In der vorliegenden Arbeit soll es nicht um uns, die Leser, gehen, oder darum, wie wir das Vermittelte lesend für uns ermitteln, welche Gefühle wir bei der Lektüre empfinden oder welche Erkenntnisse wir daraus ziehen. Auch nicht darum, zu versuchen, den Holocaust zu lesen oder gar zu verstehen. Die Arbeit hat sich vielmehr zum Ziel gesetzt, Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ und Ruth Klügers autobiographisches Zeugnis „weiter leben“ auf die Rolle des Lesens und der Literatur für die Protagonisten Michael und Hanna und für Ruth Klüger vor dem Hintergrund des Holocaust hin zu untersuchen.
Es soll analysiert werden, welche Emotionen durch (Vor)Lesen, Lesenlernen und Literatur in den jeweiligen Figuren/Personen geweckt werden und welche Bedeutung sie für sich ableiten. Um diese Fragestellung näher zu beleuchten, soll zuvor kurz auf das historisch veränderte Lesen, also auf die Entwicklung vom körperlichen zum mentalen Erleben beim Lesen, eingegangen werden und auf Faktoren, die Leselust oder aber Lesefrust begünstigen können. Anschließend sollen Möglichkeiten zur unterrichtlichen Umsetzung des Themas „Lesen und Literatur bei Schlink und Klüger“ vorgestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ein verändertes Lesen
3 Leselust versus Lesefrust
4 Zur Rolle von Lesen und Literatur bei Schlink und Klüger
4.1 Lesen und Literatur in „Der Vorleser“
4.1.1 Die Bedeutung von Lesen/Vorlesen und Literatur für Michael und Hanna
4.1.2 Die Bedeutung des Lesen- und Schreibenlernens für Hanna
4.2 Lesen und Literatur in „weiter leben“ – Die Bedeutung von Lesen und Literatur für Ruth Klüger
5 Zur unterrichtlichen Umsetzung des Themas „Zur Rolle von Lesen und Literatur bei Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ und Ruth Klügers „weiter leben““
5.1 Einige Überlegungen zur Rolle von Lesen und Literatur im Deutschunterricht
5.2 Einige Ideen zur unterrichtlichen Umsetzung
5.2.1 Einstieg/Hinleitung zum Thema
5.2.2 Erarbeitung I
5.2.3 Erarbeitung II
5.2.4 Reflexion/Evaluation
6 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die existenzielle und identitätsstiftende Bedeutung von Lesen, Vorlesen und Literatur für die Protagonisten in Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ sowie in Ruth Klügers Autobiographie „weiter leben“ vor dem Hintergrund des Holocaust. Dabei steht die Analyse von Emotionen, Machtverhältnissen und Bildungsaspekten durch das (Lese)Erleben im Fokus.
- Bedeutung des (Vor)Lesens für die Identitätsfindung und Machtdynamik
- Einfluss des Analphabetismus auf die Wahrnehmung und Mündigkeit
- Literatur als Überlebenstechnik in Krisensituationen (Holocaust)
- Didaktische Konzepte zur Förderung von Leselust im Deutschunterricht
- Vergleich von fiktionalen und autobiographischen Zeugnissen
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Die Bedeutung von Lesen/Vorlesen und Literatur für Michael und Hanna
Das stille Lesen von Literatur bereitet Michael als Schüler Unlust. Es ist nicht autotelisch, sondern zweckgebunden (vgl. Muth, 1)), ein „Muss“, dem er nur widerwillig und gedankenlos nachgeht, weil in der Schule über die Lektüre eine Klassenarbeit geschrieben wird (S. 42f. 27).
Als er Hanna kennen lernt, ist das laute Vorlesen zunächst wiederum ein „Muss“, da es nicht zweckfrei geschieht („Ich mußte ihr eine halbe Stunde lang „Emilia Galotti“ vorlesen, ehe sie mich unter die Dusche und ins Bett nahm“, S. 43). Das Vorlesen wird zum Bestandteil ihres Rituals („Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bißchen beieinanderliegen […].“, S. 43). Dieses Ritual basiert jedoch auf einem Machtspiel zwischen Hanna und Michael, wobei das Vorlesen für Michael zum Druckmittel wird, um mit Hanna Sex zu haben und um ihr nahe zu sein und Sex für Hanna ein Druckmittel, damit Michael ihr vorliest.
Mit der Welt des Vorlesens schaffen sich die Protagonisten neben dem Sex eine gemeinsame fiktive Welt, in der sie sich treffen. Dennoch bringt diese gemeinsame Welt keine parallelen, sondern entgegengesetzte Empfindungen und Entwicklungen hervor. Michaels sexuelle Lust verschwindet während des Vorlesens; er versucht, bewusst und mit voller Konzentration auf den Text, Hanna über das Lesen Sinn zu vermitteln („Ein Stück so vorzulesen, daß die verschiedenen Akteure einigermaßen erkennbar und lebendig wurden, verlangt einige Konzentration“, S. 43). Die Möglichkeit, im Vorleseprozess sinnstiftend zu intervenieren, verleiht Michael eine ungeheure, auch sexuelle Macht über Hanna, die angesichts Hannas Analphabetismus umso stärker wirken kann. Durch Michaels Einführung in eine vermittelte, fiktive Welt entwickelt Hanna nicht nur sexuelle Lust, sondern auch Empathie: Sie lacht, schnaubt verächtlich, äußert sich empört oder aber beifällig, ist ungeduldig (S. 43). Hanna hört Michael gebannt zu, taucht emotional vollkommen in die Handlung ein, erlebt flow beim Zuhören (vgl. Muth, 5)/6)).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Definition des Lesebegriffs und Hinführung zum Forschungsziel, die Rolle von Literatur in den gewählten Werken zu analysieren.
