Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Darstellung der Transformationsprozesse unter dem Einfluss kolonialer und globaler Leitbilder am Beispiel der Stadt Fes, Marokko. Im ersten Teil der Arbeit werden die städtebauliche Entwicklung vom Gründungsakt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts sowie die charakteristischen Merkmale der orientalischen Stadt in beispielhafter Form aufgezeigt. Dabei liegt der Fokus auf der Vermittlung der Funktionsweise und den Besonderheiten von orientalischen Städten.
Aufbauend auf diesen Grundlagen werden anschließend die städtebaulichen Interventionen des frühen 20. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit chronologisch vorgestellt sowie die Notwendigkeiten der jeweiligen Planungsszenarien und ihre Auswirkungen und Konsequenzen hinterfragt. Schon während des französischen Protektorats, vor allem aber in den Jahrzehnten danach, hat die Medina von Fes tief greifende Wandlungen erfahren. Dabei wird unter anderem das zentrale Problem des Verfalls der Medina thematisiert, um die diversen Faktoren und Ursachen der Stadtveränderung deutlich machen zu können.
Abschließend werden aktuelle Entwicklungstendenzen mit ihren unmittelbaren Wechselwirkungen auf die soziokulturelle Struktur angesprochen: Die Medina im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter der Globalisierung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frühe Stadtgeschichte (bis 1912)
2.1. Ausbreitung des Islams
2.2. Geographische Lage
2.3. Das Netz der Königstädte
2.4. Die Entwicklung von Fes el-Bali bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
3. Stadtentwicklung in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts
3.1. Die Entstehung der „ville nouvelle“
3.2. Stadtstruktur der „ville nouvelle“
3.3. Soziokulturelle Segregation
4. Stadtentwicklung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts
4.1. Ursache – Wirkung – Problem?
4.1.1. Abwertung der Altstadt durch Bevölkerungsaustausch
4.1.2. Missverhältnis der Investitionen
4.2. Stagnation der Medina
4.3. Integration der Medina
4.4. Neue Richtlinien der Stadtentwicklung
4.4.1. Stärkung des Rückgrates - verkehrliche Erschließung
4.4.2. Die Frage der Zentralität
4.4.3. Funktionale Reorganisation
4.5. Aktuelle Tendenzen
4.5.1. Ausländische Bevölkerung in den Medinas
5. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die städtebaulichen Transformationsprozesse der marokkanischen Stadt Fes unter dem Einfluss kolonialer und globaler Leitbilder. Die zentrale Forschungsfrage hinterfragt, wie sich die historischen Strukturen der Medina durch externe städtebauliche Interventionen und soziokulturelle Veränderungen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in das Zeitalter der Globalisierung entwickelt haben.
- Historische Entwicklung der orientalischen Stadtstruktur bis zur Protektoratszeit.
- Einfluss französischer Planungsideologien und die Entstehung der „ville nouvelle“.
- Soziale und bauliche Auswirkungen der Segregation zwischen Alt- und Neustadt.
- Aktuelle Tendenzen der Gentrifizierung und Revitalisierung durch ausländisches Kapital.
Auszug aus dem Buch
Die Entstehung der „ville nouvelle“
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Funktionen städtischen Lebens, Wohnens und Arbeitens auf die beiden ummauerten Arealen der Medinas von Fes el-Bali und Fes Djedid beschränkt geblieben. Dies änderte sich, als die französischen Truppen im Mai 1911 in Fes einzogen. Zuerst richteten sich die Franzosen ebenfalls in Sommerpalästen, Villen und Gartenpavillons im Südwesten von Fes el-Bali ein. 1914 wurde der Gartenpalast von Dar el-Beida Amtssitz des Generalresidenten Marshall Lyautey. Es mussten zur Unterbringung weiterer Ämter und Behörden auf noch freien Gartengrundstücken Neubauten errichtet werden. In diesen befinden sich auch heute noch die analogen Dienststellen des Königreichs Marokko.
