„Ab sofort zahlt jeder der zu spät kommt für jede Minute 10 Cent!“ Wie viele Arbeitsberatungen, Teambesprechungen oder Sportstunden wurden schon mit diesem Satz oder einem ähnlichen Satz eingeleitet? Auch in der Presse ist häufig von Kindergärten, Schulen und Vereinen zu lesen, die Strafgebühren für das Zuspätkommen erheben.
Die Idee, Pünktlichkeit durch die Einführung eines Strafzinses herbeizuführen, ist auf den ersten Blick nachvollziehbar. Bisher wurde das Zuspätkommen nicht durch eine solche monetäre Strafe sanktioniert. Durch die Einführung der Strafe steigen nun die Kosten für das Zuspätkommen, weshalb ein nutzenmaximierender homo oeconomicus unter sonst gleich bleibenden Bedingungen versuchen wird, künftig pünktlich zu erscheinen, um sein Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht zu verschlechtern. Folglich führt bereits die Androhung einer Strafe entsprechend der Hypothese der Abschreckung ceteris paribus dazu, dass Regeln, Gesetze und Normen eingehalten werden.
Diese Hypothese wird jedoch von URI GNEEZY und ALDO RUSTICHINI in dem Artikel „A fine is a price“, in welchem eine Feldstudie an mehreren Kindertageseinrichtungen (KiTa) beschrieben wird, in Frage gestellt. Einige Eltern kamen erst nach der eigentlichen Öffnungszeit, um ihre Kinder abzuholen, weshalb ein Erzieher so lange bleiben musste, bis alle Kinder abgeholt wurden. Um diesem Verhalten der Eltern entgegenzuwirken, wurde ein Bußgeld für jene Eltern eingeführt, die ihre Kinder erst nach der Schließzeit abholten. Doch entgegen der Erwartung, dass aufgrund des Bußgeldes weniger Eltern ihre Kinder zu spät abholen werden, stieg deren Anzahl signifikant an. Wie kommt es zu diesem aus standardökonomischer Sicht nicht rationalem Verhalten?
In der vorliegenden Arbeit wird zunächst der Aufbau der Fallstudie von URI GNEEZY und ALDO RUSTICHINI dargestellt und die Erklärungsansätze der beiden Autoren skizziert. Anschließend wird das formale Modell von CHUNG-CHENG LIN und C.C. YANG zur Erklärung des Verhaltens der Eltern erörtert und veranschaulicht. Schließlich werden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Erklärungen diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Feldstudie von GNEEZY und RUSTICHINI
2.1 Aufbau der Feldstudie
2.2 Ergebnisse der Feldstudie
2.3 Erklärungsansätze der Autoren
2.4 Kritik
3 Formaler Erklärungsansatz nach LIN und YANG
3.1 Darstellung des formalen Modells
3.2 Untersuchung des formalen Modells
4 Diskussion
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das paradoxe Phänomen, warum die Einführung von Bußgeldern bei Verspätungen – entgegen der klassischen Abschreckungshypothese – zu einer Zunahme des unerwünschten Verhaltens führen kann. Ziel ist es, die ökonomischen und psychologischen Mechanismen hinter diesem Effekt anhand einer Feldstudie und eines formalen Modells zu durchleuchten.
- Analyse der Feldstudie von Gneezy und Rustichini zu Verspätungen in Kindertagesstätten.
- Untersuchung der psychologischen Kosten bei der Verletzung sozialer Normen.
- Darstellung des formalen Modells von Lin und Yang zur Erklärung des Verhaltens von Eltern.
- Diskussion der Auswirkungen von extrinsischen Anreizen auf intrinsische Motivation.
- Kritische Würdigung der Wirksamkeit von kleinen vs. unbedeutenden Bußgeldern.
Auszug aus dem Buch
2.1 Aufbau der Feldstudie
Um die Auswirkung einer Geldbuße auf das Verhalten von Eltern und die Häufigkeit, wie oft sie ihre Kinder zu spät von einer KiTa abholen, zu studieren, wurden von Januar bis Juni 1998 insgesamt 10 private Einrichtungen in Israel über eine Zeit von 20 Wochen beobachtet. Die KiTas befanden sich alle im gleichen Teil der Stadt Haifa und waren von 07:30 Uhr bis 16:00 Uhr geöffnet. Zu Beginn der Studie gab es keine Vereinbarung, was passiert, wenn die Eltern die Kinder nach 16:00 Uhr abholen.
Zunächst wurde die Ausgangssituation festgestellt, indem lediglich die Anzahl der Eltern, die zu spät kamen, 4 Wochen lang erfasst wurde. Anschließend wurde in 6 zufällig ausgewählten Einrichtungen ein Bußgeld in Höhe von 10 Schekeln (umgerechnet etwa 2,72 Dollar beziehungsweise etwa 2,50 Euro) pro Kind für jene Eltern eingeführt, die 10 Minuten oder mehr zu spät kamen. Die Einführung des Bußgeldes erfolgte durch eine Information auf dem schwarzen Brett der jeweiligen KiTa. Die übrigen 4 Einrichtungen dienten als Kontrollgruppe, hier wurde keine Strafgebühr eingeführt.