2 Ein verändertes Lesen: Untersuchung der historischen Entwicklung des Lesens vom körperlichen zum mentalen Erlebnis und die damit verbundene Verstummung des Lesers.
3 Leselust versus Lesefrust: Analyse der Bedingungen für ein „Flow-Erlebnis“ beim Lesen und warum schulischer Zwang häufig Lesefrust erzeugt.
4 Zur Rolle von Lesen und Literatur bei Schlink und Klüger: Anwendung der theoretischen Konzepte auf die Protagonisten Michael, Hanna und Ruth Klüger.
4.1 Lesen und Literatur in „Der Vorleser“: Untersuchung der Machtdynamik durch das Vorlesen und der Wirkung von Literatur auf die Beziehung der Protagonisten.
4.1.1 Die Bedeutung von Lesen/Vorlesen und Literatur für Michael und Hanna: Detaillierte Betrachtung des Vorlesens als zweckgebundenes Ritual und Machtmittel.
4.1.2 Die Bedeutung des Lesen- und Schreibenlernens für Hanna: Analyse von Hannas Analphabetismus als Unmündigkeit und ihre Bildungsreise durch das Erlernen der Schrift.
4.2 Lesen und Literatur in „weiter leben“ – Die Bedeutung von Lesen und Literatur für Ruth Klüger: Untersuchung der Literatur als Überlebensmittel und Identitätsanker während der Verfolgung.
5 Zur unterrichtlichen Umsetzung des Themas „Zur Rolle von Lesen und Literatur bei Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ und Ruth Klügers „weiter leben““: Didaktische Reflexion über die Vermittlung der Thematik im Fach Deutsch.
5.1 Einige Überlegungen zur Rolle von Lesen und Literatur im Deutschunterricht: Abgleich der Lehrplanziele mit der Realität der Leseförderung.
5.2 Einige Ideen zur unterrichtlichen Umsetzung: Konkrete methodische Vorschläge für den Unterricht.
5.2.1 Einstieg/Hinleitung zum Thema: Anknüpfung an die Lebenswelt der Schüler.
5.2.2 Erarbeitung I: Einsatz von projektorientierten Methoden wie Plakatgestaltung und Museumsgängen.
5.2.3 Erarbeitung II: Kreative Aufgabenstellungen zur Empathiebildung und zum Perspektivwechsel.
5.2.4 Reflexion/Evaluation: Methoden zur Rückmeldung und Reflexion des Lernerfolgs.
6 Resümee: Zusammenfassende Darstellung der zentralen Ergebnisse zur existentiellen Bedeutung des Lesens.
Schlüsselwörter
Leselust, Lesefrust, Flow-Erlebnis, Der Vorleser, weiter leben, Holocaust, Analphabetismus, Mündigkeit, Identitätsstiftung, Überlebensmittel, Literaturdidaktik, Empathie, Fremderfahrung, Autotelisches Lesen, Bildungsreise
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Funktion und Bedeutung von Literatur, Lesen und Vorlesen für die Hauptfiguren in Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ und Ruth Klügers Autobiographie „weiter leben“ im Kontext des Holocaust.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Machtdynamik durch Lesen, der Einfluss von Lese- und Schreibfähigkeit auf die persönliche Mündigkeit sowie der Einsatz von Literatur als Überlebensstrategie in Krisenzeiten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu analysieren, welche Emotionen durch Lesen und Literatur geweckt werden und welche Bedeutung diese Prozesse für die Identität und die Lebensbewältigung der Protagonisten haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die theoretische Konzepte (wie das „Flow“-Konzept nach Csikszentmihalyi oder die Mentalitätsgeschichte des Lesens nach Schön) auf die untersuchten Werke anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Lesebiographien von Michael, Hanna und Ruth Klüger und leitet daraus didaktische Vorschläge für den Deutschunterricht ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Leseglück, Flow, Analphabetismus, Mündigkeit, Identitätsstiftung, Holocaust und Literaturdidaktik.
Wie verändert sich Hannas Beziehung zum Lesen im Laufe von „Der Vorleser“?
Hanna entwickelt sich von einer analphabetischen, von Michael abhängigen Zuhörerin zu einer mündigen Leserin, die sich aktiv und selbstbestimmt mit Literatur auseinandersetzt.
Warum nutzt Ruth Klüger Literatur als Überlebenstechnik?
Klüger nutzt das Memorieren von Gedichten und klassischer Literatur als psychologischen Schutzraum, um die extremen Strapazen und das Trauma im Konzentrationslager zu ertragen und ihre Identität zu bewahren.
- Quote paper
- Angelika Felser (Author), 2004, Das Lesen des Holocaust. Zur Rolle von Lesen und Literatur bei Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ und Ruth Klügers „weiter leben“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/324387