Nach dem Regimewechsel in der Ukraine im Februar 2014 stellte sich durch die russische Argumentation zur Rechtfertigung einer Intervention die völkerrechtliche Frage der Anerkennung von Regierungswechseln. Die Frage der Anerkennung einer Regierung entscheidet nicht nur im Falle der Ukraine über die völkerrechtliche Legitimität eines Militäreinsatzes und hat somit weitreichende Folgen im Völkerrecht.
Zentrale Fragestellung dabei ist, ob die Legitimität einer Regierung Voraussetzung des völkerrechtlichen Verkehrs ist. Nach einer Darstellung der relevanten Sachverhalte um den Regierungswechsel werden mögliche Kriterien zur völkerrechtlichen Anerkennung von Regierungen eingeführt, die dann an- hand der Reaktionen der wichtigsten beteiligten Akteure eingeordnet werden. Abschließend wird die Fragestellung anhand der gesammelten Ergebnisse und mithilfe von allgemeinen Erwägungen zum Völkerrecht beantwortet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Euromaidan: Zwischen Verfassung, Revolution und Legitimität
2.1 Der Euromaidan als Bürgerprotest
2.2 Der Regimewechsel und seine Verfassungsmäßigkeit
2.3 Effektivität und innere Destabilisierung
2.4 Auseinanderfallen von Legalität und Legitimität
3. Überblick: Anerkennung von Regierungen zwischen Effektivität und Legitimität
3.1 Anerkennung im klassischen Völkerrecht
3.1.1 Effektivitätsprinzip
3.1.2 Konstitutionelles Legalitätsprinzip und Tobar-Doktrin
3.1.3 Demokratisches Legitimitätsprinzip
3.1.4 Estrada-Doktrin und Abschaffung der Anerkennung
3.2 Das Ende des Kalten Krieges - Auf dem Weg zu einer völkerrechtlichen Demokratienorm?
4. Völkerrechtliche Reaktionen auf den ukrainischen Regimewechsel
4.1 Europäische Union und USA
4.2 Russland
4.3 Weitere Akteure
4.3.1 Weißrussland
4.3.2 Kanada
4.3.3 Vereinte Nationen
4.4 Fazit
5. Anerkennung und legitime Regierung: Auswirkungen des Euromaidan
5.1 Abschließende Bemerkungen zur Anerkennung
5.2 Zur russischen Argumentation bezüglich Intervention auf Einladung einer „Exilregierung“
5.3 Antwort auf die Fragestellung: Legitime Regierung als Voraussetzung des völkerrechtlichen Verkehrs?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die völkerrechtliche Bedeutung des Begriffs der "legitimen Regierung" im Kontext von Regimewechseln, exemplarisch dargestellt anhand der Ereignisse in der Ukraine im Jahr 2014. Ziel ist die Klärung der Forschungsfrage, ob die Legitimität einer Regierung eine notwendige Voraussetzung für die Teilnahme am völkerrechtlichen Verkehr ist.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Legalität, Legitimität und Effektivität bei Regimewechseln.
- Untersuchung klassischer Anerkennungsprinzipien im Völkerrecht wie dem Effektivitätsprinzip und der Tobar-Doktrin.
- Empirische Einordnung der völkerrechtlichen Reaktionen internationaler Akteure auf den Regimewechsel in der Ukraine.
- Kritische Würdigung der russischen Argumentation hinsichtlich einer Intervention auf Einladung einer "Exilregierung".
