1984 beschäftigte sich in Kiel innerhalb des 9. Kongresses der „Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft“ eine Arbeitsgemeinschaft im Rahmen der Kantrezeption mit dem derzeitigen Verhältnis von Pädagogik und praktischer Philosophie. Professor Dr. Rudolf Schottländer referierte über das Thema „Tugendpragmatik statt Pflichtenrigorismus“. 1 Dabei macht er einen Exkurs zu Werken von Spinoza, Nicolai Hartmann, Josef Pieper und Kant, die in der Geschichte philosophische Versuche unternommen haben, den Tugendbegriff in seinen Grundlagen zu erfassen und zu erklären. Zuerst stellt er die menschliche Seite der Tugend in den Vordergrund, um zur Definition der ethischen Tugend zu gelangen. Dann nimmt er zur Tugend der Gerechtigkeit Stellung. Über den Begriff „Eukairia“ gelangt Schottlaender schließlich zum kategorischen Imperativ Kants und zur ethischen Verantwortung jedes Einzelnen, wobei das sittliche Verhalten darauf bedacht sein sollte, die rechte Mitte zu treffen. Die Pflicht bildet bei Kant den zentralen Begriff seiner Ethik und über die Stellungnahme der Tugend zur Pflicht gelangt Schottlaender zum kantischen Apriorismus. Am Schluß entfernt sich Schottlaender von der Erkenntnis a priori und erläutert seine Auffassung vom sittlich Guten.
Inhaltsverzeichnis
1. Begriffsbestimmung: Tugend
2. Definition der ethischen Tugend
2.1. Affekte
3. Gerechtigkeit
4. Eukaira
4.1. Imperativ
4.2. Die rechte Mitte
5. Pflicht
5.1. Einstellung
6. Der Kantische Apriorismus
7. Schottländers Auffassung vom sittlich Guten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Rudolf Schottländers tugendethischen Ansatz, welcher als Gegenentwurf zum kantischen Pflichtenrigorismus konzipiert ist. Ziel ist es, die philosophische Herleitung des Tugendbegriffs bei Schottländer zu analysieren und zu prüfen, inwiefern dieser eine praktische Anwendung in der pädagogischen Erziehung finden kann, anstatt sich rein auf a priori formulierte Prinzipien zu stützen.
- Vergleich zwischen Tugendpragmatik und Pflichtenethik nach Kant
- Integration affektiver Komponenten (in Anlehnung an Spinoza) in die Tugendlehre
- Die Rolle der "rechten Mitte" und der Situationseinschätzung (Eukaira)
- Kritische Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Tugend für pädagogische Kontexte
Auszug aus dem Buch
2.1. Affekte
Welches sind die Elementaraffekte bei Spinoza? Mit einer „geometrischen Methode“, d. h. die Handlungen und Triebe des Menschen, mit Linien, Flächen und geometrischen Körpern gleichzusetzen, versucht er die Natur und die Kräfte der Affecte zu ergründen, ebenso welche Macht der Geist dabei einnimmt, weil Spinoza festgestellt hat, daß alle Affecte, die negativen sowie die positiven“ aus derselben Notwendigkeit und Kraft der Natur erfolgen“, und deshalb „der Erkenntnis würdig“ sind.16
Der Dritte Teil der Ethik „Von dem Ursprung und der Natur der Affecte“ gibt eine Anweisung der möglichen seelischen Zustände. Bei der Definition des Begriffs „Affect“ unterscheidet Spinoza zwischen zwei Affekten. Zum einen die „Affectionen des Körpers“ als Tätigkeit und zum anderen die „Vorstellung dieser Affectionen“ als Leidenschaft.17 Aus dem „Postulata“ betrachte ich lediglich die Abschnitte, die sich auf die Tugenden beziehen.
Spinoza geht in „Propositio LV.“ Davon aus: „Cum Mens suam impotentiam imaginatur, eo ipso contristatur“({138-182/139-183}Zeile 4-5).18 „Tristitiam“ wird in der Übersetzung als Unlust aufgefaßt, aber die Bedeutung von Leid (Schmerz, Betrübnis), wie sie Schottlaender versteht, ist treffender. So entsteht das Leid aus der geistigen Vorstellung keine Fähigkeit auf dem betreffendem Gebiet zu haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begriffsbestimmung: Tugend: Einführung in Schottländers Bestreben, Tugend als allgemein menschliche Grundeinstellung fernab dogmatischer Vorgaben zu definieren.
