Sowohl Nelly Sachs als auch Else Lasker-Schüler haben die Entwurzelung, welche so prägend für ihr jeweiliges Leben war, in ihrem schriftlichen Werk thematisiert. Dennoch stellt man bei genauerer Betrachtung ein Gefühl der Einsamkeit bei beiden Dichterinnen schon vor dem Verlassen Deutschlands fest.
Die Dichterinnen Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs teilen aufgrund ihrer jüdisch-deutschen Herkunft ein gemeinsames, leidvolles Schicksal. Nach der Machtergreifung Hitlers waren beide nicht mehr sicher in Deutschland. Im April 1933, kurz nach Erlassung des ‘Ermächtigunsgesetzes’, flieht Lasker-Schüler nach Zürich in die Schweiz. Sie wird nie mehr in ihr Geburtsland zurückkehren können und stirbt im Januar 1945 in Jerusalem.
Nelly Sachs hingegen verlässt Berlin erst im Mai 1940. Die Einberufung in ein Arbeitslager war schon eingetroffen, als nach jahrelangen Bemühungen ein schwedisches Visum erteilt
wird. In Stockholm lebt Nelly Sachs dreißig Jahre bis zu ihrem Tod 1970.
In dieser Arbeit soll herausgearbeitet werden, wie unterschiedlich dies lyrisch verarbeitet wird. Auf das Leben der älteren Else Lasker-Schüler gehe ich am Anfang ein, darauf folgt eine Betrachtung des Gedichts ‘Die Verscheuchte’. Es schließt sich die Biographie von Nelly Sachs und ihr Poem ‘In der Flucht’ an. Abschließend werde ich wichtigste Punkte aus Werk und Biographie vergleichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Else Lasker-Schüler
2.1. Das Leben der Dichterin
2.1.1. Die Wandlung von ‘Else’ zu ‘Jussuf, Prinz von Theben’
2. 1.2. Die Jahre im Exil – ‘Unerträgliches Dasein’ in Zürich und Jerusalem
2.2. ‘Die Verscheuchte’
3. Nelly Sachs
3.1. Das Leben der Dichterin
3.1.1. Von einer einsamen Kindheit zum ‘Leben unter Bedrohung’
3.1.2. Gerettet, und dennoch ‘In der Flucht’
3.2. ‘In der Flucht’
4. Vergleich und Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die lyrische Verarbeitung der durch die nationalsozialistische Verfolgung erzwungenen Emigration im Werk der Dichterinnen Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs. Dabei wird analysiert, wie das Gefühl der existentiellen Entwurzelung und Einsamkeit, das bei beiden Autorinnen bereits vor dem Exil angelegt war, in ihren spezifischen Fluchtgedichten lyrisch Ausdruck findet und welche Unterschiede in der Bewältigung dieses Schicksals zutage treten.
- Biographische Prägungen der Dichterinnen in ihrer Kindheit und Jugend
- Analyse des Gedichts ‘Die Verscheuchte’ von Else Lasker-Schüler
- Untersuchung des Gedichts ‘In der Flucht’ von Nelly Sachs
- Vergleichende Betrachtung der Exilerfahrungen und ihrer literarischen Transformation
Auszug aus dem Buch
Die Wandlung von ‘Else’ zu ‘Jussuf, Prinz von Theben’
Elisabeth Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld, heute zu Wuppertal gehörend, als sechstes und letztes Kind einer wohlhabenden, bürgerlichen Familie geboren. Diese zählte zu der israelitischen Gemeinde, war jedoch weitesgehend assimiliert. Religionsunterricht wurde der jungen Else sowohl von Rabbinern als auch Geistlichen erteilt. “Joseph und seine Brüder war meine Lieblingsgeschichte und ich durfte sie immer erzählen in der Religionsstunde. Ich sei ja der Joseph von Ägypten selbst, rief eines Tages, ganz dumm, eine Mitschülerin.” Das kleine Mädchen, Else Schüler, entdeckte in der biblischen Gestalt ein Sinnbild und nannte sich selbst Jussuf, der Prinz von Theben. “Ich bin in Theben (Ägypten) geboren, wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam, im Rheinland. Ich ging bis 11 Jahre zur Schule, wurde Robinson, lebte fünf Jahre im Morgenlande, und seitdem vegetiere ich.” fasste die über 50-jährige Else Lasker-Schüler ihre Entwicklung in einem Lebenslauf zusammen, den sie 1920 in einer Anthologie publizierte.
Als Grund für das Verlassen der öffentlichen Schule und den darauf folgenden Unterricht im Elternhaus gibt sie in der Prosa ‘Der letzte Schultag’ eine rheumatische Kinderkrankheit, den Veitstanz, an, den sie “vom ersten Schmerz meines Lebens, den auch das schönste Elternhaus nicht hat verhindern können”, bekam. Dieser erste Schmerz waren antisemitische Ausschreitungen auf dem Heimweg nach Schulschluß; ein anfängliches Gefühl des Nicht-dazu-Gehörens, als Jüdin war sie ausgeschlossen unter den christlichen Mitschülern. Weitere Schmerzen folgten; 1882 starb ihr Lieblingsbruder Paul, acht Jahre später die vergötterte Mutter. Die Trauer verarbeitet Lasker-Schüler lyrisch. Im Gedicht ‘Mutter’, das 1902 in der ersten Gedichtsammlung ‘Styx’ veröffentlicht wurde, heißt es
Ich fühle mein nacktes Leben,
Es stößt sich ab vom Mutterland,
So nackt war nie mein Leben,
[…]
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert das gemeinsame Schicksal der jüdisch-deutschen Dichterinnen Lasker-Schüler und Sachs und führt in die Absicht ein, ihre lyrische Verarbeitung von Entwurzelung und Exil zu vergleichen.
