Vieles wurde über den Bildband Menschen des 20. Jahrhunderts des deutschen Fotografen August Sander geschrieben. Laut dem Kunstkritiker John Berger habe „[k]ein anderer Photograph, der Porträtaufnahmen seiner eigenen Landsleute machte, […] je auf so klare Weise dokumentarisch gearbeitet“ (Berger 1981, 27). Ziel dieser Dokumentation sei es gewesen, „archetypische Repräsentanten für jeden möglichen Typus, jede soziale Klasse, jede Unterklasse, jede Beschäftigung, jede Berufung und jedes Privileg zu finden“ (Berger 1981, 27). Auch Sanders Freund Alfred Döblin schrieb, über Sanders Fotografie „die Bilder sind im ganzen ein blendendes Material für die Kultur-, Klassen- und Wirtschaftsgeschichte“ (Sander 1990, 14), sogar „ eine Art Kulturgeschichte, besser Soziologie“ (ebd. 13) der damaligen Zeit. Die Bilder stellen eine Typologie der Weimarer Gesellschaft dar (Baker 1996, 76). Sander selbst glaubte an die Objektivität seiner Bilder (ebd. 80). Demnach erheben sie einen Anspruch auf Repräsentation der damaligen Gesellschaft. Doch wie kann man eine ganze Gesellschaft in nur einer Arbeit repräsentieren?
Um dieser Frage nachzugehen, werden in einem ersten Schritt Theorien der Fotografie erläutert. Diese dienen als Anleitung zur Bildanalyse. Grundlegend für die Bildanalyse sind das Essay Die helle Kammer des französischen Semiotikers Roland Barthes, sowie einige Gedanken des britischen Kunstkritikers John Berger, der sich sowohl mit der Theorie Roland Barthes' als auch mit Fotografien von August Sander auseinandersetzte.
Nachdem mit Barthes und Berger ein theoretischer Rahmen zur Analyse gegeben ist, werden im zweiten Schritt dieser Arbeit Sanders Grundannahmen, Intentionen und Theorien erörtert und kontextualisiert. Drittens werden ausgewählte Fotografien von Sander mithilfe oben genannter Theorien analysiert. Die Auswahl der Fotografien wird durch die Anziehungskraft der Fotos auf den Autoren dieser Arbeit getroffen. Wie Barthes möchte er „die Anziehungskraft, die bestimmte Photos auf [ihn] [ausüben], zum Leitfaden [der] Untersuchung […] machen“ (Barthes 1989, 26). Viertens und letztens wird, diese Arbeit abschließend, eine kritische Betrachtung der drei anderen Kapitel erfolgen, in der der Autor die eingangs genannte Frage wieder aufgreift und zu beantworten versucht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theorien der Fotografie
2.1 Roland Barthes – Die helle Kammer
2.1.1 studium
2.1.2 punctum
2.1.2.1 Detail
2.1.2.2 Zeit
2.2 John Berger: Erscheinungen
3 August Sander
4 Menschen des 20. Jahrhunderts
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Anspruch des Fotografen August Sander, mit seinem Werk "Menschen des 20. Jahrhunderts" eine vollständige Typologie der damaligen Gesellschaft abzubilden. Dabei wird analysiert, inwieweit die Fotografien tatsächlich als objektive Repräsentationen verstanden werden können oder ob sie ideologisch geprägt sind, wobei theoretische Ansätze von Roland Barthes und John Berger zur Bildanalyse herangezogen werden.
- Theoretische Grundlagen der Bildanalyse (Barthes & Berger)
- Kontextualisierung des Bildbandes von August Sander
- Analyse ausgewählter Porträtaufnahmen zur Überprüfung des Repräsentationscharakters
- Kritische Reflexion über den Wahrheitsanspruch dokumentarischer Fotografie
- Diskurs um die gesellschaftliche Bedeutung von Identität und Typologie
Auszug aus dem Buch
Menschen des 20. Jahrhunderts
Nachdem in Kapitel 2 und 3 sowohl ein theoretischer Rahmen zur Analyse skizziert als auch Sanders Grundannahmen, Intentionen und Theorien erörtert und kontextualisiert wurden, erfolgt nun die Analyse einzelner Fotografien aus dem bereits mehrfach genannten Bildband. Der Autor wählte die Fotografien aus, weil sie eine besondere Anziehungskraft auf ihn besitzen. Wie Barthes möchte er „die Anziehungskraft, die bestimmte Photos auf [ihn] [ausüben], zum Leitfaden [der] Untersuchung […] machen“ (Barthes 1989, 26). Da es sich um die Auswahl und Gedanken des Autoren handelt, wird er den analytischen Teil in der ersten Person singular fortsetzen. Dies gefährdet auch in Sanders eigener Logik keineswegs das mögliche Maß an wissenschaftlicher Objektivität, denn „bei einer gewissen Distanz [...] [sind] [d]as Individuum und […] das Universale […] Angelegenheiten der wechselnden Entfernung“ (Sander 1990, 11).
