Johann Wolfgang von Goethe, der wohl bekannteste deutsche Dichter unserer Zeit, definierte die literarische Gattung Novelle am 29. Jänner 1827. Gleichzeitig hatte er damit den Titel für seine Erzählung in Prosaform gefunden.
Doch ob die deutsche Novelle nun tatsächlich mit Goethe beginnt, ist gar nicht so leicht zu sagen. Um diese Frage zu beantworten, sollte man sich von gattungsgeschichtlichen Aspekten lösen und überlegen, ob man die ästhetisch-moralischen Forderungen von Goethe für die literarische Rezeption als verbindlich ansehen sollte oder nicht. Um diese Entscheidung treffen zu können, muss man also auch andere Meinungen zu den differenzierten Aspekten, die eine Novelle als solche beschreiben, betrachten.
Literaten wie Christoph Martin Wieland, welcher von einer „Simplizität des Plans“ spricht, und August Wilhelm Schlegel, der die Gattung definiert, indem er nach „merkwürdigen Begebenheiten“ sucht, sind nur ein kleines Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Auffassung der Merkmale dieser Gattung sind. Doch auch die Betrachtung einer bekannten und etwas jüngeren Definition, die von Paul Heyse, darf in einer Arbeit wie dieser nicht fehlen.
Welche Kriterien muss ein Text aufweisen, damit man ihn als Novelle bezeichnen kann? Und warum bezeichnen moderne Literaten ältere Werke als Novelle? In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich hauptsächlich mit Goethes Novellen beschäftigen und seine eigene, die seiner Zeitgenossen und auch modernere Definitionen anhand ausgewählter Texte näher betrachten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Giovanni Boccaccio
3. Deutsche Novellendefinitionen
3.1 Wieland, Schlegel, Schiller, Goethe
3.2 Heyse
4. Goethes Novellen
4.1 Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten
4.3 Die Wahlverwandtschaften
4.2 Die Novelle
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung der Novellendefinition im deutschsprachigen Raum unter besonderer Berücksichtigung der Novellen von Johann Wolfgang von Goethe. Ziel ist es, die gattungstheoretischen Ansätze von Autoren wie Wieland, Schlegel und Heyse mit Goethes eigenen Vorstellungen einer „unerhörten Begebenheit“ zu kontrastieren und anhand ausgewählter Textbeispiele eine Einordnung in die Gattungsgeschichte vorzunehmen.
- Historische Herleitung und Einfluss von Boccaccios „Dekameron“ auf die Gattung Novelle.
- Analyse zeitgenössischer deutscher Novellendefinitionen um die Wende zum 19. Jahrhundert.
- Untersuchung von Goethes novellistischem Schaffen (u.a. „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“).
- Vergleich der Theorieansätze, insbesondere der „Falkentheorie“ nach Paul Heyse.
- Reflexion über die Veränderung von Novellenmerkmalen im Wandel der Zeit und Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der Falkennovelle für die Gattung
Die Geschichte handelt vom Ritter Federigo, der sich unsterblich in die edle Dame Giovanna verliebt. Federigo verliert sein ganzes Hab und Gut, um ihr seine Liebe mit Geschenken zu zeigen. Schließlich bleibt ihm nur noch sein Haus und sein Falke. Nachdem Giovannas Gatte stirbt, zieht sie mit ihrem kleinen Sohn auf ein Landgut, und wird somit zu Federigos Nachbarn. Der Sohn der Dame findet großen Gefallen an den Künsten des Falken und wird krank. Er bittet seine Mutter Federigo zu fragen, ob er denn den Falken haben dürfe, denn so würde er bestimmt schnell wieder gesund werden. Die besorgte Mutter bittet also Federigo sie zum Mittagessen einzuladen, um ihn dann nach dem Falken fragen zu können. Federigo ist hoch entzückt über diesen Vorschlag und möchte die Dame standesgemäß bewirten, tötet den Falken und serviert ihn zum Mittagessen, weil er diese Speise für die beste hält um um sie zu werben. Nach dem Essen meint Giovanna, dass sie in Wirklichkeit gekommen sei, um den Falken für ihren Sohn zu holen. Federigo bricht in Tränen aus und erklärt, dass sie beide den Falken soeben verspeist haben. Giovanna ist gerührt, kehrt aber jedoch mit großer Sorge zu ihrem kranken Sohn zurück. Wenig später verstirbt und Giovanna beschließt Federigo zu heiraten, weil er sogar bereit war, ihr seinen größten Besitz – den Falken – zu opfern. Zusammen leben sie nun ohne Geldsorgen, da Giovanna das Erbe ihres Mannes durch den Tod des Sohnes geerbt hat.
