Nicht erst Bram Stokers revolutionärer und viel rezipierter Roman "Dracula" stellt einen Vampir in das Zentrum der Handlung. Vielmehr fasziniert die Vorstellung von – bis zu Stoker allerdings vor allem weiblichen – Vampirgestalten Dichter, Historiker, Wissenschaftler und Märchenerzähler.
In der vorliegenden Arbeit werden anhand der Erzählung "Die liebende Tote" von Théophile Gautier nicht nur die Gestaltung der weiblichen Hauptfigur, sondern auch intertextuelle Bezüge untersucht, die die Rezeption des Vampirmythos in ihren unterschiedlichen Facetten deutlich machen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Das Motiv der liebenden Toten bei Gautier
1.1 Clarimonde und Romuald: Versuch einer Charakterisierung
1.2 Clarimonde als Vampirin
2. Vergleich Clarimondes mit anderen Vampirgestalten
2.1 Clarimonde und die Empuse
2.2 Clarimonde und „Die Braut von Korinth“
2.3 Clarimonde und Janthe
2.4 Clarimonde und Aurelie
III. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Vampirmotiv in Théophile Gautiers Erzählung „Die liebende Tote“ aus dem Jahr 1836. Dabei liegt der Fokus auf der Charakterisierung der Protagonisten Clarimonde und Romuald, der Rolle des Abbé Serapion sowie einer intertextuellen Einordnung der Vampirfigur in den Kontext literarischer Vorbilder und des Konflikts zwischen Antike und Christentum.
- Konstrukt des weiblichen Vampirs bei Gautier
- Die Täter-Opfer-Dynamik zwischen Clarimonde und Romuald
- Symbolik der Lichtbringerin und des Sündenfalls
- Intertextueller Vergleich mit Empuse, „Braut von Korinth“, Janthe und Aurelie
- Kritik an kirchlicher Dogmatik und Askese
Auszug aus dem Buch
1.1 Clarimonde und Romuald: Versuch einer Charakterisierung
Da wir Clarimondes Beschreibung aus dem Munde Romualds im Rahmen einer Art Lebensbeichte erhalten, sie somit rein subjektiv und im Wissen um die späteren Geschehnisse erfolgt, ist es nicht möglich, eine Charakterisierung der beiden Protagnonisten getrennt voneinander vorzunehmen. Vielmehr wird es unumgänglich sein, die Beschreibung Clarimondes aus Romualds Mund im Lichte seiner Selbsteinschätzung sowie des Verlaufs der Geschehnisse zu beleuchten.
Romuald berichtet im Alter von 66 Jahren einem jüngeren Bruder von seiner Liebe zu Clarimonde, die er als Novize und junger Pfarrer im Alter von 24 Jahren empfand.
Er begegnet Clarimonde zum ersten Mal im Augenblick seiner Priesterweihe, die er anfangs als das Ziel seines bisherigen jungen Lebens bezeichnet. Denn sein Leben, so Romuald, sei „bis zum vierundzwanzigsten Lebensjahr nichts anderes, als ein langes Noviziat“ gewesen. Vielmehr noch macht er im Folgenden deutlich, was für ein unschuldiges, rein geistliches Leben er führte, bis er endlich die Nachricht erhielt, ins Priesteramt berufen worden zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik des weiblichen Vampirmotivs ein, skizziert die historische Entwicklung des Motivs und benennt die Zielsetzung der Arbeit, Clarimonde als liebende Tote zu analysieren.
II. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Figurenkonstellation in Gautiers Erzählung sowie den intertextuellen Vergleich Clarimondes mit klassischen Vampirgestalten der Literaturgeschichte.
1. Das Motiv der liebenden Toten bei Gautier: Dieses Kapitel charakterisiert die Protagonisten und beleuchtet die vielschichtige Beziehung zwischen dem Priester Romuald und der Vampirin Clarimonde.
1.1 Clarimonde und Romuald: Versuch einer Charakterisierung: Die Untersuchung zeigt auf, dass Romuald als treibende Kraft der Beziehung agiert und sich Clarimonde als Erkenntnisbringerin und positive Figur entpuppt, entgegen der traditionellen Dämonisierung.
