Seit Inkrafttreten des Grundgesetzes im Mai 1949 sind Frauen und Männer in Deutschland laut Artikel 3 vor dem Gesetz gleichberechtigt. Dass dies jedoch in der Realität in einiger Hinsicht anders aussah beziehungsweise aussieht, soll im Rahmen dieser Hausarbeit beleuchtet werden.
Neutral formulierte Gesetzestexte und Verordnungen sind keine Garantie für eine Rechtssituation, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, wie es sich die Bundesrepublik eigentlich zur Maxime gemacht hat. Der deutsche Wohlfahrtsstaat hat nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und auch darüber hinaus weiterhin die traditionelle Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern verfestigt und Frauen systematisch durch bestimmte Sozialleistungssysteme benachteiligt. Feministische Sozialwissenschaftlerinnen, aber auch ideologisch anders orientierte (männliche) Wissenschaftler haben diese Tatsache bereits empirisch dargelegt.
Die zentralen Fragen, die sich durch diese Thematik ergeben, lauten, inwiefern sich die soziale Lage der Frauen in Deutschland von 1945 ab verändert hat und welche Faktoren maßgeblich dafür waren. Des Weiteren, ob das „(männliche) Ernährer-Modell“, welches im Verlauf dieser Arbeit erläutert wird, heute immer noch aktuell ist beziehungsweise welches Sozialstaatsmodell heute in Deutschland ausgeprägt ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorgeschichte – Die Lage der Frauen in Deutschland vom 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts
3. Theoretische Ansätze und Modelle des europäischen Wohlfahrtsstaats in geschlechterspezifischer Perspektive
4. Der westdeutsche Wohlfahrtsstaat und die Geschlechterfrage von 1945-1990
5. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die soziale Lage von Frauen in Deutschland seit 1945 und beleuchtet kritisch, inwiefern staatliche Sozialpolitik das traditionelle „Ernährer-Modell“ verfestigt oder durch institutionelle Rahmenbedingungen Benachteiligungen für Frauen geschaffen hat.
- Historische Entwicklung der Frauenrolle und Frauenbewegungen in Deutschland.
- Theoretische Typologien von Wohlfahrtsstaaten im Kontext geschlechterspezifischer Ungleichheit.
- Die Rolle des Familien-, Sozial- und Steuerrechts bei der Zementierung geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung.
- Transformationen und Reformen im deutschen Sozialstaat von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart.
Auszug aus dem Buch
4. Der westdeutsche Wohlfahrtsstaat und die Geschlechterfrage von 1945-1990
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rechnete man zunächst mit einem „Traditionsbruch“ in den Geschlechterrollen. Es ergaben sich aus dem Krieg resultierende Massennotstände für die Sozialpolitik, welche sich mit dem traditionellen Zuschnitt der Sozialversicherung unmöglich auffangen ließen. Somit waren es in der Nachkriegszeit weniger die Erwerbstätigen, die durch ihren Lohn den Unterhalt und die tägliche Versorgung der Familie sicherten, sondern diejenigen, die den Haushalt führen, Nahrung beschaffen und zubereiten sowie die Wohnung warm halten konnten. Dieser Aufgabenbereich lag traditionell in der Hand der Frauen. Außerdem kam hinzu, dass ein erheblicher Teil der Männer durch den Krieg nicht mehr zu ihren Familien zurückkehren konnten, da sie entweder im Krieg gefallen, in Kriegsgefangenschaft geraten oder vermisst waren. Man bezeichnet die Nachkriegsjahre daher als „Stunde der Frauen“.
Auch in politischer Hinsicht schien eine Neuausrichtung naheliegend zu sein. Man debattierte darüber, ob man den Weg hin zur Einheits- und Volksversicherung einschlagen sollte. Dies hätte wiederum Auswirkungen auf die geschlechterspezifische Verteilung von Sozialleistungen gehabt und hätte somit die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im Sozialstaat aufgehoben. Dazu ist es jedoch nicht gekommen. Man knüpfte stattdessen an das alte System an, da die sozialpolitischen Entscheidungsträger der westdeutschen Länderregimes und der frühen Bundesrepublik die Massennotstände der Nachkriegszeit vielmehr als vorübergehende Kriegsfolge ansahen. Man war der Meinung, dass sich der Sozialstaat somit nicht dauerhaft auf die Probleme einzustellen hätte, da befristete Sonderregelungen ausreichen würden, um die Missstände aufzufangen. Stattdessen wollte man sich auf die Stabilisierung vermeintlich „normaler“ Geschlechterrollen nach bürgerlichem Leitbild konzentrieren. Somit galten alleinerziehende und erwerbstätige Mütter lediglich als Sonderfall, der in Randbereiche der Sozialpolitik verbannt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Diskrepanz zwischen der gesetzlichen Gleichberechtigung nach Artikel 3 des Grundgesetzes und der realen Benachteiligung von Frauen durch sozialpolitische Strukturen im deutschen Wohlfahrtsstaat.
