Kann das „Du“ auch für den Dichter selbst stehen? Kann ein kompletter Zyklus voller Begegnungen und Dialoge ein einziges Selbstgespräch darstellen? Um diese Fragen zu klären, wird nun für den Zyklus „Schwarzmaut“ im Allgemeinen hinterfragt, ob es sich um ein Selbstgespräch handeln könnte, um dann diese These im Einzelnen anhand des „Du“ als Instanz des Selbstgespräches an ausgewählten Gedichten zu begründen. „Alle Dichtung ist Gespräch.“ Was Martin Buber in seinem Werk „Daniel – Gespräche von der Verwirklichung“ schreibt, nahm sich auch Paul Celan zu Herzen. Doch ist in Celans Gedichtzyklus „Schwarzmaut“ nicht alle Dichtung vielmehr Selbst-Gespräch?
In der Forschung wird häufig davon ausgegangen, dass mit dem „Du“ in den Gedichten Paul Celans seine Frau Gisèle Celan-Lestrange gemeint ist, andere sind der Meinung, Celans Mutter, Freunde des Dichters oder Gott seien dadurch angesprochen. Doch der 1968 entstandene und 1970 im Gedichtband „Lichtzwang“ veröffentlichte Zyklus „Schwarzmaut“ ist zum Großteil in der psychiatrischen Anstalt Saint-Anne in Paris entstanden, in welche sich Celan im Februar 1967 selbst einweisen ließ. In der Nervenheilanstalt war es ihm nur erlaubt, über Briefe Kontakt zu seiner Frau und seinem Sohn Eric zu halten. Durch diesen Briefwechsel wurde der Entstehungsprozess der Schwarzmaut-Gedichte gut dokumentiert und häufig geben die Briefe auch Hinweise auf verschiedene Auslegungsmöglichkeiten.
Außerdem verfasste Celan in den Briefen die Interlinearübersetzungen in das Französische für seine Frau, die des Deutschen nicht mächtig war. Aus diesen Übersetzungen, die meist ein wenig deutlicher formuliert waren als das deutsche Äquivalent, gehen einige Interpretationsansätze hervor; diese geben wohl die vom Dichter selbst angedachte Richtung genauer vor.
In der Dichtung Celans geht es oft um Begegnungen und Gespräche, die stattfinden, oder, was häufiger der Fall ist, nicht die Möglichkeit haben, stattzufinden. Diese Dialoge können zwischen Dichter und Leser stattfinden, aber auch innerhalb des Gedichtes zwischen einem Ich und einem Du. Dieser Dialog kann allerdings auch innerhalb ein und derselben Person stattfinden. Dies kann, muss aber nicht, in Form eines Monologes stattfinden, doch häufig werden, besonders in der Lyrik, Personalpronomen wie „Du“ und „Er“ als Gesprächspartner eingesetzt, die dennoch das Ich selbst meinen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Dialog in der Lyrik
3. Das Ich, das Du und das Gedicht als Selbstbegegnung
4. Analyse und Interpretation von „Abglanzbeladen“
5. Die Rolle des Du in ausgewählten Beispielen
5.1 Hörreste, Sehreste
5.2 Wir lagen
5.3 Freigegeben
5.4 Aus Verlornem / Was uns
6. Fazit
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Gedichtzyklus „Schwarzmaut“ von Paul Celan mit dem Ziel zu belegen, dass die Gedichte nicht primär als Dialog mit einem externen Gegenüber, sondern als Selbstgespräch des Dichters unter den Bedingungen seines Klinikaufenthalts in der Anstalt Saint-Anne zu deuten sind.
- Die Rolle der Personalpronomen Ich und Du in der Lyrik Celans
- Biographische Einflüsse durch den Klinikaufenthalt in Saint-Anne
- Die Analyse von „Abglanzbeladen“ als Schlüssel zum Verständnis des Selbstgesprächs
- Die dialogische Struktur von Texten bei Abwesenheit eines konkreten Gegenübers
- Das Konzept der Selbstbegegnung innerhalb der Celanschen Dichtung
Auszug aus dem Buch
4. Analyse und Interpretation von „Abglanzbeladen“
Das Gedicht „Abglanzbeladen“ entstand zusammen mit der dazugehörigen französischen Interlinearübersetzung am 05. Juli 1967 in einem Brief an seine Frau Gisèle Celan-Lestange. Zu dieser Zeit befand sich Paul Celan nach einem gescheiterten Selbstmordversuch am 30. Januar des selben Jahres in der Klinik Saint-Anne.
Abglanzbeladen, bei den Himmelskäfern, im Berg. Den Tod, den du mir schuldig bliebst, ich trag ihn aus.
„Abglanzbeladen“ besteht aus 17 Wörtern in zwei Zeilengruppen, drei- und vierzeilig, und steht an zehnter Stelle im Zyklus Schwarzmaut. Zur Verständnis des Gedichtes müssen zunächst die von Celan benutzten Realien geklärt werden.
