Zum Spracherwerb von Kindern werden die unterschiedlichsten Meinungen vertreten. Die einen schließen sich dem nativistischen Erklärungsmodell von Chomsky an und meinen, bestimmte Sprachkenntnisse seien angeboren und es gebe ein von der Geburt an genetisch festgelegtes Wissen, die sogenannte Universalgrammatik. Andere hingegen streiten diese Position vollkommen ab und stimmen eher dem behavioristischen Modell nach Skinner zu. Sie sind davon überzeugt, dass nur der Lernmechanismus vererbt werde; alles andere müsse man sich nach und nach einzeln aneignen. Den Spracherwerb könne man im Allgemeinen als Imitation bezeichnen. Die Umwelt liefere dem Kind sprachliche Vorbilder; richtige Äußerungen verstärke man durch Lob. Je häufiger ein Wort oder eine Äußerung verstärkt werde, desto mehr festige es sich im Sprachrepertoire eines Kindes. Nach diesem Prinzip werde dann im Laufe der Kindheit die komplette Sprache angeeignet.
Doch wie sieht es eigentlich bezüglich des Erwerbs bestimmter grammatischer Bereiche aus? Im Allgemeinen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit dem Erwerb eines grammatischen Bereichs der deutschen Sprache; nämlich der sogenannten Nominalphrase. Die Nominalphrase ist der am häufigsten vorkommende Phrasentyp des Deutschen, doch wie wird diese eigentlich von Kindern erworben? Die Frage, ob es einen bestimmten Erwerbsverlauf für den Nominalphrasenerwerb, der bei allen Kindern in gleicher Weise aufritt, gibt, wird hier untersucht.
Im Fokus dieser Untersuchung steht die Nominalphrasenflexion, die im Anschluss an das Erwerben einer simplen Nominalphrase folgt und eine Voraussetzung für die korrekte Bildung dieser bildet. Nachdem die Arbeit einen kurzen Überblick über die Thematik, die der Frage auf den Grund geht, verschafft, geht es im nächsten Schritt mit der Schilderung der sogenannten Phasen des Nominalphrasenerwerbs weiter. Im Anschluss wird auf die sogenannte Referenzmöglichkeit der deutschen Sprache, welche für die Nominalphrase von großer Bedeutung ist, eingegangen. Nach Abschließen dieser beiden Themenbereiche setzt die Arbeit ihren Fokus auf die Flexion von Nominalphrasen. Zur intensiven Veranschaulichung wird eine Studie von Said Sahel herangezogen, welche sich mit dem Flexionserwerb von L1- und L2-Schülern beschäftigt. Dieser thematische Bereich wird mit der Schilderung eines Kompetenzstufenmodells für die Leistungen und den Erwerbsverlauf der Schüler hinsichtlich dieses grammatischen Bereichs abgeschlossen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung in die konkrete Thematik
2.1 Phasen des Nominalphrasenerwerbs
2.2 Differenzierung des Referenzraumes einer Nominalphrase
3. Die Nominalphrasenflexion
3.1 Studie zur Veranschaulichung
3.1.1 Die auffälligsten Fehlerquellen
3.1.2 Spezifische Leistungsdarstellung von Kindern mit DaZ
3.1.3 Ein Kompetenzstufenmodell für die Leistungsbewertung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Spracherwerb von Kindern im Hinblick auf die deutsche Nominalphrase, mit einem besonderen Fokus auf deren Flexion und der Frage, ob diesem Prozess eine chronologische Abfolge zugrunde liegt.
- Erwerbsphasen der deutschen Nominalphrase
- Mechanismen der Referenzbildung
- Herausforderungen der Nominalphrasenflexion (Kasus, Genus, Numerus)
- Vergleich zwischen L1- und L2-Schülern
- Kompetenzstufenmodell zur Leistungsbewertung
Auszug aus dem Buch
3. Die Nominalphrasenflexion
Die Voraussetzung für die anschließende Analyse der Morphosyntax einer Nominalphrase, beinhaltet das Wissen darüber, dass die Komponenten einer Nominalphrase nach Kasus, Numerus und Genus flektiert werden. Diese Morphosyntax kann erst dann vollständig erfasst werden, wenn dreigliedrige Nominalphrasen berücksichtigt werden. Im Allgemeinen bildet der Erwerb der Nominalphrasenflexion einen der problematischsten und schwierigsten grammatischen Bereiche des Deutschen. Dies liegt zum einen an der hohen Komplexität, zum anderen am hohen, kognitiven Aufwand, welcher mit dem Lernen verbunden ist. Dieser kognitive Aufwand kommt dadurch zustande, dass der Lerner mehrere Dinge gleichzeitig beachten muss, um eine dreigliedrige Nominalphrase korrekt flektieren zu können. Diese zu beachtenden Dinge sind auf der einen Seite das Erlernen der Kongruenz von Artikelwörtern, Adjektiven und Substantiven in Kasus, Numerus und Genus, auf der anderen Seite aber auch das Wissen über die korrekte Verteilung der Flexive auf die einzelnen Komponenten der Nominalphrase.