Jedoch war die Unterbringung der Militärverwaltung in den Randlagen der Medina von Fes el-Bali nur als Provisorium gedacht. Marshall Lyautey hatte bereits die „Französisierung“ der Altstadtbereiche in Algerien und die daraus resultierende Zerstörung der traditionellen Bausubstanz als auch gewachsenen Sozialstrukturen der Medinas kennen gelernt. Lyautey hatte Achtung und Verständnis für die islamische Kultur und wollte ähnliche katastrophale Fehlentscheidungen wie in Algerien in den Großstädten Marokkos verhindern. Somit stellte er Grundprinzipien der französischen Stadtentwicklungspolitik auf:
- eine Hauptachse stellt das Rückgrat der neuen Stadtanlage dar,
- in vielen Fällen ist diese Achse auf ein besonderes Gebäude der Medina ausgerichtet (Moschee),
- an dieser Hauptachse reihen sich die Gebäude der Verwaltung und öffentlichen Dienstleistungen,
- zwischen der „ville nouvelle“ und der Medina ist eine von Bebauung freigehaltene Grünzone vorgesehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Fokus auf die städtebaulichen Transformationsprozesse in Fes und skizziert den zeitlichen Rahmen der Untersuchung.
2. Frühe Stadtgeschichte (bis 1912): Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kontext der Stadtgründung und die prägenden Faktoren der orientalischen Stadtstruktur vor der Kolonialzeit.
3. Stadtentwicklung in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts: Hier wird der Einfluss der französischen Protektoratsmacht und die konzeptionelle Entwicklung der „ville nouvelle“ analysiert.
4. Stadtentwicklung in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts: Dieses Kapitel untersucht die sozialen und räumlichen Konsequenzen des Bevölkerungswandels sowie neuere Planungsansätze zur Integration der Medina.
5. Resümee: Das Fazit fasst die drei Hauptphasen der Stadtentwicklung zusammen und bewertet die heutige Situation der Medina im Kontext globaler Einflüsse.
Schlüsselwörter
Fes, Marokko, Medina, Stadtentwicklung, Kolonialzeit, Protektorat, ville nouvelle, Transformationsprozesse, Stadtstruktur, Gentrifizierung, Stadtplanung, UNESCO, Integration, Altstadt, Globalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert, wie sich die Stadtstruktur von Fes, Marokko, durch koloniale und globale Einflüsse seit dem frühen 20. Jahrhundert bis heute verändert hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen umfassen die historische Entwicklung der Medina, die Auswirkungen französischer Stadtplanung, die soziale Segregation und die aktuelle Revitalisierung der Altstadt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Transformationsprozesse und die Notwendigkeiten der Planungsszenarien sowie deren Konsequenzen für die traditionelle orientalische Stadtstruktur kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine chronologische Analyse städtebaulicher Interventionen, ergänzt durch die Untersuchung historischer Entwicklungskonzepte und aktueller soziokultureller Trends.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Protektoratszeit, die darauffolgende Stagnation der Medina sowie die modernen Bemühungen zur Integration und Reorganisation der Stadtfragmente.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wichtigsten Begriffe sind Fes, Medina, Stadtentwicklung, Protektorat, ville nouvelle, Gentrifizierung und Transformation.
Welche Rolle spielt die „ville nouvelle“ für die Medina?
Die „ville nouvelle“ wurde als moderne, westlich orientierte Stadt neben der Medina errichtet, was zu einer dauerhaften räumlichen und sozialen Trennung der beiden Systeme führte.
Wie beeinflusst der heutige Tourismus die Altstadt?
Der Tourismus führt vermehrt zu einem Verkauf von Immobilien an Europäer, die diese als Gästehäuser oder für private Zwecke sanieren, was den Stadtteil aufwertet, aber auch soziale Konflikte und Gentrifizierungsprozesse fördert.
- Arbeit zitieren
- Nico Schröter (Autor:in), 2004, Stadtentwicklung Fes - Transformation orientalischer Stadtstrukturen unter dem Einfluss kolonialer und globaler Leitbilder, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/32136