Die vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar, gegen den Körper-Geist Zwiespalt zu argumentieren und zu zeigen, dass das Bewusstsein nicht mit dem carthesischen "cogito" zusammenfällt, sondern primär auf die Leiblichkeit zurückzuführen ist. Und zwar handelt es sich hierbei um eine Auffassung des Bewusstseins als System, das sich an der Schnittstelle zwischen Körper und Welt herausbildet.
Der Diskurs, der den Körper-Geist Zwiespalt auf Descartes zurückführt, hat Tradition in der Philosophie. Die Spannung „Innen-Aussen“ wird damit zwischen dem Ich, das als „denkende Substanz“ identifiziert und dem als ausgedehnte Materie definierten Objekt (bzw. die Welt) verlagert. Die Vorstellung eines körperlosen Subjekts, das sich die (materielle) Welt durch Rerpräsentation aneignet bzw. durch eine Art „Übersetzung“ des sinnlich Ausgedehnten in geistig Verständliches, liegt dieser zwiespaltigen Auffassung nahe und stößt auf verschiedenartige Probleme.
Die prägnanteste Frage, die eine lange Tradition in der Philosophie hat wäre, inwieweit der cartesische Dualismus zu überwinden ist bzw. in welchem Verhältnis Geist und Materie/Körper zueinander stehen, so dass ihr Zusammenhang möglich gemacht wird. Der Materialismus bzw. Positivismus einerseits, sowie der Idealismus andererseits wären in dieser Hinsicht in gleichem Maße Reduktionen der cartesischen Ansicht auf einen der entgegengesetzten Pole.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Leib als Konstitutionsort des Bewusstseins
3. Körperschema als implizites Strukturmoment des Bewusstseins
3.1 Körperschema und Körperbild
3.2 Das Körperschema
4. Fazit
5. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Überwindung des cartesianischen Dualismus von Körper und Geist durch eine phänomenologische Analyse der Leiblichkeit, wobei die Rolle des Körperschemas bei der Gestaltung des Bewusstseins im Zentrum steht.
- Phänomenologische Neudefinition des Leibes
- Differenzierung zwischen Körperschema und Körperbild
- Die konstituierende Rolle der Verkörperung für das Selbstbewusstsein
- Kritik an intellektualistischen Auffassungen des Bewusstseins
- Systemdenken als Ansatz zur Verbindung von Subjekt und Welt
Auszug aus dem Buch
3.1 Körperschema und Körperbild
In der kognitionspsychologischen Literatur wird die Herausbildung des Selbstbewusstseins bzw. das Anzeichen für die Anerkennung im Bewusstsein des Kindes, dass es einen individuellen Organismus darstellt und sich von den Anderen sowie von der Welt absondert, an dem Moment der Erkennung des eigenen Spiegelbildes festgemacht. Dieses Ereignis findet mit einer gewissen Varianz zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat statt und ist mit einer Koordination zwischen der Propriozeption, Motorik und dem visuellen Input korreliert. Mit anderen Worten, erst wenn das Kind imstande ist, eine Synchronie zwischen seiner Propriozeption, kinaesthetischen Empfindungen, eigenen Bewegung und seinem Spiegelbild zu verfolgen, bildet sich sein Selbstbewusstsein aus. Es ist leicht zu erkennen, dass dieser Prozess von einer Reihe von Voraussetzungen abhängt: einerseits gibt es schon vor der Begegnung mit dem Spiegelbild ein Gespür für den eigenen Leib durch die Propriozeption und den motorischen Prozessen.
Andererseits sind Teile des Gesamtbildes (des eigenen Leibes) durch die visuelle Wahrnehmung von den einzelnen Gliedern präfiguriert. Somit gibt es schon vor dem Spiegelereignis eine fragmentäre Präsenz des Körperbildes.