2. Definition der ethischen Tugend: Vorstellung von Tugend als bestmögliche Einstellung, die Affekte korrigiert und zur Pflichterfüllung befähigt.
2.1. Affekte: Untersuchung der spinozistischen Affekttheorie und deren Adaption für die Entwicklung von Elementartugenden.
3. Gerechtigkeit: Abgrenzung von der aristotelischen, mathematisch orientierten Gerechtigkeit hin zu einem Verständnis von Mitmenschlichkeit.
4. Eukaira: Erörterung des Konzepts des "rechten Augenblicks" als Bewährungsbereich für tugendhaftes Handeln.
4.1. Imperativ: Auseinandersetzung mit Kants Kategorischem Imperativ und dessen Fallbeispielen.
4.2. Die rechte Mitte: Anwendung der aristotelischen Lehre der Mitte auf Schottländers Modell der situativen Tugendbewährung.
5. Pflicht: Analyse des Pflichtbegriffs im Kontext ethischer Forderungen und menschlicher Wesensverfassung.
5.1. Einstellung: Erläuterung der Bedeutung einer tugendhaften Grundhaltung (Best-Einstellung) für das Handeln.
6. Der Kantische Apriorismus: Kritische Analyse der kantischen Metaphysik der Sitten und deren Unabhängigkeit von empirischen Erfahrungswerten.
7. Schottländers Auffassung vom sittlich Guten: Diskussion über die Notwendigkeit von Erfahrungswerten und Tradition bei der Etablierung einer Tugendlehre.
Schlüsselwörter
Tugendpragmatik, Pflichtenrigorismus, Kant, Schottländer, Ethik, Tugendbegriff, Affekte, Spinoza, Eukaira, rechte Mitte, praktische Vernunft, Tugenderziehung, Charaktertugenden, Apriorismus, Sittlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Rudolf Schottländers philosophische Tugendlehre und setzt sie in den Kontext der Auseinandersetzung mit dem kantischen Pflichtenethik-Modell.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Definition von Tugend, die Rolle von Affekten, das Konzept der situativen Gerechtigkeit sowie die Bedeutung von "Eukaira" (der richtige Zeitpunkt) für das sittliche Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Schottländer versucht, Tugendethik als praktikable Grundlage für pädagogisches Handeln zu etablieren, ohne dabei der starren Vernunftlogik Kants zu unterliegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-analytische Methode, indem sie Begriffe und Thesen von Philosophen wie Kant, Spinoza, Thomas von Aquin und Nicolai Hartmann vergleichend gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bestimmung der Tugend, die Auseinandersetzung mit Affekten, die Kritik an formalistischen Gerechtigkeitsmodellen und die Erörterung des sittlich Guten durch Erfahrung statt rein a priori Erkenntnis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Tugendpragmatik, Pflichtenrigorismus, Affekte, Eukaira und sittliches Bestverhalten.
Wie bewertet Schottländer das Beispiel der Antigone?
Schottländer sieht Antigone als Beispiel für eine tugendhafte Person, deren Scheitern aus einer fehlenden situativen Klugheit (der Nichtbeachtung der Eukaira) resultiert, nicht aus mangelnder moralischer Gesinnung.
Inwiefern unterscheidet sich Schottländers Tugendethik von Kants Philosophie?
Während Kant Moral als strikt a priori aus der reinen Vernunft ableitet, fordert Schottländer die Einbeziehung von Erfahrungswerten und sieht Tugend als eine dynamische, pädagogisch vermittelbare Charaktereigenschaft.
- Arbeit zitieren
- Karoline Kmetetz-Becker (Autor:in), 1998, Zu Rudolf Schottlaenders "Kant: Kritik der praktischen Vernunft - Tugendpragmatik statt Pflichtenrigorismus", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/32472