Die vorliegende Arbeit wird verschiedene Studien zum Thema Melody-Lead betrachten und seine Entstehung sowie die Frage nach der Wahrnehmung des Melody-Lead-Effekts untersuchen. Darüber hinaus soll auch das Tempo rubato im früheren Sinne eine wichtige Rolle spielen, da untersucht werden soll, welchen Einfluss es auf die Lebendigkeit des Klavierspiels haben kann.
Vor wenigen Jahrzehnten konnte man noch leicht entscheiden, ob die Musik, die man gerade hört von einem echten Musiker oder einer Maschine gespielt wird – oftmals gab bereits der klangliche Aspekt Auskunft darüber. Ebenso fehlte der durch einen Computer gespielten Musik die Lebendigkeit und die Ausdruckskraft. Doch dieses Bild änderte sich, als die computergenerierten Sounds den realen Instrumentenklängen besser nachempfunden werden konnten und man sich auch mit dem Thema der musikalischen Ausdruckskraft beschäftigte. Ein bekannter Vertreter dieses Forschungsgebiets ist Werner Goebl.
Töne, die innerhalb einer Partitur gleichzeitig notiert sind (Akkorde), werden in der Realität nur selten wirklich gleichzeitig angeschlagen. Diese schlicht wirkende Beobachtung veranlasste Werner Goebl zu zahlreichen sehr komplexen Studien über Asynchronitäten im Klavierspiel. So untersuchte er in einer 2011 veröffentlichten Studie mit dem Namen „Die ungleichzeitige Gleichzeitigkeit des Spiels: Tempo rubato in Magaloffs Chopin und andere Asynchronizitäten“ den sogenannten Melody-Lead-Effekt und das Tempo rubato im früheren Sinne. Eine Stimme, die vom Pianisten hervorgehoben werden soll, wird von diesem nicht nur lauter, sondern auch etwas eher gespielt (Melody-Lead), so die Annahme. Im Folgenden soll hinterfragt werden, ob dieser Effekt Teil des bewussten Ausdrucksvermögens des jeweiligen Pianisten ist oder ob dies mit den baulichen Gegebenheiten des Klaviers zu tun hat und damit als ein Ergebnis dynamischer Differenzierung von verschiedenen Stimmen angesehen werden kann. Werner Goebl geht in diesem Zusammenhang auf verschiedene Erklärungsversuche ein und konnte dabei seine selbst erhobenen Daten mit in seine Betrachtungen einbeziehen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Melody-Lead-Effekt
2.1 Definition
2.2 Die Entstehung des Melodie-Lead-Effekts
2.3 Die Wahrnehmung des Melody-Lead-Effekts
3 Das Tempo rubato
3.1 Definition
3.2 Der Magaloff-Komplex
3.3 Das Tempo rubato in Magaloffs Chopin
4 Fazit
5 Quellen
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Phänomene des Melody-Lead-Effekts sowie des Tempo rubato im Klavierspiel unter wissenschaftlichen Aspekten, insbesondere durch die Analyse computergestützter Daten. Das primäre Ziel ist es zu ergründen, ob diese Spielweisen bewusste Ausdrucksmittel des Pianisten sind oder ob sie durch die physikalisch-mechanischen Gegebenheiten des Klaviers bedingt werden.
- Wissenschaftliche Grundlagen der Ton-Asynchronitäten (Melody-Lead-Effekt).
- Analyse der Velocity-Artefact-Hypothese im Klavierspiel.
- Untersuchung der menschlichen Wahrnehmung von zeitlichen und dynamischen Asynchronitäten.
- Historische und praktische Einordnung des Tempo rubato.
- Empirische Auswertung von Interpretationsdaten (Magaloff-Chopin-Komplex).
Auszug aus dem Buch
Die Entstehung des Melody-Lead-Effekts
Werner Goebl betrieb verschiedene Forschungen, um die Velocity-Artefact-Hypothese zu untersuchen. In einer ersten Studie spielten 22 professionelle Pianisten (Konzertfachstudenten und Klavierprofessoren der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien) Ausschnitte aus Werken Frédéric Chopins auf einem Computerflügel von Bösendorfer unter Studiobedingungen ein. Zu den Stücken gehörten unter anderem die ersten 45 Takte der Ballade op. 38, manchen auch bekannt unter dem Namen Ballade Nr. 2 in F-Dur und die ersten 21 Takte der Étude op. 10 Nr. 3.
