Im Rahmen des Seminares „Textsorten der frühen Neuzeit“ beschäftigten wir uns mit den unterschiedlichsten Gliederungsmöglichkeiten von Textsorten. Zugrunde lag uns dabei das „Frühneuhochdeutsche Lesebuch“, herausgegeben von Oskar Reichmann und Klaus-Peter Wegera im Jahre 1988. In diesem Buch ordnen die beiden Autoren die frühneuhochdeutschen Texte, indem sie die „kommunikative Intention“ des zu untersuchenden Textes erkennen und ihn anschließend seiner Absicht beziehungsweise Funktion nach eingliedern.
So konnten Reichmann und Wegera auf eine Anzahl von neun unterschiedlichen „kommunikativen Intentionen“ kommen, in denen die entsprechenden Texte eingeordnet werden konnten. Um noch weitere Gliederungsmöglichkeiten von Textsorten kennenzulernen, betrachteten wir anschließend den von Hannes Kästner, Eva Schütz und Johannes Schwitalla verfassten Aufsatz „Die Textsorten des Frühneuhochdeutschen“, welcher im Jahre 2000 im Handbuch zur Sprachgeschichte veröffentlicht wurde. Hier ordnen die Autoren die Textsorten nicht nach dominanten Funktionen, sondern nach Sinnwelten, d.h. nach Themengebieten.
Wodurch konstituieren sich „Anleitende Texte“? Wie korrespondiert die Funktion des Textes mit seiner sprachlichen Struktur? Dies möchte ich anhand des Beispieles von zwei Kochbuchrezepten näher untersuchen. Dabei werde ich die Kennzeichen Reichmann/Wegeras zur Hilfe nehmen, möchte jedoch die Feststellung weiterer sprachlicher Merkmale in Bezug auf Kochbuchtexte nicht ausschließen und außer Acht lassen. Die beiden Kochbuchrezepte, die dieser Untersuchung dienen sollen, stammen aus zweierlei Kochbüchern, zum einen aus der „Kuchenmeysterey“ und zum anderen aus dem „Klenen Kakeboeck“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition und Kennzeichen „Anleitender Texte“ nach Reichmann/Wegera (1988)
3. Einordnung „Anleitender Texte“ in das Gliederungssystem von Käster/Schütz/Schwitalla (2000)
4. Einordnung „Anleitender Texte“ in das Gliederungssystem von Fandrych/Thurmayr (2011)
5. Der Untersuchungsgegenstand
5.1 Die „Kuchenmeysterey“
5.2 „Dat Klene Kakeboeck“
6. Die Untersuchung: Kennzeichen „Anleitender Texte“ in zwei Beispielkochrezepten
6.1 Ein Sülzenrezept aus der Kuchenmeysterey
6.2 Ein Weinmus aus dem Klenen Kakeboeck
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich die Funktion der Textsorte „jemanden anzuleiten“ sprachlich manifestiert und wie diese Funktion mit der internen Struktur von Texten korrespondiert, wobei insbesondere Kochbuchrezepte als Analyseobjekte dienen.
- Analyse der Definition und Merkmale „Anleitender Texte“ nach Reichmann/Wegera.
- Vergleichende Einordnung anleitender Texte in verschiedene textlinguistische Gliederungssysteme.
- Untersuchung historischer Kochbuchrezepte als Repräsentanten anleitender Texte.
- Identifikation spezifischer sprachlicher Strukturen wie Nominalstil, imperative Verbformen und Fachvokabular.
- Diskussion über die praktische Anwendbarkeit und den historischen Kontext von Rezeptsammlungen.
Auszug aus dem Buch
6. Die Untersuchung: Kennzeichen „Anleitender Texte“ in zwei Beispielkochrezepten
Das vorliegende Rezept handelt von der Herstellung einer Fischsülze und ist in frühneuhochdeutscher Sprache aufgeschrieben worden. Grob übersetzt würde das Rezept folgendermaßen lauten:
„ Eine meisterliche Sülze über Fisch aus Lachs und anderen großen Rheinfischen. Die Fische mache zu gute Stücke (,) spieß je zwei oder drei an ein Holzspießlein und (fewd) sie also ab mit Wein und Essig (,) Salz und Gewürz. Behalt die Brühe wie es vorgeschrieben steht. Nimm das Brot und mache es so wie zuvor. Wenn aber die Sülze zu dünn wird (,) so nimm Lorbeerblätter oder die Schalen oder eine halbe Lorbeere und stoß sie mit dem Brot mit der Fischbrühe. Treib das durch und temperier (vermisch) es und versuch ob es recht abgemacht sei mit Gewürzen und Salz (,) leg dann die Fischstücke hinein und schütte die Sülze darüber und lass sie sich absetzen. Willst du aber so sehr Ingwer darüber oder Zimt oder Muskatblume. Und gib es:“
Wie man an den gelb unterlegten Begriffen/Substantiven erkennen kann ist durchaus ein ausgeprägtes Fachvokabular in der Kuchenmeysterey vorhanden. Es werden viele Rezeptzutaten und Möglichkeiten zum Würzen genannt, die vermuten lassen, dass es sich um ein Kochbuchrezept handelt. Insbesondere das Wort „temperieren“ zeichnet den Text prägnant als ein Kochbuchrezept aus. Wie man durch die vielen gelb unterlegten Begriffe auch sehen kann, trifft zudem Reichmann/Wegeras Kennzeichen eines Nominalstils zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema und Erläuterung der Motivation, verschiedene linguistische Gliederungssysteme zur Analyse von Textsorten der frühen Neuzeit heranzuziehen.