Der Falke gilt als mittelalterliches Symbol der Liebe, aber ist auch bereits seit der Antike jener Vogel, der dem Licht zustrebt, Symbol der Sonne und des Lichtes ist, und somit als Lebenssymbol angesehen wird. Da in der Geschichte ebenso der Tod eine größere Rolle spielt, könnte dem Falken auch das Unglückssymbol zugeordnet werden, da durch den Tod des Falken der Knabe stirbt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Gattungsbestimmung und Darstellung von Goethes zentraler Novellendefinition.
2. Giovanni Boccaccio: Beleuchtung des Ursprungs der Novelle im italienischen „Dekameron“ und der Bedeutung der „Falkennovelle“.
3. Deutsche Novellendefinitionen: Diskussion der theoretischen Ansätze zur Novelle durch zeitgenössische Literaten wie Wieland, Schlegel, Schiller und Heyse.
4. Goethes Novellen: Analyse von Goethes novellistischem Werk, insbesondere der „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, der „Wahlverwandtschaften“ und der Erzählung „Die Novelle“.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Reflexion über die Wandelbarkeit der Gattungsmerkmale im zeitgeschichtlichen Kontext.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Arbeit.
Schlüsselwörter
Novelle, Gattungstheorie, Johann Wolfgang von Goethe, Boccaccio, Dekameron, Falkennovelle, unerhörte Begebenheit, Paul Heyse, Epik, Literaturgeschichte, Gattungsmerkmale, Poetik, Rahmenerzählung, Theoriebildung, Subjektivität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die Entwicklung der Gattung „Novelle“ im deutschen Sprachraum, wobei der Fokus auf Goethes Werken und den Definitionen namhafter Theoretiker liegt.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Gattungsdefinitionen, der Einfluss italienischer Vorbilder, die Rolle von Symbolen wie dem „Falken“ sowie der Wandel literarischer Stoffe im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen verschiedenen Novellentheorien aufzuzeigen und ein besseres Verständnis dafür zu schaffen, warum Autoren und Literaturwissenschaftler unterschiedliche Texte als Novellen kategorisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse von Primärtexten und eine Auseinandersetzung mit einschlägiger Sekundärliteratur zur Novellengeschichte und -theorie.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Diskussion deutscher Novellendefinitionen sowie eine detaillierte Untersuchung spezifischer Novellen von Goethe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Novelle, Gattungstheorie, unerhörte Begebenheit, Falkennovelle und Boccaccio.
Welchen Stellenwert nimmt Boccaccio in der Arbeit ein?
Boccaccio fungiert als historischer Referenzpunkt; sein Werk „Dekameron“ und die darin enthaltene „Falkennovelle“ dienen als wichtiges Vorbild für die deutsche Novellentheorie.
Warum ist Goethes Definition der „unerhörten Begebenheit“ so zentral?
Sie bildet den Kern von Goethes Gattungsverständnis und wird im Text als Maßstab verwendet, an dem sowohl frühere als auch spätere Novellentheorien gemessen und hinterfragt werden.
Was unterscheidet Heyses Theorie von Goethes Ansatz?
Heyse fordert zusätzlich zu inhaltlichen Kriterien wie dem bedeutsamen Schicksal explizit ein symbolisches „Requisit“ oder Motiv, den sogenannten „Falken“, zur Pointierung des zentralen Konflikts.
Welches Fazit zieht die Arbeit über die Gattungsbestimmung?
Das Fazit betont, dass eine exakte Definition der Novelle schwierig bleibt, da sie stark von der Epoche, dem gesellschaftlichen Kontext und der Intention des jeweiligen Autors abhängig ist.
- Quote paper
- Lisa Gebauer (Author), 2014, Goethes Novellen. Betrachtet in Hinblick auf die Novellentheorie des 18. und 19. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/319143