Unter einem Abglanz versteht man in der Regel den Reflex glänzender Lichter oder einen Widerschein. In religiöser Verwendung meint der Abglanz den Abglanz Gottes, also entweder die Gottesebenbildlichkeit des geschaffenen Menschen oder den Abglanz, den Mose auf seinem Antlitz trägt, nachdem Gott sich ihm auf dem Berg Sinai nach der Übergabe der 10 Gebote offenbart (Ex 34,29ff). Außerdem kann ein Abglanz auch für etwas stehen, worin etwas anderes von gleicher Wesensart noch spürbar ist; also in Form eines Nachklangs (diese Art von Abglanz wird oft im Kontext von gescheiterten Persönlichkeiten verwendet.). Wenn etwas beladen ist, ist es belastet, also einer Last ausgesetzt, der es möglicherweise nicht auf längere Sicht hin standhalten kann, wie beispielsweise der Schuldenlast. Abglanzbeladen könnte demnach für die Belastung durch die Ebenbildlichkeit Gottes, also dem Menschsein, stehen. Ohne religiösen Hintergrund kann der Betroffene auch durch den Nachklang seiner früheren, besseren Werke oder Taten belastet sein, oder generell durch sein früheres Leben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob der Zyklus „Schwarzmaut“ als Selbstgespräch zu verstehen ist, und verankert die Analyse im biographischen Kontext des Klinikaufenthalts von Paul Celan.
2. Der Dialog in der Lyrik: Das Kapitel beleuchtet das dialogische Prinzip der Dichtung und diskutiert die Rolle der Personalpronomen sowie die Position des Dichters und Lesers innerhalb des Gedichtes.
3. Das Ich, das Du und das Gedicht als Selbstbegegnung: Hier wird die theoretische Basis dafür gelegt, wie das lyrische Ich und das Du innerhalb eines Textes als Instanzen einer Selbstbegegnung fungieren können.
4. Analyse und Interpretation von „Abglanzbeladen“: Eine detaillierte Untersuchung des Gedichts „Abglanzbeladen“, bei der insbesondere die zentralen Motive und biographischen Bezüge zur Klinik Saint-Anne analysiert werden.
5. Die Rolle des Du in ausgewählten Beispielen: Dieses Kapitel prüft anhand weiterer Gedichtbeispiele die These, dass das Du in verschiedenen Ausprägungen und Konstellationen auftritt und oft der Selbstreflexion dient.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass der Zyklus trotz des thematisierten Nicht-Stattfindens von Begegnungen als Selbstgespräch des Dichters interpretiert werden kann.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Quellen und Forschungsliteratur.
Schlüsselwörter
Paul Celan, Schwarzmaut, Lyrik, Selbstgespräch, Dialog, Ich, Du, Klinik Saint-Anne, Selbstbegegnung, Abglanzbeladen, Personalpronomen, Literaturwissenschaft, Dichtung, Interpretation, Biographie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Gedichtzyklus „Schwarzmaut“ von Paul Celan und untersucht die dort auftretenden dialogischen Strukturen unter biographischen Gesichtspunkten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das Konzept des Selbstgesprächs in der Lyrik, die Rolle des lyrischen Ich und des Du sowie die Bedeutung des biographischen Hintergrunds für die Interpretation von Celans Spätwerk.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die These zu belegen, dass der Zyklus nicht nur als zwischenmenschlicher Dialog zu lesen ist, sondern als ein tiefgreifendes Selbstgespräch, in dem der Dichter sich selbst begegnet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text eng mit biographischen Dokumenten (wie Briefen Celans) und poetologischen Theorien (unter anderem von Martin Buber) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zum Dialog in der Lyrik, eine intensive Interpretation des Gedichts „Abglanzbeladen“ sowie eine fallweise Analyse weiterer Gedichte des Zyklus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Paul Celan, Selbstgespräch, Schwarzmaut, Dialogizität, biographische Interpretation und die Instanzen von Ich und Du.
Warum spielt die Klinik Saint-Anne eine so wichtige Rolle für die Analyse?
Der Aufenthalt in dieser psychiatrischen Klinik und der damit verbundene Briefwechsel dokumentieren den Entstehungsprozess der Gedichte und bieten essenzielle Hinweise auf die psychische und existenzielle Verfassung des Dichters.
Was bedeutet der Titel „Abglanzbeladen“ im Kontext der Arbeit?
Er wird als Ausdruck der Belastung durch das Dasein, durch die eigene Vergangenheit oder durch die Rolle als Dichter gedeutet, wobei er das Ich in einer isolierten, grabkammerartigen Situation verortet.
Kann das Du in den Gedichten auch Gott oder der Dichter selbst sein?
Ja, die Arbeit zeigt auf, dass das Du variabel ist und je nach Gedicht als Anklage gegen Gott, als Projektion des eigenen Ich oder als Ansprache an nahestehende Personen interpretiert werden kann.
Wie endet die Argumentation im Fazit?
Das Fazit bestätigt, dass der Zyklus trotz einer thematisierten Trennung oder ausbleibenden Begegnung ein in sich geschlossenes Selbstgespräch darstellt, das der Dichter zur Daseinsbewältigung führt.
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- Anonym (Author), 2015, Der Zyklus "Schwarzmaut" von Paul Celan. Ein Selbstgespräch, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/339122