Die vorliegende Hausarbeit thematisiert die divergierenden Erzählstrukturen im klassischen und nachklassischen Artusroman. Dabei liegt ein Fokus auf der von der älteren germanistischen Artusforschung angelegten Schablone des Doppelwegs mit Symbolstruktur, sowie der Verwerfung ebendieser übergeordneten Erklärungsstruktur zugunsten eines späteren Artusromans, der sich in jüngeren Forschungsansätzen durch seine Öffnung hin zu mehr fiktionalem Freiraum auszeichnet. Der Analyse zu dieser gattungsimmanenten Dynamisierung liegt – neben der verwendeten Sekundärliteratur – Wirnt von Grafenbergs „Wigalois“ als Fundament der Untersuchung zugrunde. Als hierbei entscheidendes Konstituens wird die Untersuchung der abweichenden Darstellungen des Protagonisten der Handlung eine Vorrangstellung einnehmen und der Versuch unternommen, den aufgrund seines linear verlaufenden Handlungsstrangs als defizitär ausgewiesenen „Wigalois“ zu einem progressiven Fortschritt innerhalb der literarischen Reihe auszuweisen.
Der Aufbau der Arbeit gliedert sich in einen Dreischritt: In einem ersten Schritt gilt es, Besonderheiten und strukturelle Merkmale der früheren sogenannten Gipfelromanen der Artusliteratur ausfindig zu machen und forschungsgeschichtliche Etappen bezüglich der sinnvermittelnden Symbolstruktur zu untersuchen. Darauf folgend nehme ich Bezug auf kritische Schriften in der jüngeren germanistischen Mediävistik, welche die von Hugo Kuhn eingeführte Symbolstruktur zu relativieren und andere Zugänge zur Erschließung der intra- und intertextuellen Bezüge in den Artuswerken freizulegen versuchen. Der Hauptteil meiner Untersuchungen liegt in der Analyse des „Wigalois“ auf personenorientierte Indizien hin, die einen divergierenden Heldentypus offenbaren und die Erzähltechnik des Wirnt von Grafenberg als progressiven Fortschritt in der Artuserzählung plausibel erklären können. Dabei soll eine Argumentation entwickelt werden, die einer Zuschreibung als defizitär epigonales Werk entgegen wirken kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gattungs- und Strukturmerkmale des Artusromans
3. Kritiken zur Symbolstruktur
4. Wigalois
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erzählstrukturen im nachklassischen Artusroman, insbesondere am Beispiel des „Wigalois“ von Wirnt von Grafenberg, und hinterfragt dabei die in der älteren Forschung dominierende Schablone des Doppelwegs mit Symbolstruktur zugunsten eines offeneren, fiktionalen Freiraums.
- Vergleich von klassischen und nachklassischen Erzählstrukturen
- Kritische Auseinandersetzung mit der Symbolstruktur nach Hugo Kuhn
- Analyse des „Wigalois“ als progressiver Beitrag zur Artusliteratur
- Untersuchung des Heldentypus und der Erzähltechnik bei Wirnt von Grafenberg
- Kontextualisierung des nachklassischen Artusromans in der literarischen Reihe
Auszug aus dem Buch
4. Wigalois
Vor dem Hintergrund der kritischen Auseinandersetzungen, die sich vermehrt einer dogmatisch strukturalistischen Interpretationshoheit gegenüber der Artusliteratur entgegensetzen, soll der nachklassische Artusroman, am Beispiel vom Wigalois des Wirnt von Grafenberg, untersucht werden. Dieser soll dabei in den literaturgeschichtlichen Zusammenhang eingeordnet und anhand neuerer Forschungsansätze der germanistischen Mediävistik im Hinblick auf die vermeintliche Epigonalität - in der pejorativen Verwendung des Begriffs - untersucht werden.
