Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem um 1350 von Taddeo Gaddi geschaffenen Fresko im Refektorium von Santa Croce in Florenz. Das von Giorgio Vasari zunächst Giotto zugeschriebene Werk bedeckt die gesamte westliche Giebelwand des Innenraumes bis zu den Dachschrägen und zeigt über einer lebensgroßen Abendmahlszene im Zentrum eine Kreuzigung als Baum des Lebens, umgeben von vier kleineren Bildfeldern mit Heiligengeschichten. Im Folgenden sollen die genannten Darstellungen eingehend beschrieben werden, bevor eine gesonderte Untersuchung der bildimmanenten Raum- und Perspektivkonstruktion folgt.
Im Besonderen will ich dabei die eine narrative Sukzession erzeugenden Bildelemente erschließen und deren Wirkung auf den Betrachter im Verhältnis zum erzeugten Bildraum untersuchen. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse schließt sich zu guter Letzt ein Vergleich mit anderen Florentiner Abendmahlsfresken der Zeit an, woraufhin ein abschließendes Resümee die Ergebnisse der Untersuchung zusammenfasst. Eine besondere malerische Qualität sieht ganz offenbar bereits Giorgio Vasari im Refektoriumsfresko von Santa Croce, das er in seinen Viten dann auch Gaddis Lehrer und Unterstützer Giotto zuschreibt.
Unter richtiger Zuschreibung wird den Fresken seit der Umwandlung des Refektoriums in einen Ausstellungsraum 1884 erneut gesteigerte Aufmerksamkeit zu teil, die sich vor allem in der Auseinandersetzung mit der zentralen Kreuzigungsdarstellung als Baum des Lebens äußert. Die 2000 erschienene Dissertation Stefanie Felicitas Ohligs zu Florentiner Refektorien ergänzt die bisherigen Analysen zum Abendmahlsfresko als auch insbesondere zum Baum des Lebens durch eine Untersuchung des Verhältnisses zwischen biblischer Überlieferung und tatsächlicher Umsetzung durch Taddeo Gaddi.
Weiterhin finden sich Erwähnungen in Überblickswerken zur Malerei der Zeit oder zu Santa Croce . Wobei eben dort mit der Baroncelli- und der Castellani-Kapelle als Werke Taddeo Gaddis sowie mit der Bardi- und der Peruzzi-Kapelle als Werke Giottos oder seiner Werkstatt in der Stiftskirche prominentere Werke meist im Zentrum der allgemeinen wie auch der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit stehen. Was nicht zuletzt auch der leichteren Zugänglichkeit der Kapellen geschuldet sein dürfte, während das Refektorium im einst für Laien nicht zugänglichen Bereich des baulichen Komplexes angesiedelt ist.
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung
II Refektorium Santa Croce im Klosterkomplex
III Fresko im Refektorium Santa Croce
III.I Abendmahl
III.II Baum des Lebens
III.III Heiligengeschichten
III.III.I Fußwaschung Christi durch Maria Magdalena
III.III.II Heiliger Benedikt in der Einsamkeit
III.III.III Armenspeisung durch Ludwig von Toulouse
III.III.IV Stigmatisation des Franz von Assisi
IV Summa
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Raum- und Perspektivkonstruktion des um 1350 entstandenen Freskos von Taddeo Gaddi im Refektorium von Santa Croce. Dabei liegt der Fokus auf der narrativen Sukzession der Bildelemente und deren raumtheoretischer Wirkung auf den Betrachter.
- Analyse der Raum- und Perspektivkonstruktion in den Fresken.
- Untersuchung der narrativen Bildelemente und deren Betrachteransprache.
- Kontextualisierung des Werkes innerhalb des franziskanischen Klosterkomplexes.
- Vergleich der Abendmahlsdarstellung mit zeitgenössischen Florentiner Werken.
- Interpretation ikonographischer Programme wie dem "Baum des Lebens".
Auszug aus dem Buch
III.II Baum des Lebens
Dabei handelt es sich um eine monumentale Kreuzigungsdarstellung als Baum des Lebens, die in einem hochrechteckigen Bildfeld bis zur Giebelspitze reicht und etwa die Hälfte der gesamten Giebelfläche oberhalb des Abendmahls einnimmt. Ohlig sieht für diese Darstellung Bonaventuras Schrift Lignum Vitae als literarische Grundlage, nach der Gaddi arbeitete. In einer vergleichenden Untersuchung beschreibt Ohlig zahlreiche Indizien für eine sorgsam genaue Übernahme Bonaventuras literarischer Basis. Da es sich dabei nicht um das Kernthema dieser Arbeit handelt, sollen im Folgenden nur die wichtigsten Aspekte der Darstellung Erwähnung finden: Inhaltliche Grundlage ist die Gleichsetzung des in der Johannes-Offenbahrung beschriebenen „Baum des Lebens“ mit dem Kreuz Christi. An diesem ist der mit blass-dunklem Inkarnat und zur Brust gesunkenem Kopf dargestellte angeschlagen. Ein Nagel gibt den auf einem Suppedaneum übereinander gelegten Füßen halt. Auch die ausgestreckten Arme des mit einem goldenen Nimbus versehenen Gottessohnes sind mit je einem Nagel am Querbalken befestigt. Eine Tabula über dem erschlafften Körper informiert über die Identität des derart hingerichteten: „Hiesus Nazarenus Rex Iudeorum“. Zum Baum des Lebens wird die Kreuzigung durch einen reichen Überbau aus entrollten Rotuli, Text- und Bildnismedaillons sowie Ranken. Die zwölf beschriebenen Früchte übersetzt Bonaventura in Tugenden oder Aspekte des Lebens Christi, welche Taddeo Gaddi wiederum in Form ausgerollter Rotuli als Zweige mitsamt schwer daran lastender Früchte als Medaillons umsetzt. Dabei sind die Texte darin mehrheitlich identisch mit Kapitelüberschriften in Bonaventuras Schrift, wie Ohlig feststellt.
