Diese Arbeit untersuch Strickers "Daniel von dem Blühenden Tal" auf parodistische Züge in der Konstitution der Figuren und ihren Handlungsweisen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf ausgewählten Figuren und Episoden, die diesbezüglich einen exemplarisch wertvollen Gehalt aufweisen. Um eine theoretische Basis für diese Betrachtungen zu schaffen, soll zunächst näher auf die Begrifflichkeit der Parodie eingegangen werden. Zudem sollen als Referenzgrundlage Merkmale der Figurenkonstitution gattungstypischer Artusepik dargelegt werden, wobei sich die Ausführungen hierzu an der Relevanz für die in dieser Arbeit betrachteten figuralen Besonderheiten orientieren.
Als Grundlage für den spätmittelalterlichen Roman spielen epische Stoffkreise, die in der Tradition arthurischer Dichtung stehen, eine bedeutsame Rolle. Artusromane weisen zumeist eine gattungsbezogene Provenienz auf und lassen sich ferner in klassische und nachklassische Werke unterteilen. Während epische Dichter der klassischen Zeit vorrangig französische Vorlagen übersetzten, beginnen sich im Spätmittelalter unterschiedliche, autorspezifische Darstellungstechniken zu entwickeln, in denen sich nachklassische Tendenzen begründen.
Um dennoch die „Illusion einer gemeinsamen werkübergreifenden Erzählwelt“ aufrecht erhalten zu können, etablierten sich literarische Verfahrensweisen wie jene der Imitation und Integration. Obwohl sich der Stricker in seinem Roman "Daniel von dem Blühenden Tal" ebenfalls dieser Techniken bedient, wie zum Beispiel der Integration bekannter Motive oder vermeintlich arthurisch überlieferten Personals und zudem eine fiktive französische Quelle als Vorlage angibt, gilt sein Werk als unkonventionell und nicht gattungskonform.
In Bezug auf die Gründe hierfür, spricht Haiko Wandhoff (1999) von einer Forschungskontroversen zwischen der Auffassung des Strickerschen Romans als „affirmative Weiterentwicklung der Gattung Artusroman“ einerseits und der Interpretation als „satirische Entlarvung der Artuswelt“ andererseits.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Begriffsbestimmung: Parodie
2.2 Merkmale der Figurenkonstitution im gattungstypischen Artusroman
3 Textnachweise an Hand entsprechender Figuren und Episoden
3.1 Die Figur Daniel als Held
3.2 Die Riesenvaterepisode
3.3 Die Massenhochzeit
4 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Werk "Daniel von dem Blühenden Tal" des Strickers auf parodistische Elemente in der Figurenkonstitution und den Handlungsweisen der Protagonisten, um die Forschungskontroverse zwischen einer affirmativen Gattungsentwicklung und einer satirischen Entlarvung der Artuswelt zu beleuchten.
- Analyse der Begrifflichkeit und der Erscheinungsformen der Parodie im Mittelalter.
- Untersuchung der Charakteristika klassisch-arthurischer Heldenfiguren als Referenzpunkt.
- Erörterung des "Listenreichtums" und der "Wîsheit" als zentrale Attribute des Helden Daniel.
- Deutung der "Riesenvaterepisode" als Schlüsselszene für parodistische Situationskomik.
- Betrachtung der "Massenhochzeit" als ironische Brechung des klassischen Minne-Ideals.
Auszug aus dem Buch
Die Figur Daniel als Held
Im Bezug auf die Heldenfigur in Strickers Werk ist zunächst auffällig, dass ‚Daniel’ als Name ein Merkmal darstellt, das von der gattungstypischen Figurenkonzeption abweicht, da es sich hierbei, auf Grund der biblischen Herkunft, nicht um einen genretypischen Name handelt.
Möglichweise kann dies als erstes Anzeichen für eine gegensätzlich-kritische Konzeption der Figur des Helden Daniel gedeutet werden. Dorothea Müller (1981) spricht diesbezüglich von der „Konfrontation des nachklassischen mit den klassischen Artusrittern“. In der Sekundärliteratur sind die Handlungsweisen und die entsprechenden Figurenmerkmale des Protagonisten häufig Ansatzpunkt für den Nachweis literarischer Parodie. In diesem Zusammenhang wird einerseits seine Ernsthaftigkeit in Frage gestellt und andererseits seine, vom gattungstreuen Basistypus abweichenden, Charaktereigenschaften als überlegen gelobt, woraus auf eine Parodistik dieses Typus geschlossen wird.
