In den Fokus des folgenden Essays möchte ich Arthur Schnitzlers Novelle "Lieutenant Gustl" stellen, die ich hinsichtlich des in ihr angewandten sogenannten Inneren Monologs untersuchen werde.
Dies geschieht zum Einen durch eine erzähltheoretische Betrachtung, zum Anderen durch ein Aufzeigen der Einflüsse und Referenzen, die zur Entwicklung dieses narrativen Modus führten. Auf diese Weise stelle ich damals zeitgenössische literaturtheoretische Ansätze und Vorbilder vor, zeige aber auch interdisziplinäre Strömungen des Zeitgeistes, wie die der Psychoanalyse, auf, und wie diese sich gegenseitig bedingt haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erzähltheoretische Analyse des Inneren Monologs
3. Entwicklung und Einflüsse des Inneren Monologs
4. Psychoanalytische Perspektiven und Schnitzlers Modell
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Arthur Schnitzlers Novelle Lieutenant Gustl unter besonderer Berücksichtigung des angewandten Inneren Monologs. Das primäre Ziel ist es, diesen narrativen Modus sowohl erzähltheoretisch zu analysieren als auch seine literarischen Vorbilder und die Einflüsse zeitgenössischer Strömungen, insbesondere der Psychoanalyse, aufzuzeigen.
- Erzähltheoretische Einordnung von Fokalisierung und Erzählmodus
- Stilistische Merkmale des Inneren Monologs bei Schnitzler
- Literarhistorische Einflüsse und Vorläufer
- Das Verhältnis zwischen Schnitzlers Konzept und der Psychoanalyse Sigmund Freuds
Auszug aus dem Buch
Die erzähltheoretische Betrachtung des Inneren Monologs
Betrachtet man den inneren Monolog erzähltheoretisch aus der Sicht der Erzählttheorie (nach Martinez und Scheffel), so lassen sich bezüglich der Fokalisierung, d.h. aus welcher Perspektive erzählt wird, und dem Erzählmodus, d.h. der Figurenrede (wie mittel- oder unmittelbar wird erzählt?), folgende Aussagen treffen:
Die Fokalisierung unterscheidet zwischen drei Perspektiven. Der Nullfokalisierung (Übersicht), in der der Erzähler mehr weiß bzw. sagt bzw. als die Figur weiß bzw. sagt. Auf der anderen Seite ist die externe Fokalisierung (Außensicht) zu benennen, in der der Erzähler weniger sagt als die Figur weiß. Bei Schnitzlers Leutnant Gustl kommt jedoch die interne Fokalisierung (Mitsicht) zu tragen. Der Erzähler entspricht der Figur und kann den Verlauf ihrer Rede durch grammatikalische und rhetorische Mittel steuern. Es ist sozusagen ein personales Erzählverhalten, fixiert auf eine Figur (autonomer innerer Monolog). Der innere Monolog kennzeichnet sich durch grammatische, narrative und psychologisch-inhaltliche Merkmale.
Bezüglich des Erzählmodus lässt sich sagen, dass der Text so tut, als ob es keinen Erzähler gebe, eine Art narrativer Illusionismus. Stilistisch operiert Schnitzler mit einem Minimum an syntaktischen Mitteln, nämlich dem Sprechen in unvollständigen Sätzen mit Gedankensprüngen und Abbrüchen. Rhetorisch gesehen ist der Text charakterisiert durch eine Vielzahl an Ellipsen und Satzbrüchen, also grammatikalischen Folgewidrigkeiten - eine im Grunde alltagssprachliche Redeweise. Diese ist natürlich in Folge auch durch einen dialektal gefärbten Charakter geprägt. Der Wiener Kunstkritiker und Redakteur Franz Servaes (1862-1947) spricht hier von dem ganz treffenden Ausdruck „Mimik der Rede“. Schnitzler führt die im Naturalismus eingesetzte Nachahmung der Alltagssprache weiter und modifiziert sie für seine Novelle.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Novelle Lieutenant Gustl ein und definiert das Ziel der erzähltheoretischen und interdisziplinären Untersuchung des Inneren Monologs.
2. Erzähltheoretische Analyse des Inneren Monologs: Hier wird der Text auf Basis der Erzähltheorie (nach Martinez und Scheffel) hinsichtlich Fokalisierung und Erzählmodus untersucht.
3. Entwicklung und Einflüsse des Inneren Monologs: Dieser Teil beleuchtet die literarhistorische Genese der Technik sowie den Einfluss von Autoren wie Edouard Dujardin und Hermann Bahr.
4. Psychoanalytische Perspektiven und Schnitzlers Modell: Das Kapitel vergleicht Schnitzlers Konzept des „Mittelbewusstseins“ mit Freuds psychoanalytischen Modellen und arbeitet Parallelen heraus.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung der Novelle als psychologisches Novum im Kontext des „nervösen Zeitalters“ um 1900.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Lieutenant Gustl, Innerer Monolog, Erzähltheorie, Fokalisierung, Erzählmodus, Psychologie, Mittelbewusstsein, Sigmund Freud, Literaturwissenschaft, Naturalismus, Hermann Bahr, Moderne, Bewusstseinsstrom, Wiener Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Anwendung und Herkunft des Inneren Monologs in Arthur Schnitzlers Novelle Lieutenant Gustl.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die erzähltheoretische Analyse, die literarhistorische Einbettung der Technik sowie die Wechselwirkung zwischen Literatur und der zeitgenössischen Psychoanalyse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schnitzler den Inneren Monolog einsetzt und welche theoretischen sowie psychologischen Konzepte diesen narrativen Modus beeinflusst haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine erzähltheoretische Analyse nach dem Modell von Martinez und Scheffel sowie eine komparatistische Betrachtung literarischer und psychoanalytischer Einflüsse.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die interne Fokalisierung, die stilistische Gestaltung durch die „Mimik der Rede“ sowie die theoretischen Ansätze von Hermann Bahr und Sigmund Freud.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Innerer Monolog, Erzähltheorie, Mittelbewusstsein, psychoanalytische Einflüsse und die literarische Moderne um 1900.
Wie unterscheidet Schnitzler sein Modell von der klassischen Psychoanalyse?
Schnitzler führt den Begriff des „Mittelbewusstseins“ ein, um Zustände abzugrenzen, die im Inneren Monolog verarbeitet werden, anstatt sich strikt an das Drei-Instanzen-Modell von Freud zu halten.
Welche Bedeutung hat der „narrative Illusionismus“ für die Novelle?
Er erzeugt den Eindruck, es gäbe keinen Erzähler, wodurch der Rezipient einen beinahe ungefilterten Einblick in das Seelenleben von Gustl erhält.
Warum wird Schnitzler als Vorreiter bezeichnet?
Er war einer der ersten Autoren, der den Inneren Monolog konsequent als literarische Technik im deutschsprachigen Raum einsetzte.
Gibt es eine eindeutige Antwort auf den Einfluss der Psychoanalyse?
Der Autor lässt offen, ob die Literatur die Ideen der Psychoanalyse vorweggenommen hat oder ob die Psychoanalyse die Literatur maßgeblich beeinflusst hat.
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- Martin Hinz (Author), 2013, Der Innere Monolog in Arthur Schnitzlers "Lieutenant Gustl", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/341481