Seit je her gilt die Frankfurter Buchmesse als eines der bedeutendsten jährlichen Ereignissedes Buchhandels. Selbst in wirtschaftlich schwachen Jahren, wie 1967, galt sie als Rekordmesse. Im Jahre 1967 sorgten jedoch andere Ereignisse im Vorfeld der Messe für nationales und internationales Aufsehen. Nach einer Verständigung mit westdeutschen Verlagen entschlossen sich die Messeverantwortlichen zu einem Zulassungsverbot für elf sogenannte "Parallelverlage" aus der DDR.
Ein Ereignis, welches das Kräftemessen zwischen den beiden deutschen Börsenvereinen aus Ost und West, dem Leipziger und dem Frankfurter Börsenverein, zum Ausdruck bringt. Nach vielem Hin und Her kam es im Juli 1967 letzten Endes zu einem Kompromiss. Der Leipziger Börsenverein sowie der Kulturminister der DDR, Klaus Gysi, mussten die Ablehnung der "Parallelverlage" hinnehmen. Ein Verlag, dem zuvor ebenfalls ein Messeverbot ausgesprochen wurde, überstand die Einigung und musste unter dem Zähneknirschen der Veranstalter zugelassen werden. Der Dietz Verlag konnte sich nach einem Rechtsstreit aus dem Jahre 1946 de jure als eigenständiger Verlag behaupten und so über die Klausel der "Parallelverlage" hinwegsetzten. Ihm wurde die Teilnahme an der Sonderausstellung "Schönste Bücher" zugesagt. Somit war der in der Presse als "Kalter Krieg mit Büchern" bezeichnete Konflikt vorerst überwunden.
Bestand vom juristischen Standpunkt her keine Verknüpfung des Karl Dietz Verlages mit dem J.H.W. Dietz Verlag der wilhelminischen Kaiserzeit, so war es den Verantwortlichen des Zentralkomitees der SED wichtig, ihn trotzdem de facto als dessen Nachfolger zu präsentieren.
Ein Vergleich zwischen diesen zwei Schwergewichten der Verlagsgeschichte erscheint auf den ersten Blick hin nicht leicht. Dennoch wird in der folgenden Arbeit versucht, Parallelen in der Verlagspolitik und -tätigkeit beider Verlage sowie deren Rolle auf den damaligen Buchmarkt zu ziehen. Nach einem kurzen Überblick über das Verlagswesen im jeweiligen historisch-politischen Kontext sowie die Vorstellung beider Verlage in ihrem Werdegang, erfolgt die Bewertung ihrer Bedeutung. Letzten Endes wird versucht, anhand der Erkenntnisse die Frage zu beantworten, wie der faktische Nachfolgeanspruch des Karl Dietz Verlag beurteilt werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2.
2.1. Johann Heinrich Wilhelm Dietz-"Verleger der Sozialdemokratie".
2.2. Ist der Name gleich Programm? Der Karl Dietz Verlag als Nachfolger des J.H.W. Dietz Verlages.
3. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Nachfolgeanspruch des Karl Dietz Verlages der DDR auf den historischen J.H.W. Dietz Verlag und analysiert dabei die verlegerische Rolle, die politische Einflussnahme sowie die strukturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Unternehmen in ihrem jeweiligen historisch-politischen Kontext.
- Die historische Bedeutung von Johann Heinrich Wilhelm Dietz als sozialistischer Verleger.
- Die Etablierung des Karl Dietz Verlages als Parteiverlag der SED in der DDR.
- Der Vergleich der Verlagspolitik und der Verbreitung marxistischer Literatur in unterschiedlichen politischen Systemen.
- Die Rolle der Verlage als Instrumente der politischen Willensbildung und Ideologievermittlung.
Auszug aus dem Buch
2.1. Johann Heinrich Wilhelm Dietz-"Verleger der Sozialdemokratie".
"Schöpfer und Organisator des sozialistischen Verlagsgeschäfts"7 und "Verleger der Sozialdemokratie": Auf der Suche nach Informationen über den Verleger Johann Heinrich Wilhelm Dietz stößt man unweigerlich auf Bezeichnungen, die ihn als Legende im sozialistischen Verlagswesen kennzeichnen. Bezeichnungen, mit denen Dietz, einem "sozialistischen Cotta" gleich, gefeiert wird. Sie hinterlassen beim Betrachter einen ersten Vorgeschmack auf die Bedeutung des Verlegers auf den sozialistisch geprägten Buchmarkt des 19. und 20. Jahrhunderts. Kaum einem anderen Verlag wurde in der Verbreitung der marxistischen Weltanschauung in der nationalen als auch internationalen Arbeiterbewegung so viel Bedeutung beigemessen, wie dem J.H.W. Dietz Verlag8.
