Der Diskurs um die Arbeitslosigkeit hält die Nation in seinem Bann. Nicht nur, weil sich die Situation am Arbeitsmarkt dramatisch zuspitzt1, sondern auch weil jeder Bundesbürger direkt oder indirekt von der Erwerbslosigkeit betroffen ist. Seien es die Arbeitslosen selbst, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, seien es die Steuerzahler, welche für die zusätzlichen Belastungen aufkommen müssen, seien es die Rentner, welche sich mit faktischen Kürzungen ihrer Bezüge abfinden müssen, seien es Schüler und Studenten, die Einschnitten ins Bildungssystem fürchten müssen, seien es die Gewerkschaften, welche aufgrund gesunkener Mitgliederzahlen Legitimitätseinbußen hinzunehmen haben, oder seien es die Bundes- und Länderregierung(en), welche aufgrund ihres „Versagens“ um ihre Wiederwahl bangen müssen. Jedweder Diskurs – so auch derjenige um die Arbeitslosigkeit – wird von Sprechern und Repräsentanten verschiedener sozialer Gruppen getragen und über die Medien vermittelt2. Im Rahmen des Proseminars „Kommunikation, Medien und Kultur – Printmedien und öffentliche Diskurse“ stellten sich daher primär zwei Fragen: 1. Welche Funktionen erfüllen die einzelnen Printmedien im Diskurs bzw. beschränken sich diese Medien ausschließlich auf ihre Vermittlerfunktion? Und 2. Welche Funktion kommt den auftretenden Akteuren zu? Ziel der folgenden Ausführungen ist es, Antworten auf diese beiden Fragen zu finden. Um die abschließenden Ergebnisse nachvollziehen und beurteilen zu können, ist es jedoch nötig, sich zunächst einen Überblick über den exakten Forschungsgegenstand sowie über das geplante Vorgehen zu verschaffen.
Inhaltsübersicht
Die Arbeitslosigkeit im Diskurs
1. Daten und Vorgehen
2. Das Vorverständnis des Forschers
3. Quantitative Analyse
3.1 Wichtigkeit/Relevanz des Themas
3.2 Umfang der Berichte
3.3 Aufmachung
3.4 Standardisierung der Berichterstattung
3.5 Komplexität der Sprache
3.6 Drucktechnische Besonderheiten
3.7 Einsatz von Mitteln zur Vereinfachung der Informationsverarbeitung
3.8 Zusammenfassung
4. Qualitative Analyse
4.1 Themenstruktur
4.1.1 globale Themenstruktur
4.1.2 Haupt- und Nebenthemen
4.1.3 Thematische Veränderungen
4.1.4 Zusammenfassung
4.2 Analyse der Berichterstattung
4.2.1 Einzelanalyse der Berichte
4.2.2 Kritik an der Einzelanalyse
4.2.3 Zusammenfassung der Ergebnisse der Einzelanalyse
4.3 Akteurszentrierte Analyse
4.3.1 Auftretende Akteure
4.3.2 Akteure im Wandel der Zeit
4.3.3 Die Äußerungen der Akteure vor dem Hintergrund ihrer Interessen, Wertestrukturen und Funktionen
4.3.4 Zusammenfassung
5. Fazit und abschließende Kritik
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den medialen Diskurs über Arbeitslosigkeit im "Fränkischen Tag" im Zeitraum von 1964 bis 2000 mit dem Ziel, die Funktionen des Mediums sowie die Rolle der beteiligten Akteure zu rekonstruieren und zu analysieren.
- Mediale Vermittlungs- und Deutungsfunktionen bei der Berichterstattung über Arbeitsmarktprobleme
- Entwicklung und Wandel der thematischen Struktur im Untersuchungszeitraum
- Einfluss von Akteuren wie Bundesanstalt für Arbeit, politischen Parteien und Wirtschaftsvertretern auf den Diskurs
- Qualitative und quantitative Analyse von Zeitungsberichten mittels standardisierter Analysemethoden
- Untersuchung von Tendenzen zur Dramatisierung, Emotionalisierung oder Manipulation in der Berichterstattung
Auszug aus dem Buch
64/2: Arbeitslosenquote unter zwei Prozent abgesunken
Der Aufbau von 64/2 folgt zunächst dem top-down Schema, das bereits in Überschrift und Lead deutlich wird. An erster Stelle steht das Hauptereignis (Verringerung der Arbeitslosenquote), gefolgt von dessen Bedingungsfaktor (Wetter) und einer Bewertung der jetzigen Situation (Erwartungen nicht erfüllt). Diese Abfolge wird im weiteren Verlauf jedoch geändert: Zunächst wird das Wetter angeführt, um davon ausgehend die Situation in den einzelnen Branchen zu schildern. So heißt es beispielsweise: „Der neuerliche Kälteeinbruch ... Arbeitsunterbrechungen verursacht.“, „Der witterungsbedingte Arbeitsausfall...“, „Durch das Frostwetter sind...“, „Das noch unfreundliche Wetter hat die Nachfrage...gedämpft.“ Durch diesen Bruch wird eine – funktionale als auch konditionale – Kohärenz erzielt; funktional, weil die einzelnen Textabschnitte mit dem Ausgangspunkt des Textes verbunden und somit in ein Ganzes integriert werden, und konditional, weil die jeweilige Situation in den einzelnen Branchen explizit auf eine Ursache zurückgeführt wird.