Die folgenden Fotografien sind keineswegs alle, die mich anzogen. Um den Rahmen der Arbeit einzuhalten, wählte ich lediglich diese fünf Bilder aus. Sie sind für mich die interessantesten Aufnahmen des Bildbandes. Warum? Das wird nun das Herzstück dieser Seminararbeit, die Analyse der einzelnen Bilder, zeigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt das Forschungsvorhaben vor, den Anspruch August Sanders auf eine typologische Repräsentation der Gesellschaft mittels theoretischer Bildanalysen zu hinterfragen.
2 Theorien der Fotografie: In diesem Kapitel werden die Konzepte von Roland Barthes (studium/punctum) und John Berger (Erscheinungen/Suche) als methodisches Rüstzeug für die Bildanalyse erarbeitet.
3 August Sander: Hier wird der Entstehungskontext des Bildbandes beleuchtet, insbesondere Sanders Ziel, archetypische Repräsentanten der Weimarer Gesellschaft abzubilden.
4 Menschen des 20. Jahrhunderts: Dieses Kapitel bildet das Kernstück der Arbeit, in dem fünf ausgewählte Fotografien mithilfe der zuvor erläuterten Theorien kritisch analysiert werden.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und diskutiert abschließend die Zweifel am absoluten Wahrheits- und Repräsentationsanspruch von Sanders Werk.
Schlüsselwörter
August Sander, Menschen des 20. Jahrhunderts, Fotografie, Bildanalyse, Roland Barthes, John Berger, studium, punctum, Repräsentation, Weimarer Gesellschaft, Dokumentarfilm, Porträt, Wahrheit, Identität, Typologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Bildband „Menschen des 20. Jahrhunderts“ des Fotografen August Sander hinsichtlich seines Anspruchs, die Gesellschaft der Weimarer Republik objektiv und typologisch abzubilden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretische Bildanalyse nach Barthes und Berger, die Intentionen des Fotografen August Sander sowie die kritische Reflexion über den Wahrheitsgehalt von Dokumentarfotografie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die kritische Überprüfung, ob August Sanders Fotografien tatsächlich als "archetypische Repräsentanten" der Gesellschaft fungieren können oder ob diese Sichtweise ideologisch geprägt ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Der Autor verwendet als methodischen Rahmen die semiotische Bildanalyse von Roland Barthes (studium, punctum) sowie die Ansätze von John Berger zum Verständnis von fotografischen Erscheinungen und deren Kontextualisierung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Grundlagen dargelegt, gefolgt von einer tiefgehenden, subjektiven Analyse von fünf ausgewählten Fotografien, um deren inhaltliche Tiefe und gesellschaftliche Aussagekraft zu ergründen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Begriffe Repräsentation, Wahrheit, Typologie, studium, punctum und der soziale Kontext der Weimarer Zeit sind für das Verständnis der Arbeit maßgeblich.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Industriellem und Stadtstreicher eine Rolle für das Fazit?
Der Vergleich dient dazu, verschiedene soziale Schichten und die Art ihrer Repräsentation durch Sander zu hinterfragen und zu zeigen, dass Fotografien soziale Diskurse und zeitgenössische Vorurteile widerspiegeln.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich Sanders Objektivitätsanspruch?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Sanders Anspruch auf eine absolute Wahrheit kritisch hinterfragt werden muss, da Fotografie als Medium stets ideologisch motiviert sein kann.
- Arbeit zitieren
- Frank Temme (Autor:in), 2014, Menschen des 20. Jahrhunderts. Ausgewählte Fotografien von August Sander, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/341208