Dieses fragmentarische Bild, sowie ein rudimentäres Gespür für das “hier” des eigenen Leibes sind notwendige Voraussetzungen dafür, dass das Ereignis des Spiegelstadiums, wodurch ein holistisches Bild des eigenen Leibkörpers bewusst wird, überhaupt in einer adäquaten Weise stattfinden kann. Ohne den leiblichen Nullpunkt, der die räumliche Orientierung des Subjekts konfiguriert, wäre die gesamte Koordination und die anschließende Identifizierung mit dem gesehenen Spiegelbild nicht möglich (bzw. Fehlidentifizierungen würden vorkommen), was darauf hinweist, dass es ein mindestens elementares Körperschema besitzt. Das Körperschema als eine ursprüngliche Komponente der leiblichen Situierung, das unthematisch die Erfahrung des Subjekts formt macht (m.E.) erst möglich, dass sich das Bewusstsein vom eigenen Körper und seine Einbettung in der weltlichen Bedeutungszusammenhang in der Weise herausbildet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Körper-Geist-Dualismus ein und stellt die These auf, dass Bewusstsein primär auf die leibliche Schnittstelle zwischen Körper und Welt zurückzuführen ist.
2. Der Leib als Konstitutionsort des Bewusstseins: Dieses Kapitel arbeitet anhand von Husserl und Merleau-Ponty heraus, warum der Leib mehr als ein bloßes Ding ist und wie er als Orientierungszentrum fungiert.
3. Körperschema als implizites Strukturmoment des Bewusstseins: Das Kapitel analysiert das Körperschema als unthematische Wissensform und grenzt es vom bewussten Körperbild ab.
3.1 Körperschema und Körperbild: Hier wird der Prozess der Selbstbewusstseinsbildung durch die Spiegelbilderkennung und die Bedeutung der Propriozeption untersucht.
3.2 Das Körperschema: Dieses Kapitel vertieft das Verständnis des Körperschemas als motorische Intentionalität und veranschaulicht dessen Funktion an pathologischen Beispielen wie dem des Patienten Jan Watermann.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und fordert eine Revision des Bewusstseinsbegriffs hin zu einem erweiterten System, das Subjekt und Welt integriert.
5. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Körperschema, Körperbild, Leiblichkeit, Bewusstsein, Embodied Cognition, Cartesianischer Dualismus, Phänomenologie, Merleau-Ponty, Husserl, Propriozeption, Selbstbewusstsein, motorische Intentionalität, Weltbezug, Affordanzen, Verkörperung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der traditionellen Trennung von Körper und Geist (Dualismus) auseinander und argumentiert, dass menschliches Bewusstsein fundamental in der Leiblichkeit und im aktiven Bezug zur Welt verankert ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die phänomenologische Untersuchung der Wahrnehmung, die theoretische Differenzierung von Körperbild und Körperschema sowie die Konstitution von Selbstbewusstsein durch leibliche Erfahrung.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Dualismus zu überwinden und Bewusstsein als ein System zu definieren, das sich an der Schnittstelle zwischen einem agierenden Organismus und seiner Umwelt bildet.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine phänomenologische Analyse angewandt, die sich primär auf die Theorien von Edmund Husserl und Maurice Merleau-Ponty stützt und diese durch aktuelle kognitionswissenschaftliche Ansätze ergänzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst die Bedeutung des Leibes als Konstitutionsort des Bewusstseins beleuchtet, bevor das Konzept des Körperschemas als implizites Strukturmoment detailliert analysiert und vom expliziten Körperbild abgegrenzt wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die wichtigsten Begriffe sind Körperschema, Körperbild, Leiblichkeit, Embodied Cognition, motorische Intentionalität und die Überwindung des cartesianischen Dualismus.
Wie unterscheidet der Autor zwischen Körperschema und Körperbild?
Das Körperbild wird als ein expliziter, visueller Inhalt oder eine Repräsentation verstanden, während das Körperschema ein unthematisches, sensomotorisches Wissen darstellt, das die Ausrichtung des Leibes in der Welt steuert.
Welche Rolle spielen pathologische Fälle für die Argumentation?
Fallbeispiele wie der Patient Jan Watermann dienen dazu, die Funktion des Körperschemas aufzuzeigen, indem sie belegen, dass ohne ein intaktes Körperschema jede Bewegung mühsam kognitiv-repräsentational ausgeglichen werden muss, was die Natürlichkeit des Handelns beeinträchtigt.
- Arbeit zitieren
- Daniela Schneider (Autor:in), 2016, Leiblichkeit als Konstitutionsort des Ichs. Die Rolle des Körperschemas bei der Gestaltung des Bewusstseins, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/338389