Zusammenfassung der Kapitel
I Einleitung: Vorstellung des Forschungsobjekts, des Freskos von Taddeo Gaddi, und Erläuterung der methodischen Zielsetzung zur Untersuchung der Raumkonstruktion.
II Refektorium Santa Croce im Klosterkomplex: Einbettung des Speiseraums in die bauliche Geschichte und klösterliche Struktur der Basilika Santa Croce.
III Fresko im Refektorium Santa Croce: Detaillierte ikonographische und formale Analyse des zentralen Abendmahls sowie der darüber liegenden Kreuzigungsdarstellung.
III.I Abendmahl: Analyse der Abendmahlsszene als Basis der Gesamtdarstellung und deren Wirkung durch die isokephale Figurenreihung.
III.II Baum des Lebens: Untersuchung der monumentalen Kreuzigungsdarstellung als ikonographisches Programm basierend auf Bonaventuras Schriften.
III.III Heiligengeschichten: Analyse der vier flankierenden Bildfelder und deren Bedeutung für die Vermittlung franziskanischer Tugenden.
III.III.I Fußwaschung Christi durch Maria Magdalena: Interpretation der architektonischen Rahmung und der perspektivischen Gestaltung dieses spezifischen Bildfeldes.
III.III.II Heiliger Benedikt in der Einsamkeit: Betrachtung der Felsformationen und der erzählerischen Dynamik innerhalb dieser hagiographischen Darstellung.
III.III.III Armenspeisung durch Ludwig von Toulouse: Untersuchung der Narration und der architektonischen Hierarchisierung in dieser spezifischen Szene.
III.III.IV Stigmatisation des Franz von Assisi: Analyse der komplexen Raum- und Lichtregie sowie der ikonographischen Anlehnung an das Vorbild Giottos.
IV Summa: Zusammenfassende Betrachtung der innovativen Raumkonstruktion Gaddis und dessen Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen.
Schlüsselwörter
Taddeo Gaddi, Santa Croce, Florenz, Refektoriumsfresko, Abendmahl, Baum des Lebens, Raumkonstruktion, Perspektive, Ikonographie, Franziskaner, Stigmatisation, Giotto, Kunstgeschichte, Mittelalter, Trecento.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse eines um 1350 geschaffenen Wandfreskos von Taddeo Gaddi im Refektorium von Santa Croce in Florenz.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Ikonographie des "Baum des Lebens", die erzählerische Gestaltung von Heiligengeschichten und die spezifische Raum- sowie Perspektivkonstruktion des Künstlers.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die bildimmanente Raumkonstruktion zu erschließen und die narrative Sukzession der Bildelemente im Hinblick auf deren Wirkung auf den Betrachter zu untersuchen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine formale Bildanalyse angewandt, die durch kunsthistorische Vergleiche mit zeitgenössischen Werken, insbesondere denen von Giotto, ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Publikation behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Register des Freskos: das Abendmahl, die Kreuzigung als Baum des Lebens sowie die vier flankierenden Bildfelder mit Heiligenviten.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Begriffe wie Raum- und Perspektivkonstruktion, narrative Sukzession, franziskanische Ikonographie und Betrachteransprache definieren den methodischen Kern der Arbeit.
Wie löst Taddeo Gaddi die Herausforderung, eine zentrale Figur in einem komplexen Bildprogramm hervorzuheben?
Gaddi nutzt hierfür eine leicht angedeutete Bedeutungsperspektive, die durch architektonische Rahmungen oder isolierende Lichteffekte unterstützt wird, um die inhaltlich wichtigsten Akteure vom Hintergrund abzuheben.
Warum spielt die Perspektive des Judas eine besondere Rolle für den Betrachter?
Da Judas als einziger Jünger dem Betrachter den Rücken zukehrt, positioniert er sich als Bindeglied zwischen dem realen Betrachterraum und der im Fresko dargestellten biblischen Szenerie.
- Arbeit zitieren
- Symon Johannes Schirmer (Autor:in), 2016, Taddeo Gaddi. Das Refektoriumsfresko Santa Croce in Florenz, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/322329