, Ist das Weblog "L’autofictif" Literatur im herkömmlichen Sinn?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/341512