1.2 Clarimonde als Vampirin: Hier wird analysiert, wie Clarimonde trotz ihrer vampirischen Natur rücksichtsvoll agiert und in welchem Maße sie als Symbol für den Konflikt zwischen antiker Lebenslust und christlicher Askese steht.
2. Vergleich Clarimondes mit anderen Vampirgestalten: In diesem Abschnitt wird Clarimonde in einen größeren literarischen Kontext gestellt, um ihre Besonderheit gegenüber klassischen Vorbildern hervorzuheben.
2.1 Clarimonde und die Empuse: Ein Vergleich mit der „Empuse“ des Philostratos verdeutlicht den Unterschied zwischen einer bösartigen Dämonin und der bei Gautier positiv gezeichneten Clarimonde.
2.2 Clarimonde und „Die Braut von Korinth“: Die Analyse von Goethes Werk zeigt Parallelen im Konflikt zwischen alten Göttern und Christentum, wobei auch hier die Erlösungsthematik und der gesellschaftliche Zwang zentral sind.
2.3 Clarimonde und Janthe: Durch den Vergleich mit Janthe aus Polidoris „Der Vampyr“ wird Clarimondes Eigenschaft als Unschuld und Reinheit verkörpernde Figur untermauert.
2.4 Clarimonde und Aurelie: Die Untersuchung von Hoffmanns „Cyprians Erzählung“ zeigt Parallelen in der Konstruktion der weiblichen Figur, die ihre Geliebten durch narkotische Mittel vor dem Schock ihrer wahren Natur schützen will.
III. Zusammenfassung und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen: Clarimonde ist eine positive, mythologisch komplexe Figur, deren Konstruktion eine deutliche Kritik an der dogmatischen christlichen Kirche darstellt.
Schlüsselwörter
Vampirmotiv, Théophile Gautier, Die liebende Tote, Clarimonde, Romuald, Literaturwissenschaft, Intertextualität, Aufklärung, Antike, Christentum, Dämonisierung, Romantik, Vampirismus, Askese, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Vampirmotiv in der Erzählung „Die liebende Tote“ von Théophile Gautier und untersucht, wie der Autor das traditionelle Vampirbild durch eine positive, vielschichtige Frauenfigur ersetzt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Täter-Opfer-Dynamik, der Gegensatz von Antike und Christentum, die Symbolik von Licht und Aufklärung sowie die intertextuellen Bezüge zu anderen Vampirgeschichten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu belegen, dass Clarimonde keine bösartige Dämonin ist, sondern eine positiv besetzte Figur, die als Mittel zur Kritik an der restriktiven christlichen Dogmatik dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden eine textimmanente Analyse der Charaktere und eine intertextuelle Vergleichsanalyse mit Werken wie Goethes „Braut von Korinth“ oder Polidoris „Der Vampyr“ angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Charakterisierung von Clarimonde und Romuald, die Rolle von Abbé Serapion als moralischer Gegenspieler sowie den Vergleich mit literarischen Vorläuferfiguren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Vampirmotiv, Clarimonde, Romuald, Intertextualität, Christentum, Antike, Literaturwissenschaft und Identitätskonflikt.
Wie spielt Abbé Serapion eine Rolle bei der Dämonisierung Clarimondes?
Serapion fungiert als dogmatischer Hetzer, der das Bild der bösen Dämonin erst konstruiert und Romuald durch seine christliche Moralvorstellung zur rituellen Zerstörung Clarimondes drängt.
Warum wird Romuald in der Arbeit selbst als "Täter" gesehen?
Da Romuald Clarimonde durch einen Kuss aus dem Totenreich zurückholt und aus eigenem Antrieb ein Doppelleben zwischen Priesteramt und weltlichem Luxus führt, wird er als treibende Kraft und nicht nur als passives Opfer dargestellt.
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- Judith Aurer (Author), 2006, Das Vampirmotiv in Théophile Gautiers „Die liebende Tote“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/334636