2. Vorgeschichte – Die Lage der Frauen in Deutschland vom 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung des traditionellen Rollenbildes nach, das Frauen in der Vormundschaft der Ehemänner sah, und beleuchtet die frühen Erfolge der Frauenbewegung.
3. Theoretische Ansätze und Modelle des europäischen Wohlfahrtsstaats in geschlechterspezifischer Perspektive: Hier werden wissenschaftliche Konzepte zur Typologisierung von Sozialstaaten vorgestellt, wobei der Fokus auf der Integration von Care-Arbeit und der Kritik am klassischen „Ernährer-Modell“ liegt.
4. Der westdeutsche Wohlfahrtsstaat und die Geschlechterfrage von 1945-1990: Das Kapitel analysiert, wie die westdeutsche Sozialpolitik nach dem Krieg durch christliche Leitbilder und das Subsidiaritätsprinzip das männliche Familienernährer-Modell aktiv stützte und rechtlich verankerte.
5. Schluss: Der Schlussteil fasst die tiefgreifenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte zusammen und diskutiert, dass trotz zunehmender Erwerbsbeteiligung von Frauen das Ernährer-Modell weiterhin eine prägende normative Kraft in der Gesellschaft darstellt.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsstaat, Geschlechterrolle, Sozialpolitik, Ernährer-Modell, Care-Arbeit, Gleichberechtigung, Frauenerwerbstätigkeit, Familienrecht, Sozialversicherung, Bundesrepublik Deutschland, Gender, Sozialstaatlichkeit, Teilzeitarbeit, Familienpolitik, gesellschaftlicher Wandel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rolle der Frau im deutschen Wohlfahrtsstaat seit 1945 und untersucht, wie sozialpolitische Maßnahmen die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung beeinflusst haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten zählen die geschlechterspezifische Ausgestaltung des Sozialrechts, die historische Entwicklung des Ernährer-Modells sowie der Einfluss von Steuer- und Familienpolitik auf die Erwerbsbiografien von Frauen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit verfolgt die Frage, inwiefern sich die soziale Lage von Frauen in Deutschland seit 1945 verändert hat und welche Faktoren – insbesondere staatliche Regelungen – hierfür maßgeblich waren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine sozialwissenschaftliche Analyse, die auf der Auswertung relevanter Fachliteratur, sozialpolitischer Studien und Statistiken basiert, um geschlechterspezifische Strukturen im Wohlfahrtsstaat kritisch zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Aufarbeitung der Frauenlage vor 1945, eine theoretische Einordnung von Wohlfahrtsstaatsmodellen und eine detaillierte Untersuchung der westdeutschen Sozialpolitik von 1945 bis 1990.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Wohlfahrtsstaat, Ernährer-Modell, Care-Arbeit, Geschlechterrollen und soziale Sicherung.
Wie prägte das Subsidiaritätsprinzip die Sozialpolitik der frühen Bundesrepublik?
Das Subsidiaritätsprinzip führte dazu, dass der Staat erst bei Versagen der familiären Selbsthilfe eingriff, was die Verantwortung für die Betreuung und Erziehung fest in die Hände der Mutter legte und staatliche Betreuungsangebote lange Zeit unnötig erscheinen ließ.
Welche Bedeutung hat das Ehegattensplitting für die Geschlechterrollen?
Das Ehegattensplitting fungiert als steuerliche Förderung der Hausfrauenehe, die finanzielle Anreize schafft, bei denen der Ehepartner mit dem geringeren Einkommen – meist die Frau – seine Erwerbstätigkeit aufgibt oder einschränkt.
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- Svenja Schäfer (Author), 2014, Der deutsche Wohlfahrtsstaat und die Geschlechterfrage, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/320482