Das Drama zählt, neben der Lyrik und der Epik, zu einer der drei literarischen Gattungen. Da Dramen Handlungen von Personen schriftlich fixieren, die für die Aufführung vor einem Publikum bestimmt sind – Ausnahmen bilden beispielsweise Lesedramen – werden im Drama Angaben zu der Umsetzung auf der Bühne gemacht. Dieses geschieht durch den Nebentext. Welche Funktionen der Nebentext noch besitzt, werde ich im folgenden Kapitel detaillierter darlegen.
Ab dem achtzehnten Jahrhundert tendierte der Nebentext dazu, mehr Platz im Drama einzunehmen. In dieser Hausarbeit soll deshalb der Frage nachgegangen werden, welche Gründe es für die sogenannte Episierung des Dramas gibt. Dafür werde ich mich mit einer Epoche genauer beschäftigen, in der die Nebentexte im Drama teilweise ganze Seiten eingenommen haben – die Epoche des Naturalismus (3.). Beweggründe für die Länge der Nebentexte sollen einerseits durch die generellen Ansichten der Autoren ausgemacht werden, die durch verschiedene Forschungsliteratur zusammengetragen werden. Andererseits wird durch den konsequenten Naturalismus von Holz und Schlaf versucht, weitere Gründe für dieses Phänomen zu finden (3.1.).
Anhand des Dramas von Hauptmann „Vor Sonnenaufgang“ soll exemplarisch gezeigt werden, wie sich das Verhältnis von Haupt- und Nebentext gestaltet (3.2.). Dieses Drama wurde ausgewählt, da der Autor Gerhart Hauptmann „als der größte Praktiker naturalistischer Ideen“ und sein Drama als Vorzeigewerk des Naturalismus gilt . Nach einer kurzen inhaltlichen Vorstellung des Dramas (3.2.1.) wird das zuvor durch die theoretischen Schriften erworbene Wissen über die Gründe der langen Nebentexte und die generelle Form dieser auf das Drama angewandt werden (3.2.2.).
Am Ende wird ein Drama vorgestellt, das im Gegensatz zu „Vor Sonnenaufgang“ sehr wenig Nebentext enthält – „Iphigenie auf Tauris“ (4.). Es wurde mit Absicht ein Drama aus der Epoche der Weimarer Klassik ausgewählt, da sich die Naturalisten bewusst von den Vertretern dieser Epoche absetzen wollten, wie auch später genauer ausgeführt wird. Da „Iphigenie auf Tauris“ als ein Musterbeispiel des klassischen Dramas zählt, fiel die Wahl auf dieses Werk.
In der Forschung gibt es zahlreiche Arbeiten, die sich mit dem Nebentext im Naturalismus beschäftigen. Die Forschungslage zu dem Nebentext in Dramen der Weimarer Klassik ist relativ schlecht. Welche Gründe könnte das haben? War der Nebentext für Dramenautoren der Weimarer Klassik unbedeutend? [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Haupt- und Nebentext im Drama generell
2.1. Haupttext
2.2. Nebentext
3. Die Epoche des Naturalismus
3.1. Der konsequente Naturalismus nach Holz und Schlaf
3.2. Konkretes Beispiel: Hauptmanns soziales Drama „Vor Sonnenaufgang“
3.2.1. Vorstellung des Dramas
3.2.2. Der Nebentext konkret im Drama „Vor Sonnenaufgang“ – Textbeispiele
4. Der Nebentext im Naturalismus im Vergleich zu einem klassischen Drama
4.1. Konkretes Beispiel: „Iphigenie auf Tauris“
4.1.1. Vorstellung des Dramas
4.1.2. Der Nebentext konkret im Drama „Iphigenie auf Tauris“ – Textbeispiele
5. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedliche Form und Funktion des Nebentextes in Dramen des Naturalismus im Vergleich zur Weimarer Klassik. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche literaturtheoretischen und ästhetischen Gründe zu einer sogenannten Episierung des Dramas führen, bei der der Nebentext zunehmend an Umfang gewinnt.
- Vergleich der Dramentheorien von Naturalismus und Weimarer Klassik
- Analyse der Funktion des Nebentextes als Mittel zur Milieuschilderung und Kontextualisierung
- Untersuchung des "konsequenten Naturalismus" nach Arno Holz und Johannes Schlaf
- Exemplarische Werkanalyse von Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang"
- Exemplarische Werkanalyse von Johann Wolfgang von Goethes "Iphigenie auf Tauris"
Auszug aus dem Buch
3.1. Der konsequente Naturalismus nach Holz und Schlaf
Arno Holz und Johannes Schlaf gelten als wichtige Vertreter der naturalistischen Theorie und vor allem des konsequenten Naturalismus. Sie lernten sich 1885 kennen und begannen gemeinsam zu arbeiten. Wie im Naturalismus üblich, gehen auch Holz und Schlaf von „der durchgängigen Gesetzmässigkeit alles Geschehens“ aus. 1891 veröffentlichte Arno Holz den ersten Teil seiner Arbeit „Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze“. Es handelt sich hierbei um eine Theorie einer extremen Form des Naturalismus. Obwohl der Großteil der Arbeit von Arno Holz stammt, unter dessen Namen das Werk auch veröffentlicht wurde, hat Schlaf an der Arbeit mitgewirkt. In dieser stellten sie das Kunstgesetz auf: Kunst = Natur –x.