Über die Datierung und den Auftraggeber des Wigalois sind bisher in der Forschung noch keine gesicherten Erkenntnisse angelangt. Doch seit dem grundlegenden Aufsatz von Friedrich Neumann gilt dessen Ergebnis als allgemein anerkannt: „Wirnt hat den ‚Wigalois‘ um oder gleich nach 1210 begonnen und um das Jahr 1215 vollendet. Es geschah im gesellschaftlichen Umkreis des Herzogs Otto I. von Meranien [...].“ Mit den zeitlichen Abständen der Artusromane voneinander, stellt sich die Frage, inwieweit der Wigalois mit den Prätexten von Hartmann von Aue und Wolfram Eschenbach in einer „dynamischen literarischen Reihe“ stehe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt das Forschungsvorhaben, die divergierenden Erzählstrukturen zwischen klassischem und nachklassischem Artusroman zu untersuchen und den „Wigalois“ als progressives Werk neu zu bewerten.
2. Gattungs- und Strukturmerkmale des Artusromans: Dieses Kapitel erläutert das traditionelle Modell des Doppelwegs sowie die forschungsgeschichtliche Einordnung des Artusromans als klassisch oder nachklassisch.
3. Kritiken zur Symbolstruktur: Hier werden kritische Stimmen der neueren Mediävistik vorgestellt, die das starre Modell der Symbolstruktur zugunsten einer personenorientierteren Lesart relativieren.
4. Wigalois: Das Kapitel analysiert den „Wigalois“ von Wirnt von Grafenberg hinsichtlich seines speziellen Heldentypus und der narrativen Technik, die sich vom vorgegebenen Schema der Prätexte emanzipiert.
5. Fazit: Das Fazit schlussfolgert, dass der „Wigalois“ einen eigenständigen, nachklassischen Artusroman darstellt, der sich durch einen neuen Typus von Protagonisten neue fiktionale Freiräume schafft.
Schlüsselwörter
Artusroman, Wigalois, Wirnt von Grafenberg, Symbolstruktur, Doppelwegmodell, nachklassische Literatur, Gattungsgeschichte, Erzählstruktur, Heldentypus, Fiktionalität, Intertextualität, Rezeptionserwartung, Mediävistik, Identität, höfische Epik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Unterschiede zwischen der Erzählweise klassischer und nachklassischer Artusromane und fokussiert dabei auf die Überwindung traditioneller Interpretationsmuster.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Gattungspoetik des Artusromans, die Kritik am strukturalistischen Modell der Symbolstruktur und die spezifische Ausgestaltung des Helden im „Wigalois“.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den „Wigalois“ von dem Vorwurf der „Epigonalität“ zu befreien und als ein Werk aufzuzeigen, das innerhalb der Artusliteratur einen progressiven Fortschritt darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sich auf neuere Forschungsansätze stützt, um den Primärtext kritisch im Kontext seiner Gattung und Tradition zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den „Wigalois“ auf personenorientierte Indizien, die einen divergierenden Heldentypus und eine modernere Erzähltechnik offenbaren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Charakterisierende Begriffe sind unter anderem Artusroman, Symbolstruktur, Doppelweg, Wirnt von Grafenberg, fiktionale Freiräume und nachklassische Literatur.
Wie definiert die Autorin den „hybriden Helden“ im Wigalois?
Der „hybride Held“ zeichnet sich durch seine enorme Perfektion und seine Fähigkeit aus, verschiedene Rollen – vom ritterlichen Abenteurer bis hin zum fast messianischen Heilsbringer – je nach den Erfordernissen der jeweiligen Welt anzunehmen.
Warum wird der „Wigalois“ laut der Arbeit nicht als strukturloses Werk angesehen?
Obwohl er sich von strengen Mustern löst, bleibt der „Wigalois“ Teil einer literarischen Reihe, die Motive und Handlungselemente ihrer Vorgänger integriert und auf einer tieferen Ebene durch Symbolik und neue Verweisstrukturen organisiert ist.
- Quote paper
- Philipp Falk (Author), 2016, Erzählstrukturen im Artusroman. Von der dogmatischen Symbolstruktur im klassischen Artusroman zu den fiktionalen Freiräumen des "Wigalois", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/338097