Mit Beginn der siebzehnten Woche wurde das Bußgeld durch eine Information auf dem schwarzen Brett ohne weitere Erklärungen wieder aufgehoben.
Die Höhe des Bußgeldes wurde von GNEEZY und RUSTICHINI so festgelegt, dass sie relativ klein, aber nicht unbedeutend ist. Vergleichsweise wird darauf hingewiesen, dass ein Babysitter damals etwa 15-20 Schekeln pro Stunde verdiente und dass das durchschnittliche Bruttoeinkommen in Israel zu dieser Zeit etwa 5.595 Schekel betrug.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die ökonomische Hypothese ein, dass monetäre Strafen regelwidriges Verhalten verhindern, und stellt das Gegenbeispiel der Feldstudie von Gneezy und Rustichini vor.
2 Feldstudie von GNEEZY und RUSTICHINI: Dieses Kapitel präsentiert das Design und die überraschenden Ergebnisse der Feldstudie in israelischen Kindergärten, in denen das Bußgeld zu einem Anstieg der Verspätungen führte.
3 Formaler Erklärungsansatz nach LIN und YANG: Hier wird ein mathematisches Modell entwickelt, das psychologische Kosten der Normverletzung einbezieht, um zu erklären, warum die Anzahl der Verspätungen nach Einführung der Gebühr ansteigt und hoch bleibt.
4 Diskussion: Das Kapitel vergleicht verschiedene Erklärungsmodelle, hinterfragt die ceteris paribus-Klausel und diskutiert den Einfluss sozialer Normen im Kontext von Bußgeldern.
5 Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass kleine Bußgelder kontraproduktiv wirken können, da sie den Appell an Moral und Anstand durch eine ökonomische Preiswahrnehmung ersetzen.
Schlüsselwörter
Bußgeld, Zuspätkommen, Abschreckungshypothese, Homo oeconomicus, Feldstudie, Soziale Normen, Psychologische Kosten, Unvollständiger Vertrag, Pünktlichkeitsregel, Anreizsysteme, Intrinsische Motivation, Grenznutzen, Compliance, Verdrängungseffekt, Israelische Kindertagesstätten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das ökonomische Paradoxon, warum die Einführung von Geldstrafen bei Zuspätkommen in bestimmten Situationen dazu führen kann, dass die Frequenz des unerwünschten Verhaltens entgegen der Abschreckungstheorie deutlich ansteigt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die verhaltensökonomische Analyse von Anreizstrukturen, die Wirksamkeit sozialer Normen, der Vergleich zwischen verschiedenen Modellen zur Erklärung von Verspätungsraten und die kritische Reflektion der klassischen Abschreckungshypothese.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu begründen, warum insbesondere kleine Bußgelder einen konträren Anreiz ausüben können, der dazu führt, dass die unter Strafe gestellte Handlung in der Praxis zunimmt statt abnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Sekundäranalyse einer empirischen Feldstudie von Gneezy und Rustichini sowie die Herleitung und Untersuchung eines formalen mathematischen Modells von Lin und Yang.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Rohdaten der Feldstudie in israelischen Kindergärten dargestellt. Anschließend wird ein Modell entwickelt, das Verspätungen nicht als rein monetäres Problem, sondern als Kosten-Nutzen-Abwägung unter Berücksichtigung von psychologischen Scham- und Schuldgefühlen interpretiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem die Abschreckungshypothese, soziale Normen, psychologische Kosten, der "Homo oeconomicus" und die Preiswahrnehmung bei unvollständigen Verträgen.
Warum führt ein Bußgeld laut der Arbeit zu mehr Verspätungen?
Das Bußgeld verändert die Wahrnehmung des Verhaltens: Aus einem moralischen Akt (pünktliches Abholen aus Höflichkeit) wird eine reine kommerzielle Dienstleistung ("A fine is a price"). Dadurch entfallen die psychologischen Kosten für das schlechte Gewissen, was das Zuspätkommen "günstiger" erscheinen lässt.
Was bedeutet der Titel "Warum zu wenig schon zu viel sein kann"?
Der Titel spielt darauf an, dass ein Bußgeld, das zwar vorhanden, aber zu gering angesetzt ist, weder effektiv abschreckt noch die moralische Hemmschwelle erhält, sondern lediglich den "Preis" für die Regelverletzung festsetzt, was zu einer Zunahme des Fehlverhaltens führt.
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- B.A. Thomas Brösicke (Author), 2015, Warum Bußgelder nicht immer abschrecken. Erklärungsansätze und Studien im Überblick, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/322012