Diese Kohärenz kann jedoch nur durch eine künstliche Ausweitung des Textumfangs (durch ständige Betonung ein und derselben Ursache) erreicht werden. Dafür wird das Thema durch dieses Vorgehen sehr anschaulich vermittelt. Das Abstraktum der „Arbeitslosigkeit“ wird aufgegliedert in nachvollziehbare Situationsschilderungen (der Bauindustrie, der Forst- und Landwirtschaft, der Modebranche, usw. ...), wodurch das kollektive Phänomen Arbeitslosigkeit auch auf eine persönliche Ebene (die der einzelnen Arbeiter in den jeweiligen Berufen) überführt und verständlich gemacht wird. Dabei wird eine zahlenlastige Darstellung weitgehend vermieden. Sofern Zahlen angeführt werden, so bewegen sich auch diese im Bereich des Vorstellbaren (die größte Zahl ist 2110). Zusätzlich werden sie vom Autor durch Vergleiche und Bewertungen erläutert: „Der (...) Bestand an zu besetzenden Arbeitsplätzen war (...) etwa gleich groß wie Ende Februar“; „Verglichen mit Ende Februar war die neue Arbeitslosenzahl um knapp ein Drittel kleiner.“ „Seinerzeit waren schon weniger Bauarbeiter (...) arbeitslos gemeldet.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Daten und Vorgehen: Dieses Kapitel erläutert die methodische Herangehensweise und die Auswahlkriterien der untersuchten Zeitungsartikel für den Zeitraum 1964 bis 2000.
2. Das Vorverständnis des Forschers: Hier reflektiert der Autor sein persönliches Vorwissen und seine Erwartungshaltungen an die Berichterstattung über Arbeitslosigkeit in einer globalisierten Informationsgesellschaft.
3. Quantitative Analyse: Dieser Teil befasst sich mit der statistischen Auswertung äußerer Merkmale wie Platzierung, Umfang, Aufmachung und sprachlicher Komplexität der Artikel.
4. Qualitative Analyse: Dieser Hauptteil untersucht die Themenstruktur, die argumentative Struktur der Berichte anhand des van Dijk-Modells sowie das Verhalten und die Äußerungen der beteiligten Akteure.
5. Fazit und abschließende Kritik: Das Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen, beantwortet die Forschungsfragen und reflektiert kritisch über die Grenzen der gewählten Untersuchungsmethode.
Schlüsselwörter
Arbeitslosigkeit, Fränkischer Tag, Mediendiskurs, Bundesanstalt für Arbeit, Konjunktur, Arbeitsmarktpolitik, Inhaltsanalyse, Printmedien, Akteure, Themenstruktur, politische Berichterstattung, Informationsgesellschaft, Zeitungsanalyse, Deutschland, Regionalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit rekonstruiert und analysiert den medialen Diskurs über Arbeitslosigkeit, wie er sich in der Regionalzeitung "Fränkischer Tag" zwischen 1964 und 2000 widerspiegelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen, die Ursachensuche für Arbeitslosigkeit (z.B. Konjunktur, Wetter, Politik), sowie die Art und Weise der medialen Vermittlung dieser komplexen Zusammenhänge.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Forschungsfrage zielt darauf ab, welche Funktionen das Printmedium im Diskurs einnimmt und welche spezifischen Rollen sowie Äußerungen den auftretenden Akteuren (wie Politikern oder Vertretern der Bundesanstalt für Arbeit) zukommen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine quantitative Analyse äußerer Textmerkmale mit einer qualitativen Analyse der Themenstruktur und Argumentationsmuster, unter Einbeziehung akteurszentrierter Auswertungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil (Kapitel 3 und 4) erfolgt die detaillierte quantitative Erfassung technischer Merkmale (Umfang, Aufmachung) und eine fundierte qualitative Interpretation von Einzelberichten unter Anwendung von Modellen zur Diskursanalyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Arbeitslosigkeit, Mediendiskurs, Zeitungsanalyse, politisches Agieren und die Rolle der Bundesanstalt für Arbeit charakterisieren.
Wie bewertet der Autor die Neutralität des "Fränkischen Tags"?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Zeitung im Wesentlichen eine neutrale und ausgewogene Berichterstattung wahrt, wobei sie sich durch den Verzicht auf standardisierte Agenturberichte eine gewisse redaktionelle Eigenständigkeit bewahrt.
Was ist das Ergebnis zur Rolle der politischen Akteure?
Die Analyse zeigt, dass politische Akteure im Zeitverlauf häufiger auftreten, jedoch oft pauschale, interessengeleitete Aussagen treffen, die weniger zur Problemlösung beitragen, als vielmehr der Selbstdarstellung oder dem Wählerstimmenfang dienen.
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- Sebastian Wiesnet (Autor:in), 2004, Arbeitslosigkeit im Diskurs - Der Fränkische Tag in der Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/33447