Werner Schröder (1986) bezeichnet Daniel als „Glückskind“. Dies begründet er wie folgt: „Wenn er wirklich mal in Gefahr gerät, kommt ihm ein unverhoffter Zufall zustatten in Gestalt einer hilfebedürftigen Dame, die über alle zweckdienlichen Informationen verfügt.“ Somit stellt er Daniels ‚heldische Kompetenz’ in Frage. Ferner führt er hierzu den übermäßigen Einsatz magischer Zauberwaffen an. So sieht er das Zauberschwert als „Fremdkörper“ an, der unrealistisch wirkt. Denn es funktioniere nahezu selbstständig und für Daniel mühelos. Noch deutlicher geht dies aus der Aussage hervor:
Was wäre dieser Artusritter ohne das Steine und Eisen schneidende Schwert und ohne die gar nicht besonders einfallreichen Listen, die er im rechten Augenblick ergreift. Aventiuren, die solchermaßen mit Tricks bestanden werden, konnte und sollte niemand ernstnehmen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der spätmittelalterlichen Artus-Epik ein und stellt die Forschungsfrage zur parodistischen Ausrichtung von Strickers Roman.
2 Theoretische Grundlagen: Hier werden Definitionen der Parodie erarbeitet und Merkmale der klassischen Figurenkonstitution als notwendige Vergleichsbasis für die Analyse definiert.
3 Textnachweise an Hand entsprechender Figuren und Episoden: Das Kapitel untersucht anhand der Hauptfigur Daniel und ausgewählter Schlüsselszenen wie der Riesenvaterepisode und der Massenhochzeit, wie der Autor ritterliche Ideale untergräbt.
4 Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet das Werk als "parodierenden Anti-Artusroman" in den literaturwissenschaftlichen Diskurs ein.
Schlüsselwörter
Daniel von dem Blühenden Tal, Der Stricker, Parodie, Artusroman, Figurenkonstitution, Minne, Aventiure, List, Riesenvaterepisode, Massenhochzeit, Intertextualität, Mittelalterliche Literatur, Gattung, Ritterlichkeit, Situationskomik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit untersucht, inwiefern der Roman "Daniel von dem Blühenden Tal" des Strickers als Parodie auf die klassische Artusdichtung des Mittelalters zu verstehen ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die literarische Figurenkonstitution, die Analyse ritterlicher Tugenden und die intertextuelle Beziehung zu klassischen Werken wie denen von Hartmann von Aue und Wolfram von Eschenbach.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Stricker durch die bewusste Modifikation von Heldenattributen und die Umdeutung höfischer Szenen eine kritische Distanz zur Gattung Artusroman aufbaut.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse von Primär- und Sekundärliteratur, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Vergleich der Figurendarstellung mit gattungstypischen Normen liegt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden der Held Daniel, die Riesenvaterepisode und die Massenhochzeit auf ihr parodistisches Potenzial hin untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Parodie, Artusroman, Listenreichtum, Minne-Ideal und die intertextuelle Brechung ritterlicher Tugenden.
Warum wird Daniel als "Listenheld" bezeichnet?
Da er seine Abenteuer nicht nur durch rohe Gewalt, sondern primär durch Verstand, Klugheit (List) und Täuschung löst, was im Widerspruch zum klassischen Ideal des rein kämpferischen Ritters steht.
Welche Rolle spielt die Riesenvaterepisode für die These?
Sie gilt als Schlüsselszene, in der klassische Helden wie Artus und Parzival scheitern und die "Komik der Situation" sowie das Versagen ritterlicher Ideale besonders deutlich hervortreten.
Wie wird die "Massenhochzeit" im Werk interpretiert?
Sie wird oft als "bevölkerungspolitische Massenkuppelei" und als parodistische Abwertung des traditionellen Minne-Konzepts gesehen, bei der das höfische Werben in eine bürokratische Verwaltung übergeht.
Ist das Werk nach Ansicht des Autors ein reiner Parodie-Text?
Die Arbeit zeigt, dass die Forschung gespalten ist: Während einige Kritiker eine bewusste Entlarvung der Artuswelt sehen, betonen andere die Mehrdeutigkeit, die auch eine konventionelle Lesart zulässt.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2013, Parodistische Züge in der Figurenkonstitution in Strickers "Daniel von dem blühenden Tal", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/339776