Der deutsche Bundeskanzler wechselt seine Meinung auf Grund von Meinungsumfragen, die englischen „Spin-Doctors“ bestimmen mit Instrumenten der Marktforschung, welche Politik Tony Blair verfolgen soll und in der Schweiz wird der SVP vorgeworfen, sie besitze keine Grundeinstellung, ihre Politik werde ausschliesslich von Parteistrategen1 bestimmt. In den letzten Jahren ist das der Eindruck entstanden, Parteien würden, ähnlich wie Verkaufsartikel, den Marktgegebenheiten angepasst, derweil Ideologien in den Hintergrund treten oder ganz ausgeblendet werden.
„Das manische Bestreben der „Spin-Doctors“, das Bild der Regierung in Medien und Öffentlichkeit positiv zu beeinflussen,“ so schreibt beispielsweise die Neue Zürcher Zeitung „hat dazu geführt, dass ihren Verlautbarungen auch dann misstraut wird, wenn sie sachlich und wahrheitsgetreu sind.“ (NZZ, 2000). Es wird also grundsätzlich angenommen, Politiker lügen, beziehungsweise ihre Aussagen entsprechen nicht dem, was sie denken. George Gorton, einer der einflussreichsten „Spin-Doctors“ (Nixon, Reagan, Schwarzenegger) erzählt, wie er 1996 von Boris Jelzin engagiert wurde und ihm zur Wiederwahl verhalf: „Ich wollte gerade mit meinem Guru nach Bali fasten und meditieren gehen, als jemand anrief und sagte: ‚Mr. Gorton, wir wissen alles über Sie. Wir wollen, dass Sie morgen nach Russland kommen.’ (…) Als ich in Moskau ankam, lag Jelzin in den Umfragen bei sechs Prozent, vier Kandidaten lagen vor ihm.“ (Weltwoche, 2003) Ohne Jelzin jemals zu treffen, schaffte es Gorton, den kranken, alkoholsüchtigen Präsidenten so zu positionieren, dass er über die Hälfte der Stimmen erzielte. Gorton’s Rezept: „We find out what the voters want, and we give it to them“ („Spinning Boris“, 2003).
In Zentraleuropa wird oftmals Tony Blair als der erste Politiker wahrgenommen, der seine Politik auf Wählerumfragen basiert. Sogar Mitglieder seiner Partei stellen unterdessen in Frage, ob er wirklich ideologische Werte besitzt, oder lediglich nach der optimalen Position sucht. (Rudolf Rechsteiner: „Für mich ist Blairs Labour-Partei nicht mehr sozialdemokratisch“, BZ, 2003). Auch die sonst eher zurückhaltende Financial Times zweifelt an Blairs Werten. Einen Artikel über seine Ausrichtung betitelt sie mit „Blah Blah Blair“ (NZZ, 2002).
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
1.1 Forschungsfrage
1.2 Relevanz
1.3 Aufbau der Arbeit
2 Theorie
2.1 Public Choice
2.1.1 Die Nachfrage
2.1.1.1 Das Wahlverhalten
2.1.1.2 Das Proximity Modell
2.1.1.3 Das Directional Modell
2.1.1.4 Das Directional Model mit Penalty und Region of Acceptability
2.1.2 Das Angebot
2.2 Die Dimensionalität der politischen Raumes
2.3 Research Design
3 Daten
3.1 Die Nachfrage
3.2 Das Angebot
4 Operationalisierung
4.1 Die Nachfrage
4.1.1 Das Proximity Modell
4.1.2 Das Directional Modell
4.1.3 Das Directional Modell mit Penalty und Region of Acceptability
4.1.4 Die Güte der Modelle
4.2 Die Dimensionalität des politischen Raumes
4.2.1 Die Nachfrage
4.2.2 Das Angebot
5 Resultate
5.1 Die Dimensionalität des politischen Raumes
5.1.1 Die Nachfrage in den Dimensionen
5.1.2 Das Angebot in den Dimensionen
5.1.3 Die Perfekte Partei
5.1.3.1 Das Proximity Modell
5.1.3.2 Das Directional Modell
5.1.3.3 Das Directional Modell mit Penalty und Region of Acceptability
6 Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, welche politischen Inhalte eine neu zu gründende Partei priorisieren müsste, um einen maximalen Wähleranteil zu erreichen. Unter Anwendung von Public-Choice-Theorien und verschiedenen Modellen zum Wählerverhalten wird auf Basis von Schweizer Daten aus dem Jahr 1999 die ideale Positionierung im politischen Raum ermittelt.
- Anwendung von Public Choice Ansätzen auf das Parteiensystem.
- Vergleich von Proximity- und Directional-Modellen der Wahlentscheidung.
- Analyse der Dimensionalität des Schweizer politischen Raumes mittels Faktoranalyse.
- Konstruktion und Positionierung einer theoretischen "Perfekten Partei".