Durch die Formel wird das Verhältnis von der Realität und dem Kunstwerk beschrieben. Unter „x“ fallen also diejenigen Komponenten, die verhindern, dass das Kunstwerk komplett der Realität entspricht. Holz gelangt zu dieser Formel, indem er eine Zeichnung von einem Jungen auf einer Schiefertafel anschaut. Ihm wird klar, dass die Zeichnung einen Soldat darstellen soll, dass der Künstler dieses Ziel aber weit verfehlt hat. Das Kunstwerk ist weit von der Erfassung der Realität entfernt – die Lücke dazwischen wird „x“ genannt. Je kleiner dieses „x“ ist, desto mehr ähnelt das Kunstwerk der Realität.
Die Formel wird folgendermaßen erläutert: „Die Kunst hat die Tendenz, wieder die Natur zu sein. Sie wird sie nach Massgabe ihrer jeweiligen Reproductionsbedingungen und deren Handhabung“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Gattung des Dramas ein und definiert die Rolle des Nebentextes sowie die Forschungsfrage bezüglich seiner unterschiedlichen Ausgestaltung in verschiedenen Literaturepochen.
2. Haupt- und Nebentext im Drama generell: Es werden die grundlegenden Definitionen von Haupttext (Figurenrede) und Nebentext (Regieanweisungen, Bühnenbildvorgaben etc.) erläutert.
3. Die Epoche des Naturalismus: Dieses Kapitel beleuchtet die historischen und ästhetischen Hintergründe des Naturalismus, inklusive der Theorie des "konsequenten Naturalismus" und der beispielhaften Analyse von Hauptmanns Werk.
4. Der Nebentext im Naturalismus im Vergleich zu einem klassischen Drama: Hier erfolgt eine Gegenüberstellung zur Weimarer Klassik, um die Unterschiede in der Nutzung des Nebentextes anhand von Goethes "Iphigenie auf Tauris" zu verdeutlichen.
5. Zusammenfassung und Fazit: Das abschließende Kapitel resümiert, dass der Nebentext im Naturalismus aufgrund der Milieudeterminierung eine zentrale, raumprägende Funktion einnimmt, während er in der Klassik lediglich als technischer Apparat zur Unterstützung des sprachmächtigen Dialogs dient.
Schlüsselwörter
Nebentext, Haupttext, Naturalismus, Weimarer Klassik, Episierung, Sekundenstil, Milieutheorie, Dramenanalyse, Gerhart Hauptmann, Johann Wolfgang von Goethe, Vor Sonnenaufgang, Iphigenie auf Tauris, Regieanweisungen, Mimesis, konsequenter Naturalismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Funktion und den Umfang des Nebentextes im Drama und vergleicht dabei die entgegengesetzten Ansätze des Naturalismus und der Weimarer Klassik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Milieudarstellung, die Sprachmächtigkeit bzw. Determiniertheit der Figuren sowie die dramaturgische Funktion von Regieanweisungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Gründe für die "Episierung" des Dramas im Naturalismus aufzuzeigen und zu erklären, warum sich der Nebentext dort so stark ausdehnt, während er in klassischen Dramen eine untergeordnete Rolle spielt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten, ergänzt durch die Auswertung einschlägiger Forschungsliteratur zu den Epochen des Naturalismus und der Weimarer Klassik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des konsequenten Naturalismus sowie die detaillierte exemplarische Untersuchung der Dramen "Vor Sonnenaufgang" und "Iphigenie auf Tauris".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über die Begriffe Nebentext, Naturalismus, Weimarer Klassik, Milieudeterminierung und Dramenform definieren.
Warum spielt der Nebentext in Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" eine so große Rolle?
Da die Figuren im Naturalismus als determiniert und spracharm gelten, muss der Autor Informationen über Milieu, Charaktere und Emotionen in den Nebentext auslagern, um die Illusion eines Wirklichkeitsausschnitts zu erzeugen.
Wie unterscheidet sich die Funktion des Nebentextes in Goethes "Iphigenie auf Tauris"?
In der Klassik sind die Figuren sprachmächtig und reflektiert, wodurch sie ihr Inneres und die Szenerie selbst durch Monologe und Dialoge prägen können; der Nebentext dient hier nur als technisches Gerüst.
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- Anna Baer (Author), 2015, Form und Funktion des Nebentexts im naturalistischen und klassischen Drama am Beispiel von „Vor Sonnenaufgang“ und „Iphigenie auf Tauris“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/338958