Die Rahmenbedingungen für das allgemeine Verlagswesen und den Buchhandel in der wilhelminischen Kaiserzeit erschienen auf den ersten Blick als günstig. Das als Reichsgesetz eingeführte Urheberrechtsgesetzt etablierte die damit verbundene privatrechtliche Sicherheit bei der Herstellung und Verbreitung geisteswissenschaftlicher Literatur9. Weil dem Buch als ideologisch geprägtem Medium mehr Bedeutung als Botschafter sozialer, sittlicher sowie auch politischer Werte zugesprochen wurde, rief dies die Zensur verstärkt auf den Plan10. Verlage und Autoren des linken Spektrums sahen sich jedoch nicht nur von staatlicher Seite einem grundlegenden Gegenwind ausgesetzt. Buchhändler des bürgerlichen Milieus verweigerten von Grund auf den Vertrieb sozialistischer Publikationen11. Erschwerend kam 1878 das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" hinzu. Dieses "Sozialistengesetz" wurde von Reichskanzler Otto von Bismark mit der Intention initiiert, sozialdemokratisches Gedankengut, welches der monarchischen Organisationsform des Deutschen Kaiserreiches von der ideologischen Grundsubstanz entgegenstand, zu unterbinden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Verlagsgeschichte ein und beleuchtet den Konflikt um die "Parallelverlage" sowie die Intention, den Karl Dietz Verlag trotz fehlender juristischer Kontinuität als Nachfolger des historischen J.H.W. Dietz Verlages zu positionieren.
2.: Dieses Kapitel widmet sich der historischen Analyse der beiden Verlage, wobei zunächst die Rolle von Johann Heinrich Wilhelm Dietz im Kaiserreich und anschließend die Gründung und Funktion des Karl Dietz Verlages in der DDR betrachtet werden.
2.1. Johann Heinrich Wilhelm Dietz-"Verleger der Sozialdemokratie".: Hier wird die Bedeutung von J.H.W. Dietz als zentrale Figur für die Verbreitung sozialistischer Literatur unter den schwierigen Bedingungen der Sozialistengesetze im 19. Jahrhundert herausgearbeitet.
2.2. Ist der Name gleich Programm? Der Karl Dietz Verlag als Nachfolger des J.H.W. Dietz Verlages.: Dieser Abschnitt untersucht die Etablierung des DDR-Parteiverlages, seine staatliche Steuerung sowie sein Bestreben, durch Großprojekte wie die Marx-Engels-Gesamtausgabe in die Fußstapfen des historischen Vorbilds zu treten.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der Karl Dietz Verlag zwar in der Tradition seines Vorgängers agierte, jedoch aufgrund seiner Abhängigkeit von der SED nie dessen eigenständige meinungsbildende Kraft erreichte.
Schlüsselwörter
J.H.W. Dietz, Karl Dietz Verlag, Sozialdemokratie, SED, Parteiverlag, Sozialistengesetze, DDR-Verlagswesen, Marxismus-Leninismus, Buchhandel, Verlagsgeschichte, Arbeiterbewegung, Zensur, Ideologie, Literaturpolitik, Verlagsnachfolge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte zweier sozialistischer Verlage: dem historischen J.H.W. Dietz Verlag aus der Zeit des Kaiserreichs und dem Karl Dietz Verlag, der in der DDR als Parteiverlag der SED fungierte.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Verlagsbiografie, die Entwicklung der Verlagspolitik unter staatlichem bzw. parteipolitischem Einfluss sowie der symbolische Nachfolgeanspruch des DDR-Verlages gegenüber dem historischen Vorbild.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu bewerten, inwiefern der Karl Dietz Verlag in der DDR den Anspruch auf die Nachfolge des legendären Verlegers J.H.W. Dietz tatsächlich rechtfertigen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-analytische Methode, indem er Quellen, Fachpublikationen und zeithistorische Kontexte gegenüberstellt, um Parallelen und Unterschiede in der Verlagstätigkeit herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Lebensleistung von J.H.W. Dietz unter den Bedingungen des Sozialistengesetzes und die Analyse des Aufbaus und der strategischen Ausrichtung des Karl Dietz Verlages in der DDR.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören "Sozialistischer Verleger", "Parteiverlag", "Kaiserreich", "DDR", "Marx-Engels-Gesamtausgabe" und "Verlagsgeschichte".
Warum war die Namensgebung "Karl Dietz Verlag" für die SED so bedeutsam?
Der Name diente der ideologischen Legitimation und der Anknüpfung an die prestigeträchtige Tradition der Arbeiterbewegung, um den Verlag als legitimen Nachfolger einer sozialistischen Legende zu etablieren.
Inwiefern unterschieden sich die beiden Verlage in ihrer Arbeitsweise?
Während J.H.W. Dietz als eigenständiger Verleger aktiv zur Meinungsbildung beitrug, fungierte der Karl Dietz Verlag primär als staatlich gelenktes Instrument zur Verbreitung der Parteiline der SED.
- Arbeit zitieren
- Fabian Wähner (Autor:in), 2015, Das Erbe des Verlegers J.H.W. Dietz. Der Karl Dietz Verlag und sein Nachfolgeanspruch, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/341269