- Evaluation der Modellgüte und Überprüfung der Realitätsnähe.
Auszug aus dem Buch
2.1.1.3 Das Directional Modell
Von Donald E. Strokes (1963) stammt eine fundamentale Kritik an Downs Theorie. Er argumentiert, Wähler nähmen politischen Themen gar nicht auf die Art wahr, wie dies Downs unterstellte: Sie können ihre Position nämlich nicht auf einer Issue-Skala einordnen, so Strokes, sondern lediglich beurteilen, ob sie für oder gegen eine Vorlage sind. Das Proximity Modell basiere auf einer aus der kognitiven Psychologie bekannten Methode, die sehr valide sei, wenn es um eindeutige Entscheide gehe, wie die Präferenzen von verschiedener Farben. In der Politik seien die Issues aber selten so klar und die Entscheidung entstehe mehr aus einem Gefühl heraus als aus einer klaren Evaluation von Information[en].
Downs selber räumte ein, dass die Wähler unsicher seien im Bezug auf die eigene Position, Strokes aber postuliert, dass es gar keine Issue-Positionen gibt. In Umfragen würde nicht die Stärke gemessen, mit welcher der Befragte ein Thema annimmt oder verwirft, sondern die Intensität, mit welcher er das Issue als solches bewertet: Wie wichtig ist dem Subjekt diese politische Frage? Die Issue - Skala wird auch von Strokes gebraucht – allerdings mit einer anderen Interpretation als von Downs: Sie messe, so Strokes, nicht die präzise Position der Parteien / Wähler, sondern sei zu verstehen als Indikator für die Intensität, mit welcher eine Haltung vertreten wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Hinführung zum Thema der strategischen Parteipositionierung und Erläuterung der Forschungsfrage sowie der Zielsetzung der Arbeit.
2 Theorie: Darstellung der Public Choice Modelle, insbesondere des Proximity- und des Directional-Modells, sowie Erläuterung der Annahmen zur Rationalität der Akteure.
3 Daten: Beschreibung der verwendeten Datensätze aus der Schweizer Nachbefragung 1999 sowie der Zeitungsanalysen zur Erhebung der Parteipositionen.
4 Operationalisierung: Erläuterung des methodischen Vorgehens bei der Modellberechnung, einschließlich der mathematischen Definitionen der verschiedenen Ansätze und deren Güteprüfung.
5 Resultate: Präsentation der Ergebnisse zur Faktoranalyse und der verschiedenen Modellrechnungen für die ideale Position der Perfekten Partei.
6 Schlussfolgerung: Synthese der Ergebnisse und Beantwortung der Ausgangsfrage, kritische Würdigung der Modellannahmen und Ausblick auf weiterführende Analysen.
Schlüsselwörter
Public Choice, Proximity Modell, Directional Modell, Wählerverhalten, Issue-Voting, politische Dimensionen, Parteipositionierung, Schweizer Parteiensystem, rationale Wahlentscheidung, Faktoranalyse, Politische Strategie, Wahlpotential, Parteiprogramm, Modellgüte, Region of Acceptability
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie eine Partei ihre Inhalte optimieren müsste, um mit dem Ziel der reinen Stimmenmaximierung im Schweizer politischen Raum bestmöglich positioniert zu sein.
Welche theoretischen Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentral sind Theorien der Public Choice, insbesondere das Proximity-Modell und das Directional-Modell, sowie die Analyse der Dimensionalität des politischen Raumes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die theoretische Konstruktion einer "Perfekten Partei" und die Identifikation ihrer idealen Position, die das größte Wählerpotential anspricht.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es werden eine Faktoranalyse zur Bestimmung politischer Dimensionen sowie Iterationsverfahren zur Modellierung von Wählerstimmen und zur Bestimmung optimaler Parteipositionen eingesetzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die theoretische Herleitung der Modelle, die Operationalisierung dieser Theorien anhand empirischer Daten von 1999 und die detaillierte Darstellung und Diskussion der erzielten Resultate.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Public Choice, Proximity- und Directional-Modell, rationale Wahlentscheidung, politische Dimensionen und das Wählerpotential im Schweizer Kontext.
Warum wurde für die Analyse das Jahr 1999 als Untersuchungszeitraum gewählt?
Die Arbeit stützt sich auf die Selects-Daten von 1999, da dies zum Zeitpunkt der Entstehung der Arbeit die verfügbare Basis für eine repräsentative Analyse der Wählerpräferenzen darstellte.
Warum erzielt das Directional-Modell bei der SVP andere Resultate als erwartet?
Die SVP erzielt trotz ihrer extremen Position einen im Vergleich zur SP geringeren Wähleranteil, weil ihre Position geografisch bzw. inhaltlich in einer Region mit sehr geringer Wählerdichte im Koordinatensystem liegt.
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- Simon Brunner (Author), 2004, Die Perfekte Partei, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/32105