Das durchschnittliche Alter der Probanden lag bei 27 Jahren (der Jüngste war 19, der älteste 51), darunter 13 Männer und 9 Frauen. Sie bekamen die Partituren für die Studie einige Tage zuvor, durften die Partituren jedoch auch in der Studie verwenden. Ihren ersten Klavierunterricht bekamen sie durchschnittlich im Alter von sechseinhalb Jahren. Ungefähr die Hälfte aller Probanden spielte mehr als zehn öffentliche Konzerte im Jahr.
Um nun herauszufinden, ob die Pianisten die Tasten asynchron anschlagen oder ihre Finger die Tasten zur selben Zeit aber mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten drücken, sodass die Hämmer zu unterschiedlichen Zeiten auf den Saiten auftreffen, müssen die Finger-Tasten-Kontaktzeiten ermittelt werden. Zwei Möglichkeiten zur Ermittlung wären, die Finger durch eine Videokamera zu beobachten oder elektronische Messgeräte direkt an der Klaviatur anzubringen. Werner Goebl leitet die Finger-Tasten-Kontaktzeiten von der Zeit ab, die der Hammer benötigt, um von seiner Ruhestellung bis zu den Saiten zu gelangen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, ob musikalische Ausdruckskraft durch computergestützte Analyse von Spielweisen wie dem Melody-Lead-Effekt objektivierbar ist.
2 Der Melody-Lead-Effekt: In diesem Kapitel werden Definitionen, Entstehung und Wahrnehmung des Effekts unter Einbeziehung der Velocity-Artefact-Hypothese theoretisch und empirisch beleuchtet.
3 Das Tempo rubato: Hier wird der historische Kontext des Tempo rubato untersucht und anhand der Magaloff-Interpretationen von Chopin quantitativ analysiert.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, die verdeutlichen, dass Klavierspiel durch komplexe physikalische Wechselwirkungen geprägt ist, die als musikalisches Ausdrucksmittel dienen.
5 Quellen: Dieses Verzeichnis listet sämtliche wissenschaftliche Literatur und Datenquellen auf, die zur Erstellung der Arbeit herangezogen wurden.
Schlüsselwörter
Melody-Lead-Effekt, Tempo rubato, Klavierspiel, Asynchronität, Velocity-Artefact-Hypothese, Werner Goebl, Musikinterpretation, Computergestützte Musikanalyse, Magaloff, Chopin, Dynamik, Anschlag, Ausdrucksfähigkeit, Klaviertechnik, Wahrnehmungspsychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Untersuchung von Ton-Asynchronitäten im Klavierspiel, insbesondere den Melody-Lead-Effekt und das Tempo rubato, unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die physikalische Mechanik des Klaviers, die Wahrnehmung von Zeit- und Lautstärkeunterschieden beim Musikhören sowie die Analyse historischer Interpretationsdaten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist zu klären, ob beobachtete Spielasynchronitäten bewusstes Ausdrucksmittel des Künstlers sind oder physikalisch bedingte Artefakte aufgrund der Klaviermechanik.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine computergestützte Analyse von Klavierinterpretationen (z.B. mittels MIDI-Daten) genutzt, um statistische Korrelationen zwischen Anschlagdynamik und zeitlichem Einsetzen der Töne zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert ausführlich die Definitionen von Melody-Lead und Tempo rubato, diskutiert die Velocity-Artefact-Hypothese und wertet empirische Daten aus Studien (unter anderem mit Nikita Magaloff) aus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Melody-Lead-Effekt, Tempo rubato, Velocity-Artefact-Hypothese, Klaviertechnik und computergestützte Aufführungsanalyse geprägt.
Inwiefern beeinflusst die Klaviermechanik den Melody-Lead-Effekt?
Durch die baulichen Gegebenheiten des Klaviers führt ein stärkerer Anschlag (höhere Geschwindigkeit des Hammers) dazu, dass der Ton physikalisch früher erklingt, was als Melody-Lead-Effekt wahrgenommen wird.
Warum ist das Tempo rubato im früheren Sinne schwer umsetzbar?
Es erfordert vom Pianisten, in einer Hand strikt metronomisch zu bleiben, während die andere Hand rhythmisch vollkommen frei agiert, was eine hohe technische und kognitive Anforderung darstellt.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2016, Der Melody-Lead-Effekt und das Tempo Rubato im Klavierspiel, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/322682