Hierbei wird das Flexiv entweder am Artikel oder am Adjektiv realisiert, wobei Letzteres Lernern schwieriger fällt. Die so hohe Komplexität des Erwerbs der Nominalphrasenflexion sorgt dafür, dass dieser Bereich dementsprechend mehr Zeit in Anspruch nimmt, als manch andere grammatische Bereiche. Obwohl das Kind mit dem Abschließen seines dritten Lebensjahres in der Lage dazu ist, dreigliedrige Nominalphrasen zu bilden, schließt es keine fehlerfreie Flexion mit ein. Vielmehr weist das Kind noch deutliche Unsicherheiten im Hinblick auf die Bildung des Kasus und Genus auf. Auch das Kongruenzverhältnis innerhalb einer Nominalphrase bereitet ihm noch Schwierigkeiten. Ein simples Beispiel hierfür ist: „Ich sehe einen großer Mann“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die verschiedenen Theorien zum Spracherwerb gegenüber und führt in die Problematik des Nominalphrasenerwerbs sowie der Nominalphrasenflexion ein.
2. Einführung in die konkrete Thematik: Dieses Kapitel erläutert die Phasen des Nominalphrasenerwerbs und die grundlegende Bedeutung der Referenzbildung für die Nominalphrase.
2.1 Phasen des Nominalphrasenerwerbs: Hier werden die drei Entwicklungsphasen des Nominalphrasenerwerbs detailliert beschrieben, von eingliedrigen über zweigliedrige bis hin zu dreigliedrigen Strukturen.
2.2 Differenzierung des Referenzraumes einer Nominalphrase: Dieser Abschnitt thematisiert die Rolle der Nominalphrase bei der Differenzierung referentieller Intentionen in den verschiedenen Erwerbsphasen.
3. Die Nominalphrasenflexion: Das Kapitel befasst sich mit der hohen Komplexität und den kognitiven Anforderungen bei der korrekten Flexion von Nominalphrasen hinsichtlich Kasus, Genus und Numerus.
3.1 Studie zur Veranschaulichung: Hier wird eine Studie an Realschülern vorgestellt, die Kasus- und Genusfehler in Lückentexten bei L1- und L2-Schülern untersucht.
3.1.1 Die auffälligsten Fehlerquellen: Dieser Unterpunkt analysiert spezifische Konstellationen wie die Adjektivflexion und den Dativ, die den Schülern besondere Schwierigkeiten bereiten.
3.1.2 Spezifische Leistungsdarstellung von Kindern mit DaZ: Hier werden die Ergebnisse der L2-Schüler vertieft, wobei zusätzliche Unsicherheiten bei der internen Kongruenz der Nominalphrase aufgezeigt werden.
3.1.3 Ein Kompetenzstufenmodell für die Leistungsbewertung: Dieses Kapitel stellt ein probabilistisches Stufenmodell vor, um die Leistungen der Schüler systematisch in verschiedene Kompetenzniveaus einzuordnen.
4. Fazit: Das Fazit bestätigt, dass der Erwerb der Nominalphrase und ihrer Flexion als chronologische Abfolge zu verstehen ist und fasst die Hauptergebnisse der Arbeit zusammen.
Schlüsselwörter
Nominalphrase, Nominalphrasenflexion, Spracherwerb, Kasus, Genus, Numerus, Kongruenz, Referenz, Deutsch als Zweitsprache, DaZ, Sprachwissenschaft, Erwerbsphasen, Kompetenzstufenmodell, Morphosyntax, Artikelerwerb
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Spracherwerb von Kindern, wobei der Fokus gezielt auf dem grammatischen Bereich der Nominalphrase und deren komplexer Flexion liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die chronologische Abfolge der Erwerbsphasen, die Differenzierung von Referenzobjekten sowie die Herausforderungen bei der Flexion hinsichtlich Kasus, Genus und Numerus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, ob es beim Erwerb der Nominalphrase und ihrer Flexion eine feste, chronologische Abfolge gibt oder ob dieser Prozess willkürlich verläuft.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Literaturanalyse und bezieht sich zur Veranschaulichung auf eine empirische Studie, in der Daten von 47 Realschülern mittels eines Auswertungsrasters analysiert wurden.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Mittelpunkt?
Im Hauptteil stehen die verschiedenen Phasen des Erwerbs, die Problematik der Nominalphrasenflexion sowie die differenzierte Betrachtung von Fehlerquellen bei L1- und L2-Schülern im Vordergrund.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Nominalphrase, Flexion, Erwerbsreihenfolge, Kongruenz, Sprachkompetenz und DaZ-Kontext.
Warum ist die Flexion am Adjektiv für Lerner besonders schwierig?
Die Arbeit zeigt, dass die akustische Unterscheidung der Flexionsendungen sowie die Notwendigkeit, mehrere grammatische Kategorien gleichzeitig korrekt zu markieren, einen hohen kognitiven Aufwand erfordern.
Was besagt das im Text vorgestellte Kompetenzstufenmodell?
Das Modell ordnet die Leistung der Schüler in ein probabilistisches System von Niveaus ein, das von noch inkongruenten Produktionen bis hin zur korrekten Beherrschung der komplexesten Flexionsaufgaben reicht.
Welche Unterschiede zeigen sich zwischen L1- und L2-Schülern in der Studie?
Obwohl beide Gruppen ähnliche Fehlerquellen aufweisen, zeigen die Daten, dass L2-Schüler insgesamt deutlich schlechtere Leistungen in der korrekten Nominalphrasenflexion erbringen als L1-Schüler.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Erwerbsabfolge?
Die Autorin kommt zu dem eindeutigen Schluss, dass es sich beim Erwerb der Nominalphrase und deren Flexion um eine chronologische Abfolge handelt, die sich in drei eng miteinander verknüpfte Phasen unterteilen lässt.
- Arbeit zitieren
- Ayse Sahbaz (Autor:in), 2015, Spracherwerb bei Kindern. Der Erwerb der Nominalphrase und ihrer Flexion, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/322784