2. Definition und Kennzeichen „Anleitender Texte“ nach Reichmann/Wegera (1988): Herleitung der Definition anleitender Texte und Identifikation ihrer primären sprachlichen Merkmale wie Imperativ und Nominalstil.
3. Einordnung „Anleitender Texte“ in das Gliederungssystem von Käster/Schütz/Schwitalla (2000): Diskussion der Gliederung nach Sinnwelten und Einordnung der anleitenden Texte in die Sinnwelt „Alltagswelt“.
4. Einordnung „Anleitender Texte“ in das Gliederungssystem von Fandrych/Thurmayr (2011): Analyse der Textsorten nach Dimensionen und Funktionen, wobei anleitende Texte als handlungsbeeinflussend mit instruktiver Funktion klassifiziert werden.
5. Der Untersuchungsgegenstand: Vorstellung der beiden historischen Quellen, der „Kuchenmeysterey“ und des „Klenen Kakeboeck“, einschließlich ihres historischen Hintergrunds.
6. Die Untersuchung: Kennzeichen „Anleitender Texte“ in zwei Beispielkochrezepten: Detaillierte sprachliche Analyse konkreter Kochrezepte aus den ausgewählten Werken auf Basis der vorab definierten Kriterien.
7. Resümee: Zusammenfassende Bewertung der Anwendbarkeit der gewählten Kriterien auf Kochbuchrezepte und Reflexion über deren tatsächlichen Gebrauchswert.
Schlüsselwörter
Anleitende Texte, Textsorten, Frühneuhochdeutsch, Textlinguistik, Kochbuchrezepte, Kuchenmeysterey, Dat Klene Kakeboeck, Reichmann, Wegera, Fandrych, Thurmayr, Sprachgeschichte, Nominalstil, Instruktion, Handlungsanleitung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der linguistischen Untersuchung der Textsorte „Anleitende Texte“ anhand historischer Kochbuchrezepte aus der frühen Neuzeit.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen die frühneuhochdeutsche Sprachgeschichte, die Klassifizierung von Textsorten durch verschiedene linguistische Modelle und die strukturelle Analyse von Rezepturen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob und wie sich die theoretisch definierten Funktionen und Kennzeichen anleitender Texte in der sprachlichen Struktur historischer Kochrezepte widerspiegeln.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es erfolgt eine deskriptive Textanalyse, bei der Texte anhand verschiedener Gliederungssysteme kategorisiert und anschließend auf spezifische sprachliche Merkmale wie Nominalstil und imperative Verbformen geprüft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einordnung der Texte in verschiedene Gliederungsmodelle, die Vorstellung des historischen Quellenmaterials und die konkrete Analyse der Kochrezepte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Anleitende Texte, Textsorten, Frühneuhochdeutsch, Nominalstil, Handlungsanleitung und Fachvokabular.
Welche Rolle spielt die „Kuchenmeysterey“ für die Untersuchung?
Sie dient als primäres Beispiel für ein frühes gedrucktes deutsches Kochbuch, an dem die Anwendung der linguistischen Kriterien auf ihre Praxistauglichkeit hin geprüft wird.
Warum hinterfragt der Autor am Ende, ob die Rezepte tatsächlich zum Kochen genutzt wurden?
Aufgrund der Kostbarkeit der Bücher in der damaligen Zeit stellt der Autor in Frage, ob diese Texte primär als Gebrauchsanweisung dienten oder eher als prestigeträchtige Rezeptsammlungen für die Nachwelt konzipiert waren.
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- Anonym (Author), 2015, Anleitende Texte. Erarbeitet anhand eines frühneuhochdeutschen und niederdeutschen Kochbuchrezeptes, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/339781