2. Else Lasker-Schüler: Dieses Kapitel zeichnet den Lebensweg Lasker-Schülers von ihrer Kindheit über ihre Zeit als Schlüsselfigur des Expressionismus in Berlin bis hin zu ihrem Exil in Zürich und Jerusalem nach.
2.1. Das Leben der Dichterin: Hier werden die biografischen Hintergründe, die prägenden frühen Schmerzen und die Selbstinszenierung der Dichterin als ‘Jussuf’ thematisiert.
2.1.1. Die Wandlung von ‘Else’ zu ‘Jussuf, Prinz von Theben’: Dieser Abschnitt beleuchtet die frühen Jahre in Elberfeld und die Identitätsbildung der jungen Else Schüler.
2. 1.2. Die Jahre im Exil – ‘Unerträgliches Dasein’ in Zürich und Jerusalem: Der Fokus liegt hier auf den schwierigen Jahren der Flucht, der bürokratischen Ausgrenzung und den letzten Lebensjahren Lasker-Schülers.
2.2. ‘Die Verscheuchte’: Es folgt eine tiefgehende Analyse des Gedichts ‘Die Verscheuchte’, welches die Isolation und Heimatlosigkeit der Dichterin im Exil reflektiert.
3. Nelly Sachs: Dieses Kapitel widmet sich der Biografie von Nelly Sachs, ihrer engen Mutterbindung und ihrem Leben in ständiger Bedrohung bis zur Flucht nach Schweden.
3.1. Das Leben der Dichterin: Der Abschnitt schildert die isolierte Kindheit und die psychologischen Belastungen, die ihre künstlerische Entwicklung prägten.
3.1.1. Von einer einsamen Kindheit zum ‘Leben unter Bedrohung’: Hier wird die Zeit in Berlin unter nationalsozialistischer Herrschaft und die Zuwendung zur jüdischen Mystik dargestellt.
3.1.2. Gerettet, und dennoch ‘In der Flucht’: Dieses Kapitel beschreibt das Überleben in Stockholm unter prekären wirtschaftlichen Bedingungen und den persönlichen Verlust der Mutter.
3.2. ‘In der Flucht’: Eine Analyse des Gedichts ‘In der Flucht’, welches den permanenten Zustand der Flucht und die Hoffnung auf Transzendenz thematisiert.
4. Vergleich und Schlussbetrachtung: Abschließend werden die Lebensläufe und die lyrischen Strategien beider Dichterinnen kontrastierend gegenübergestellt, wobei insbesondere der Umgang mit Heimat und Verlust analysiert wird.
Schlüsselwörter
Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Exillyrik, Flucht, Emigration, Jüdische Identität, Isolation, Heimatlosigkeit, Expressionismus, Kabbala, Verfolgung, Lyrik-Analyse, Nationalsozialismus, Trauma, Heimat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der lyrischen Verarbeitung der Emigration und der damit verbundenen Entwurzelung im Werk der beiden jüdisch-deutschen Dichterinnen Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Analyse ab?
Die zentralen Themen sind biographische Isolation, die Erfahrung von Verfolgung im Nationalsozialismus, das Exil in der Schweiz, Palästina und Schweden sowie der literarische Ausdruck von Heimatlosigkeit und existentieller Not.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie sich das Gefühl der Einsamkeit und das Schicksal der Flucht unterschiedlich in der Lyrik beider Autorinnen manifestieren und welche literarischen Mittel sie zur Bewältigung dieses Schicksals einsetzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine biografische und werkanalytische Methode, um ausgehend von den Lebensumständen der Dichterinnen deren spezifische Gedichte ‘Die Verscheuchte’ und ‘In der Flucht’ zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte biografische und werkanalytische Darstellung beider Dichterinnen, wobei jeweils eine spezifische Lebensphase und ein zentrales Gedicht im Zentrum der Betrachtung stehen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich diese Arbeit charakterisieren?
Typische Schlüsselwörter sind Else Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Exillyrik, Emigration, jüdische Identität, Flucht, Heimatlosigkeit und Isolation.
Wie unterscheidet sich Lasker-Schülers Umgang mit dem Heimatbegriff von dem Nelly Sachs'?
Während bei Lasker-Schüler im Exil die Vorstellung von Heimat vollständig verloren geht, setzt Nelly Sachs an Stelle von Heimat auf die Metaphorik der Verwandlungen der Welt als Form der Hoffnung.
Welche Rolle spielt die Mutterfigur im Leben von Nelly Sachs?
Die Mutterfigur ist für Nelly Sachs einerseits Hort und Heimat, andererseits führt die enge, teils erdrückende Bindung zu einer Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und beeinflusst die psychische Konstitution der Dichterin maßgeblich.
Warum wird Lasker-Schüler als eine "Verscheuchte" bezeichnet?
Der Begriff markiert den Unterschied zum Emigranten, der freiwillig gehen könnte; als "Verscheuchte" bezeichnet sie ihre erzwungene Flucht und das permanente Gefühl, von der Außenwelt vertrieben worden zu sein.
- Quote paper
- B.A. Janina Jasencak (Author), 2010, "Die Verscheuchte" und "Die Flüchtende". Die Auswirkung der Emigration auf die Lyrik von Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/319501