Auszug aus dem Buch
3.1 Anerkennung im klassischen Völkerrecht
Entwickelt aus dem System nach dem Westfälischen Frieden von 1648 war das klassische Völkerrecht durch den Grundsatz der souveränen Gleichheit der Staaten, sowohl nach innen als auch nach außen, durchdrungen. Aus den Prinzipien par in parem non habet imperium sowie par in parem non habet iudicium erwächst deshalb eine Neutralität des klassischen Völkerrechts gegenüber innerstaatlicher Politik, was innerstaatliche Regimewechsel einschließt. Diese Neutralität erstreckt sich auch auf verschiedene Regierungsformen: In der von der UN-Generalversammlung 1970 einstimmig angenommenen Friendly Relations Declaration ist unter dem Grundsatz der souveränen Gleichheit der Staaten das Recht jedes Staats verankert, „sein politisches, soziales, wirtschaftliches und kulturelles System frei zu wählen und zu entwickeln.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik des Regimewechsels in der Ukraine 2014 und die daraus resultierende völkerrechtliche Fragestellung zur Legitimität als Voraussetzung für staatliche Anerkennung.
2. Der Euromaidan: Zwischen Verfassung, Revolution und Legitimität: Zusammenfassung der Ereignisse des Euromaidan, der Amtsenthebung Janukowytschs und der daraus resultierenden Spannung zwischen Legalität der Ablösung und tatsächlicher Effektivität der Übergangsregierung.
3. Überblick: Anerkennung von Regierungen zwischen Effektivität und Legitimität: Theoretische Untersuchung verschiedener Völkerrechtsdoktrinen zur Anerkennung von Regierungen, von klassischen Prinzipien bis hin zur Debatte über eine entstehende völkerrechtliche Demokratienorm.
4. Völkerrechtliche Reaktionen auf den ukrainischen Regimewechsel: Empirische Analyse der verschiedenen völkerrechtlichen Positionierungen und Anerkennungspraxen der EU, der USA, Russlands sowie weiterer ausgewählter Akteure.
5. Anerkennung und legitime Regierung: Auswirkungen des Euromaidan: Zusammenfassende Einordnung der Ergebnisse und Beantwortung der zentralen Forschungsfrage zur Rolle der Legitimität im völkerrechtlichen Verkehr.
Schlüsselwörter
Völkerrecht, Regimewechsel, Anerkennung, Ukraine, Euromaidan, Legitimität, Legalität, Effektivitätsprinzip, Souveränität, Interventionsverbot, Übergangsregierung, Exilregierung, Diplomatie, Staatsgewalt, Demokratiegebot.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der völkerrechtlichen Perspektive auf den Regimewechsel in der Ukraine 2014 und der Frage, welche Kriterien für die Anerkennung neuer Regierungen durch die internationale Gemeinschaft ausschlaggebend sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die völkerrechtliche Anerkennungspraxis, das Spannungsfeld zwischen Effektivität und Legitimität sowie die Auswirkungen dieser Kriterien auf diplomatische Beziehungen und militärische Interventionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob der Nachweis einer "legitimen Regierung" eine zwingende Voraussetzung für die Teilnahme eines Staates am völkerrechtlichen Verkehr darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine theoretische Herleitung der Anerkennungsprinzipien im Völkerrecht, kombiniert mit einer empirischen Analyse der realen Reaktionen verschiedener internationaler Akteure auf den spezifischen Fall des ukrainischen Regimewechsels.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung klassischer und moderner Anerkennungsdoktrinen sowie eine detaillierte Untersuchung der Reaktionen von Akteuren wie der EU, den USA und Russland auf die Ereignisse in der Ukraine.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Souveränität, Effektivitätsprinzip, Legitimität, Regimewechsel und völkerrechtlicher Verkehr charakterisiert.
Warum wird die russische Argumentation bezüglich einer "Exilregierung" kritisch hinterfragt?
Die Arbeit hinterfragt diese Argumentation, da sie als Rechtfertigung für eine militärische Intervention genutzt wurde, was das klassische Völkerrecht und die hohen Hürden für Interventionen auf Einladung berührt.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt der Autor hinsichtlich der Effektivität?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die tatsächliche effektive Kontrolle über Staatsgebiet und Bevölkerung weiterhin die vorherrschende Voraussetzung im Völkerrecht für die Anerkennung einer Regierung ist.
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- Jonathan Old (Author), 2016, Die Perspektive des Völkerrechts auf den Regimewechsel in der Ukraine 2014, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/322590